1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Aufstand im Netz

Der Iran gilt als Blogger-Nation schlechthin. Auch im Zuge der laufenden Proteste erweist sich das Netz als wichtigste Waffe der Opposition – und das trotz aggressiver Gegenmaßnahmen.

Screenshot der Internetseite www.facebook.com

Auch im Internet sind die Iraner aktiv - trotz Zensur

Es scheint ein wenig zynisch, aber Mohammad Ali Abtahi verkündete Anfang der Woche auf seinem Blog www.webneveshteha.com seine eigene Verhaftung – sehr prominent platziert, mit bunten Hervorhebungen. Doch der Blogger ist nicht irgendjemand: Abtahi ist der frühere Vizepräsident des Iran und hatte auf seiner Webseite im Wahlkampf den gemäßigten Reformkandidaten Mehdi Karrubi unterstützt. Das könnte ihm in den Augen der Polizei jetzt zum Verhängnis geworden sein.

Über Twitter live dabei

Und könnte einen Vorgeschmack für alle jene 60.000 aktiven Blogger im Iran darstellen, die ebenfalls täglich in ihren digitalen Tagebüchern, über soziale Netze wie Facebook oder den Kurznachrichtendienst Twitter die Demonstrationen und den Aufruhr auf der Straße verfolgen. Twitter-Nutzerin Fersthteh Ghazi ist eine von Ihnen. Während ihre Gesinnungsgenossen sich auf der Straße zum Protest sammeln, twittert sie: "Der Reformer Jahanbakhsh Khanjani ist verhaftet worden". Sie beschreibt im Minutentakt den Verlauf der Demonstrationen, kommentiert die in der Bevölkerung gängigen Slogans.

Screenshot der Internetseite www.facebook.com zu den Erignissen der Wahl im Iran.

Auf Facebook: statt Profilbilder schwarze Felder oder kritische Slogans

Gebloggt wird in Englisch oder in Farsi. Schon vor den jüngsten Unruhen stieg Farsi zur viertwichtigsten Blogsprache weltweit auf. Unterstützt wurde diese Entwicklung auch durch mehrere Preise für iranische Blogger beim Internationalen Blog Award "The BOBs". Unter der Schirmherrschaft von DW-WORLD.DE werden hier mutige zivilgesellschaftliche Stimmen ausgezeichnet, im letzten Jahr beispielsweise der persische Blog "4equality". Eine Million Unterschriften gegen frauenfeindliche Gesetze im Iran wurden auf diesem Blog gesammelt. Bis heute sind deshalb 48 Unterstützer verhaftet worden.

Ahmadinedschads Blog

Mut ist für iranische Blogger in den letzten Tagen noch wichtiger geworden. Im Twitter-Forum "Change for Iran" besprechen sie sich, ob sie zu den Demonstrationen gehen sollten. Im sozialen Netzwerk Facebook versammeln sie sich auf der Seite "Where is my Vote - Wo ist meine Stimme" und färben ihre Profilbilder schwarz ein - ein düsterer Protest, der vielleicht auch vor Verhaftung schützt.

Screenshot www.ahmadinejad.ir, Weblog des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad

Auch Ahmadinedschad muss sich im Internet behaupten

Das könnte dem Blogger wohl nicht passieren, der im Ranking ganz oben landet, wenn man über die Suchmaschine Google nach Blogs im Iran sucht. Der Blog des amtierenden Staatsoberhaupts Mahmud Ahmedinedschads höchstpersönlich ist der Haupttreffer. Auch der Webblog des Oppositionskandidaten Mir Hussein Mussawi - bzw. seiner Wahlkampftruppe - kann sich über regen Verkehr freuen. Auf www.ghalamnews.ir warnt Mussawi seine Anhänger davor, sich auf den Massendemonstrationen von den Systemanhängern provozieren zu lassen. Masi Halinejad, eine früher für die DEUTSCHE WELLE tätige iranische Journalistin, pflichtet ihm auf ihrem Weblog bei. "Wer sich provozieren lässt, unterstützt die Machthaber", sagt sie auf www.masihalinejad.com.

Das Regime kontert mit allen Mitteln

Die digitale Welt hat im Iran reale Auswirkungen, meint Udo Steinbach, Nahostexperte der Universität Marburg. "Ich glaube dass dies einen Motivationsschub darstellt, die Dinge weiterzutreiben, auf die Straße zu gehen," sagt er. Man wisse sich eben nicht mehr ganz allein, sondern vernetzt. Und so würde auch die Kritik des amerikanischen Präsidenten an die Iraner gelangen. Eine wichtige Unterstützung - wenn auch sehr zurückhaltend formuliert.

Einfach wird es den Bloggern derzeit keineswegs gemacht. Twitter, YouTube und Facebook fallen zeitweise aus. Selbst das Mobilfunknetz funktioniert im Iran des öfteren nicht. Und auch die Geschwindigkeit der Internetzugänge scheint zumindest in den urbanen Zentren künstlich gedrosselt worden zu sein. Deshalb wird seit dem vergangenen Wochenende hauptsächlich zu Bürozeiten gebloggt, da sind die Internetzugänge schneller als am heimischen PC.

Autor: Richard Fuchs

Redaktion: Mahmoud Tawfik

WWW-Links