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Musik

Aufschwung durch Musikmigranten - Die Schwetzinger Festspiele würdigen fürstliches Engagement

Integration durch Musik? In der sogenannten "Mannheimer Schule" unter Kurfürst Carl Theodor war das ein Erfolgsrezept. Seine Hofmusik des 18. Jahrhunderts wird bei den Schwetzinger Festspielen immer wieder neu entdeckt.

Fürst Carl Theodor auf einem Schwein vor seinem Schloss. Eine Skulptur von Bildhauer Peter Lenk (DW/G. Reucher)

Carl Theodor galt als "Glücksschwein", weil er um seinen Besitzt nicht kämpfen musste und sich stattdessen der Kultur widmete

Das Rokokotheater im Schwetzinger Schloss wirkt zwar klein und beschaulich - doch genau hier wurde im 18. Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben. Plastische Illusionsmalereien in Gold und Weißtönen zieren die Decke und die ausladend bauchigen Balkone. In diesem Theater lauschte einst der pfälzische Kurfürst Carl Theodor mit seinen Gästen dem eigenen Hoforchester. 

"Kulturförderung ist Alleinstellungsmerkmal in Deutschland"

Bei der Ausstattung dieses Orchesters ließ er sich nicht lumpen und holte alles an den Hof, was seinerzeit im In- und Ausland Rang und Namen hatte. Was deutsche Fürsten und Könige im 18. Jahrhundert finanziell in Musik und Kultur investierten, zahle sich noch heute aus, meint der Kölner Dirigent und Musikprofessor Konrad Junghänel. "Kein anderes Land auf dieser Welt gibt so viel für klassische Musik aus wie Deutschland. Das ist phantastisch."

Musiksommer Schwetzingen 2017 (DW/G. Reucher)

Konrad Junghänel dirigiert das SWR Symphonieorchester bei den Schwetzinger Festspielen

Gleichzeitig mahnt Junghänel an, weiter für die Musikförderung zu kämpfen. Dabei spielt er auch auf das neue SWR-Symphonieorchester an, für das seit dieser Konzertsaison zwei Orchester zusammengelegt wurden, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. "Wir sollten uns mehr leisten", meint Junghänel. "Die Kulturförderung ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal für Deutschland, darauf können wir unglaublich stolz sein und damit sollten Politiker nicht leichtfertig umgehen."

Wie die Musik bei Hofe damals geklungen haben könnte, wird bei den Schwetzinger Festspielen des Südwestrundfunks (SWR) alljährlich vorgeführt. Unter Konrad Junghänel, einem Spezialisten der historischen Aufführungspraxis, spielte das SWR-Symphonieorchester Werke aus der Zeit des 18. Jahrhunderts. "Diese Übergangszeit auf der Suche nach etwas Neuem steht nicht so oft im Fokus der Programme, aber da lohnt es sich hinzugucken", meint Junghänel.  Die späte "Militär-Sinfonie" von Joseph Haydn zum Beispiel wurde beeinflusst von der türkischen Janitscharenmusik, einer Modeerscheinung dieser Zeit. "Gerade diese anbrechende Globalisierung, das Erkennen der großen weiten Welt, war etwas unheimlich Reizvolles damals", erläutert Junghänel.

Musiksommer Schwetzingen 2017 (DW/G. Reucher)

Auch in seinem Schlossgarten war Carl Theodor für moderne Gartenkunst offen

Auch Kurfürst Carl Theodor, ein Herrscher zwischen Absolutismus und Aufklärung, war offen für die große weite Welt. Er förderte Kunst, Musik und Wissenschaft und ließ sich dabei gern auf Experimente ein, sei es in der Botanik oder in der Musik. Mozart, Voltaire, Schiller und Alexander von Humboldt zählten zu seinen Gästen.

Johann Stamitz und die Mannheimer Schule

Durch die strenge Auswahl seiner Hofmusiker - und durch gute Bezahlung - sorgte Carl Theodor für Qualität und Nachhaltigkeit. Viele kamen aus dem Ausland, um in der Hofkapelle zu spielen, und sie blieben über Generationen. Sarah-Denise Fabian, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Südwestdeutsche Hofmusik, hat diese Zeit genauer unter die Lupe genommen. "Man hat Mitte des 18. Jahrhunderts selbst den Nachwuchs, also die zweite Generation, herangezogen. Dadurch gab es eine besondere Kontinuität und die Musiker waren perfekt aufeinander eingestimmt."

Musiksommer Schwetzingen 2017 (DW/G. Reucher)

Viele Partituren wurden durch Kriege und Brände zerstört. Sarah-Denise Fabian sucht weltweit nach Zeugnissen der Mannheimer Schule, um die Musik wieder lebendig werden zu lassen

Zu den Musikermigranten gehörte auch der böhmische Komponist und Violinist Johann Stamitz, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Er trug mit seinen Söhnen maßgeblich dazu bei, dass sich in Mannheim und Schwetzingen eine Musiktradition entwickelte, die als "Mannheimer Schule" in die Geschichte einging. Stamitz ist dafür bekannt, dass er die Konzert-Sinfonie entwickelte und somit einen wichtigen Beitrag zur sogenannten "klassischen Musik" leistete. 

Stamitz kam aus Böhmen, andere Musiker aus Italien, Frankreich oder Spanien. Zusammen entwickelten sie einen ganz speziellen temperamentvollen Aufführungsstil, erläutert Werner Erhardt, seit diesem Jahr künstlerischer Leiter der Hofmusik-Akademie: "Sie spielten sehr ausdrucksstark mit Effekten wie enormen Crescendi, die sich anhörten, als käme ein Gewitter auf, dann plötzliche wieder ganz leise. Das war so spektakulär, dass das Orchester als eines der besten des Jahrhunderts in Europa galt." 

Die Hofmusik-Akademie heute

Mit der "Hofmusik-Akademie" soll die Tradition der Mannheimer Schule, die besondere Ausbildung von Musikern, fortgeführt werden. Die Musikstiftung Villa Musica ermöglicht es ausgewählten Stipendiaten, Musik und Spielarten verschiedener Epochen in gezielten Projekten kennenzulernen.

Musiksommer Schwetzingen 2017 (DW/G. Reucher)

Werner Erhardt und Konzertmeisterin Andrea Keller (rechts) wecken bei den Stipendiaten die Liebe zur "Alten Musik"

Gerade die Musik von Karl Stamitz und seinen Weggefährten, die beim Konzert der Hofakademie in Schwetzingen auf dem Programm stand, ist gar nicht so einfach. "Diese Musik scheint für Studenten, die Paganini-Konzerte spielen können, leicht zu spielen zu sein", erläutert der Geiger und Dirigent Werner Erhardt, "aber wenn man es im Mannheimer Stil spielen will, braucht man eine andere virtuose Artikulation, um der Musik diesen ungewöhnlichen dramatischen und tänzerischen Ausdruck zu verleihen." Ein Experiment, auf das sich die Stipendiaten mit Erfolg eingelassen haben. Sie überzeugten mit ihrem temperamentvollen frischen Spiel.

Von Mannheim lernen

Offen sein für musikalische Experimente, das wünscht sich der Spezialist für alte Musik, Konrad Junghänel, auch von den Politikern. "Früher war es selbstverständlich, dass ein König oder Fürst ein Instrument spielte. Das gehörte zur gesellschaftlichen Stellung bis in die Topriegen." Auch wenn sich Junghänel keinesfalls absolutistische Zeiten zurückwünscht, so vermisst er diese kulturelle Affinität bei manchen Politikern. "Es gibt durchaus Tendenzen, die dagegen sind, dass sich Regisseure experimentell austoben können. Ich denke aber, genau das ist für eine kulturelle Vielfalt und Entwicklung etwas Phantastisches und Schützenswertes."

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