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Amerika

Augen auf beim Autokauf

Fast 11,6 Millionen Menschen haben sich in den USA im vergangenen Jahr ein Auto gekauft. Ich gehörte dazu. Es war ein Erlebnis der besonderen Art.

Fernschreiber Washington (DW-Grafik)

Christina Bergmann, DW-Korrespondentin in Washington (Foto: DW)

Christina Bergmann, DW-Korrespondentin in Washington

Ich hatte mich in den Wagen verliebt. Er fuhr sich sportlich, hatte aber dennoch Platz für fünf Passagiere und Gepäck im Kofferraum, bot Bluetooth fürs Handy, Tempomat für lange Strecken und vor allem: den mp3-Anschluss für den Nachwuchs. Nach reiflichem Nachdenken stand fest: Das Auto kaufe ich mir.

Ich fuhr zu einem Händler, der in der Zeitung lukrative Preise angeboten hatte. Aber als er mir dann die tatsächliche Kostenaufstellung ausdruckte, war ich überrascht. Das lag dann doch weit über dem, was ich erwartet hatte - und über den Angeboten in der Zeitung. Ich bedankte mich höflich und fuhr erst mal wieder nach Hause.

Vergleichen möglichst schwer gemacht

Im Internet fand sich ein Dienst, bei dem nach ein paar Klicks Preisanfragen an mehrere Autohändler der Umgebung abgeschickt waren. Das ist ja einfach, dachte ich. Der erste Anruf eines Händlers erreichte mich schon eine Stunde später. Das 2010er-Modell sei leider schon ausverkauft, aber er könne mir ein 2011er-Wagen anbieten. Der Preis schien ganz vernünftig. Weitere Angebote trudelten per Email ein. Aber schnell wurde mir klar, dass es unmöglich war, sie zu vergleichen.

Die einen boten Schaltwagen an, die andern Automatik. Ich lernte, dass die Fracht nicht immer im Grundpreis enthalten ist und dass die Gebühren für die Zulassung sich um mehrere hundert Dollar unterscheiden können. Ein Angebot aber schien mir wirklich günstig, selbst meine Lieblingsfarbe - graublaumetallic - war vorhanden. Ich rief noch einmal bei der Managerin an, um nachzufragen: "Dies ist wirklich der endgültige Preis?" - "Ja." - "Diesen Rabatt, den bekomme ich auch?" - "Ja" - "Okay, dann komme ich vorbei."

Nebenkosten "vergessen"

In dem Autohaus angekommen, wuchs meine Begeisterung. Alles schien perfekt. Es galt, nur noch die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen, da stutzte ich. Der Preis, der da stand, lag ganze 1200 Dollar über dem, was ich vorher abgefragt hatte. Entsetzt protestierte ich. Der Kundenbetreuer holte die Managerin, die mit dem Ausdruck der Email wedelte, die sie mir geschickt hatte. Sie verwies auf das Kleingedruckte. Die 750 Dollar Fracht habe sie leider vergessen zu erwähnen, das täte ihr Leid. Und da ich nicht schon einen Wagen des gleichen Modells besäße, könne ich leider auch den 500-Dollar-Herstellerrabatt nicht bekommen.

Der Verweis auf unser Telefongespräch brachte gar nichts. Ich war sauer. Sie bot an, doch um 500 Dollar runterzugehen. Ich war immer noch sauer und tat schließlich das einzig Sinnvolle: Ich verließ das Autohaus. In diesem aufgebrachten Zustand sollte man kein Auto kaufen, dachte ich.

Anlocken und Zuschnappen

Auf dem Nachhauseweg schaute ich noch bei einem anderen Autohaus vorbei. Dort stellte ich fest, dass auch deren Angebot einen Rabatt von 1000 Dollar enthielt, den nur frischgebackene College-Absolventen bekommen, was aber vorher keiner erwähnt hatte. Der Manager dort brauchte dann ungefähr 20 Minuten, um mir einen neuen Preis zu nennen. Er lag für das absolut identische Auto 2400 Dollar über dem Angebot, das ich kurz zuvor frustriert abgelehnt hatte. Nach langem Hin und Her war er bereit, um 1800 Dollar herunterzugehen. Dann würde er nur noch 100 Dollar verdienen, erklärte er in weinerlichem Ton, und überhaupt, den anderen Preis würde ich sowieso nicht bekommen.

Ich lehnte dankend ab. Und er gab zu, dass die Preise in Zeitungen und im Internet nur einem einzigen Zweck dienen: Die Kunden in die Geschäfte zu locken. Sind die Käufer erst einmal da und haben den Geruch des neuen Wagens in der Nase, dann, sagte er, "ist der Preis doch unwichtig". Ich sah das anders.

Schlechtes Image

Am nächsten Morgen entschied ich mich, meinen Ärger hinunterzuschlucken. Denn offensichtlich sagte hier niemand die Wahrheit, und das zweite Angebot war trotz der 750 Dollar Fracht ziemlich gut. Ich unterschrieb. Die Managerin entschuldigte und bedankte sich, dass ich wiedergekommen war. Der Kundenberater erklärte, er könne meinen Ärger verstehen und bat mich, bei der Umfrage, die ich bald bekommen würde, trotz allem die volle Punktzahl zu vergeben. Denn es gehe nur um ihn und nicht um seine Managerin.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, auf der Automesse in Detroit beim Hersteller meines neuerworbenen Flitzers vorbeizuschauen. Der Nordamerikachef der Firma erkundigte sich gleich im zweiten Satz unseres Gespräches, wie mich denn der Händler behandelt habe. Offensichtlich überraschte ihn nicht, was ich ihm erzählte. Er könne leider nicht viel machen, sagte er, denn die Händler seien von den Autofirmen unabhängig. Der Kundenfang, wie ich ihn erlebt habe, sei aber eine "Schande" und "ein Spiel, das sie eigentlich nicht spielen müssten". Offensichtlich aber hat es seit langem System und bei dem Image der amerikanischen Autohändler Spuren hinterlassen. Eine Microsoft-Umfrage unter 18- bis 29-Jährigen im vergangenen Jahr ergab: 56 Prozent empfinden es als schmerzhafter, ein Auto zu kaufen als zum Zahnarzt zu gehen.

Autorin: Christina Bergmann, Washington
Redaktion: Ursula Kissel

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