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Kultur

Auflösung trotz Welterfolges

Die endgültige Auflösung des international hoch angesehenen Balletts Frankfurt ist bereits beschlossen. Rettungsversuche werden von der Stadt abgelehnt - während das Ensemble weltweit Triumphe feiert.

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Gerade erst aus New York zurück: das weltweit gefeierte Ballett Frankfurt

Publikum und Fachwelt sind sich seit Jahren einig: Die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Frankfurt gehören zu den besten der Welt. Seit 1984 der gebürtige New Yorker William Forsythe von der Stadt Frankfurt am Main engagiert wurde, hat er den Namen der deutschen Finanzmetropole weltweit auch mit innovativer, internationaler Tanzkunst verbunden. Die kulturellen Zentren Europas und Amerikas umwerben Forsythe und seine Truppe beständig, die Tänzer können gar nicht so viele Gastspiele geben, wie die Veranstalter wünschen. Allein die Liste der Auftrittsorte der laufenden Saison 2003/04 ist beeindruckend: Wien, New York, Montreal, London, Cannes, Lille, Antwerpen, Kalifornien, Washington D.C. und Paris. Dazwischen immer wieder Frankfurt, nicht weniger als fünf Neuproduktionen werden dort erarbeitet und vorgestellt.

Aufhören, wenn's am schönsten ist?

Nach der jüngsten Premiere (13.11.2003) von Forsythes Choreografie "Ricercar" war das Presse-Echo enthusiastisch: "William Forsythe ist einer der innovativsten Künstler unserer Zeit", schrieb die Neue Zürcher Zeitung, und "das Ballett Frankfurt ist neben dem Tanztheater Wuppertal wohl der bedeutendste Kulturexport-Artikel Deutschlands".

William Forsythe

William Forsythe, Leiter des Frankfurt Balletts, undatiertes Pressefoto

Umso erstaunlicher, ja widersinniger, dass die Stadt Frankfurt am Main William Forsythe und sein weltbekanntes Ballett nicht mehr haben will. Im Juni 2004 soll definitiv Schluss sein: "Mit dem Ende dieser Spielzeit wird das Ballett Frankfurt aufgelöst." Mehr kann dazu auch die Sprecherin der Compagnie, Mechthild Rühl, nicht sagen. Frankfurt muss sparen und will das vor allem bei der Kultur tun.

Kultur ohne Geld oder Geld ohne Kultur

"Neben dem Lohnwert und dem Wohnwert entwickelt sich der Kulturwert einer Stadt zum wichtigsten Standortfaktor." Mit diesen Worten stellte der Leiter des Hamburger Freizeit-Forschungsinstituts, Horst W. Opaschowski, seine neueste Studie vor. Das Institut des Tabakriesen "British American Tobacco" hat im November (2003) wissenschaftlich festgestellt: "Insbesondere Manager und Führungskräfte machen ihre Entscheidung für eine berufliche Mobilität von der Qualität des örtlichen Kulturangebots abhängig."

Rettungsanker abgewiesen

Einen greifbaren Rettungsanker für das Ballett-Ensemble schlug die Regierung von Frankfurt am Main aus: Selbst als das Bundesland Hessen, die Stadt Dresden und der Freistaat Sachsen ihren Willen und ihre finanzielle Bereitschaft erklärten, in einer gemeinsamen Stiftung Forsythes Ballett zu erhalten, sagte Frankfurt am Ende der Verhandlungen alles ab. Als Grund nannte eine Sprecherin der Stadt die Tücken der Rechtsprechung: Man habe Angst, dass die weitere (dann allerdings äußerst geringe) finanzielle Unterstützung der Compagie durch die Stadt Frankfurt juristisch als Betriebsweiterführung interpretiert werden würde. Mit der Folge, dass Mitarbeiter sich in alte Rechte einklagen könnten.

Weg von der Vergangenheit

Kirche im Bankenviertel

Die Matthäuskirche im Frankfurter Bahnhofsviertel

Alles nur Ausdruck provinzieller Kultur-Blindheit oder Hilfeschrei einer Stadt am finanziellen Abgrund? Der kulturelle Ruf der "City of the Euro", wie sich Frankfurt gerne nennt, ist jedenfalls stark angeschlagen, wenn nicht ruiniert. Die kulturinteressierte Öffentlichkeit weltweit schaut sprachlos auf diese Stadt. Um Forsythe alleine braucht sich sicher niemand Sorgen zu machen, aber seine Tänzer fühlen sich von der Stadt "respektlos" behandelt. "Es ist nicht leicht etwas vergleichbar Stimulierendes zu finden", sagt zum Beispiel Tänzer Demond Hart. Und der Tänzer und Sänger Noah Gelber betont: "Forsythe hat die anderen Talente seiner Tänzer immer gefördert." Deshalb wollen viele Kollegen lieber etwas Neues aufbauen, als nach dem Ende eines weltweit so erfolgreichen Projektes an Vergangenem festzuhalten.

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