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Politik

Auftrag Mord

Der frühere russische Informationsminister und Duma-Abgeordnete Sergej Juschenkow ist in Moskau auf offener Straße erschossen worden. Es ist nicht der erste Mord an einem russischen Parlamentsabgeordneten.

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Sergej Juschenkow im Februar 2003

Ein Unbekannter hat am Donnerstag (17.4.) dem 52-jährigen Politiker aufgelauert, als dieser im Stadtteil Tuschino im Nordwesten Moskaus vor seinem Haus aus dem Dienstwagen stieg, teilte die Polizei mit. Nachdem er sein Opfer durch mehrere Schüsse getötet hatte, warf der Täter die mit einem Schalldämpfer versehene Pistole weg und flüchtete unerkannt.

Hektische Reaktionen

"Russland ist von einem schrecklichen Terrorakt erschüttert worden", sagte Duma-Präsident Gennadi Selesnjow in Moskau. Er habe keinen Zweifel, dass es ein politischer Mord gewesen sei, sagte er laut Nachrichtenagentur ITAR-TASS. Juschenkows Stellvertreter Viktor Pochmelkin sprach von einem Auftragsmord: "Die Tat trug die Handschrift eines professionellen Killers." Der parteilose Abgeordnete Jurij Rybakow sagte: "Das ist nicht nur die Ermordung von Juschenkow, dem Abgeordneten und Chef der einzig wahren demokratischen Partei. Das ist ein Schlag gegen die ganze demokratische Bewegung in Russland." Der kommunistische Abgeordnete Iwan Nikitschuk verlangte Aufklärung, zumal mit Juschenkow "nicht der erste" Parlamentarier ermordet worden sei: "Putin soll uns sagen, wer das Land regiert: Die Mafia, die Ganoven oder der Präsident."

Politiker als Zielscheibe

Juschenkow war von 1993 bis 1994 Informationsminister Russlands, danach Mitglied des Verteidigungsausschusses der Staatsduma. Außerdem war er Mitglied im Geheimdienstausschuss der Staatsduma und einer der schärfsten Kritiker des Tschetschenienkrieges und der KGB-Nachfolgeorganisation FSB. Er ist der zweite Politiker der "Liberalen Partei Russlands", der einem Attentat zum Opfer fällt. Die Liberale Partei wurde erst im vergangenen Jahr mit Unterstützung des Milliardärs Boris Beresowski gegründet.

Beresowski, der angeblich mit windigen Geschäften sein Vermögen gemacht haben soll, äußerte sich in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP "entsetzt" über den Mord. Im August vorigen Jahres wurde bereits der liberale Duma-Abgeordnete Wladimir Golowljow erschossen, als er seinen Hund spazieren führte. Juschenkow mutmaßte damals, der Mord sei politisch motiviert gewesen. Vielleicht ist das aber auch nicht die ganze Wahrheit: Einige Parlamentsmitglieder spekulierten damals, dass der Auftrag zum Mord auch etwas mit Golowljows Arbeit als Privatisierungskommissar in Sibirien zu tun haben könnte.

Korruption, Intrigen und Interessenkonflikte

Auftragsmorde an russischen Politikern, Geschäftsleuten, Bürgermeistern und Beamten der Steuerfahndung sind nichts Neues in Russland. In den vergangenen neun Jahren wurden insgesamt neun russische Parlamentarier ermordet, die Zahl der weniger hochrangigen Opfer liegt weitaus höher und geht in die Hunderte. In den seltensten Fällen wird einer der Morde aufgeklärt. Da es in Russland durchaus üblich ist, dass einflussreiche Politiker gleichzeitig auch einflussreiche Geschäftsleute sind, liegt die Vermutung nahe, dass die Morde nicht immer allein politisch motiviert sind.

"Unsere Politiker sind oftmals auch Interessenvertreter von ganz bestimmten Wirtschaftszweigen, deshalb sind sie nicht selten‚ besonders gefährdet", hat Georgij Satarow, ehemaliger Kremlberater und Chef der InDem Foundation, Ende 2002 erklärt. Ein Beispiel: Im Oktober 2002 wurde Valentin Zwetkow, der Gouverneur der Provinz Magadan, umgebracht. Die Provinz ist größer als Spanien und Frankreich zusammen und reich an Bodenschätzen wie Gold, Silber und Zinn sowie an großen Wald- und Wildbeständen. "Ich glaube, das war kein politischer Mord", sagte damals Sergej Mironow, Vorsitzender des Russischen Föderationsrates. "Der Gouverneur stand wahrscheinlich den Geschäftsinteressen von irgendjemandem im Wege. Bedauernswerterweise wird unser Land noch immer von Gesetzlosigkeit regiert." (arn)

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