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Fokus Osteuropa

Aufstieg und Fall des Slobodan Milosevic

Staatschef und Gesprächspartner der internationalen Gemeinschaft, dann Angeklagter und Häftling des Haager Kriegsverbrechertribunals: Milosevics Lebensgeschichte ist voller Gegensätze. Ein Nachruf.

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Slobodan Milosevic: Machtpolitiker und Nationalist

Geboren wurde Slobodan Milosevic am 20. August 1941 in der kleinen ostserbischen Stadt Pozarevac. Seine Eltern kamen aus Montenegro nach Serbien. Sein Vater war Priester der serbisch-orthodoxen Kirche und Religionslehrer. Er verließ aber seine Familie und beging 1962 Selbstmord. Zehn Jahre später nahm sich auch seine Mutter das Leben.

Slobodan Milosevic trat bereits am 15. Januar 1959 in den Kommunistischen Verband Jugoslawiens (SKJ) ein. Er studierte Jura in Belgrad, war auch an der Universität politisch engagiert als Sekretär für ideologisch-politische Aufgaben und leitete die sogenannte Ideologische Kommission seiner Hochschule. Nach dem Studienabschluss bekleidete Milosevic einige Wirtschaftsfunktionen in mächtigen staatlichen Unternehmen.

Griff nach der Macht

1984 machte er den ersten wichtigen Schritt in Richtung einer politischen Karriere und übernahm das Amt des Parteisekretärs der damaligen gesamtjugoslawischen Hauptstadt Belgrad. Nur zwei Jahre später, im Mai 1986, bekam der ehrgeizige Jungpolitiker den Posten des Parteichefs der Kommunistischen Partei Serbiens. Dies war ein wichtiges Sprungbrett auf dem Weg nach oben und so gelang ihm auch der nächste Griff nach der Macht. 1987 wurde Slobodan Milosevic Präsident der damals noch zu Jugoslawien gehörenden Republik Serbien.

Vom Kommunisten zum Nationalisten

Parallel zum politischen Aufstieg verlief auch sein Wandel von einem glühenden Kommunisten zum opportunistischen Populisten und Nationalisten. Er griff den neu erwachten und teilweise von ihm selbst geschürten großserbischen Nationalismus auf und nutze ihn gnadenlos für eigene Ziele aus. Erste Zielscheibe für seine Angriffe waren die Kosovo-Albaner. So wurde im Juni 1990 durch eine Änderung der serbischen Verfassung der Autonomiestatus des Kosovo aufgehoben und direkt danach das kosovarische Regionalparlament suspendiert.

Durch sein hartes Durchgreifen wurde Milosevic zu einem der bekanntesten jugoslawischen Politiker jener Zeit. Nach der Einführung des Mehrparteiensystems in Jugoslawien gründet er im Juli 1990 die Sozialistische Partei Serbiens (SPS) und wurde ihr erster Präsident. Nur vier Monate später, bei den ersten Mehrparteienwahlen in Serbien, bekommt Milosevic als Präsidentschaftskandidat der SPS über 65 Prozent der Stimmen.

Pragmatische Entscheidungen

Milosevic war kompromisslos gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und später auch Bosnien-Herzegowinas. Mit deren Unabhängigkeitserklärungen schlug die jugoslawische Krise in einen offenen Krieg um, wobei Milosevic die entscheidende Rolle spielte. Er sorgte dafür, dass sich die bis dahin gesamtjugoslawische Arme (JNA) klar auf die Seite der Serben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina stellte.

Schon zu jenem Zeitpunkt wurde auf ihn beträchtlicher innen- und außenpolitischer Druck ausgeübt, dennoch gelang ihm auch bei den zweiten Präsidentschaftswahlen 1992 ein deutlicher Sieg. Um sein neues aus Serbien und Montenegro bestehendes Jugoslawien von der Last der internationalen Sanktionen zu befreien, ging er auf Distanz zu den bosnischen Serben, die er bisher militärisch, wirtschaftlich und politisch unterstützt hatte.

Im August 1994 brach er sogar offiziell die Beziehungen zu den bosnischen Serben ab und erreichte eine Lockerung der Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien. Mit solchen pragmatischen Entscheidungen gelang es ihm, sich wieder als Gesprächspartner der internationalen Gemeinschaft zu präsentieren. So unterzeichnete er sogar das Friedensabkommen von Dayton, mit dem der Bosnien-Krieg beendet wurde.

Abschied von der Macht

Besonders katastrophal wirkte sich seine Politik im Kosovo aus. Die Jugoslawische Bundesarmee und Milosevics Sonderpolizei führten bereits Anfang 1998 einen regelrechten Krieg gegen die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK. Nach erfolglosen Verhandlungen kam es zu den Luftangriffen der NATO auf Jugoslawien. Das Internationale Tribunal für Verbrechen im früheren Jugoslawien (ICTY) erhob bereits am 27. Mai 1999 Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und erließ Haftbefehl gegen den damaligen Präsidenten Slobodan Milosevic.

Ab 1999 stand Jugoslawien als international isoliertes Land vor ernsten wirtschaftlichen Problemen. Es kam zu zahlreichen Mordanschlägen auf ranghohe Politiker aus dem Umfeld des Slobodan Milosevic, die meistens ungeklärt blieben. Trotzdem konnte sich Milosevic im Sattel halten. Erst bei den Präsidentschaftswahlen im September 2000 errang das Parteienbündnis Demokratische Opposition Serbiens (DOS) mit dem Kandidaten Vojislav Kostunica den Sieg. Doch Slobodan Milosevic wollte diesen Sieg nicht anerkennen und gab erst nach Massendemonstrationen in Belgrad auf.

Damit begann das letzte Kapitel seines politischen Lebens. Am 1. April 2001 wurde Slobodan Milosevic von der serbischen Polizei verhaftet und in der Nacht vom 28. zum 29. Juni 2001 an das Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert. Bei seiner ersten Vorführung bezeichnete Milosevic das Gericht als illegal und als „unehrliches Tribunal“ und blieb bei dieser Meinung bis zum Tod in der Gefängniszelle des Haager Tribunals.

Benjamin Pargan

DW-RADIO/Bosnisch, 11.3.2006, Fokus Ost-Südost