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Kultur

Aufklärungskurs ist für iranische Paare Pflicht

Über Sexualität wird in den meisten islamischen Ländern nicht offen gesprochen. Doch im Iran sind zumindest Aufklärungskurse längst normal geworden - sie sollen das rasante Bevölkerungswachstum bremsen.

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Viele Frauen wissen vor der Ehe noch zu wenig - Männer aber auch

Seit 1993 ist es im Iran Gesetz: Brautpaare müssen an einem Aufklärungskurs teilnehmen. Und zwar getrennt nach Geschlechtern. Der Kurs dauert immerhin über eine Stunde. In der ersten halben Stunde wird ein Aufklärungsfilm gezeigt, in dem unter anderem die sexuellen Bedürfnisse von Mann und Frau, das Stimulieren des Partners und die erogenen Zonen von Männern und Frauen erklärt werden.

Ein altes Cafe in Teheran (Naderi)

Gelassen über Sexualität sprechen - das lernen junge Iraner in staatlichen Kursen

Über Sexualität offen zu sprechen, ist zwar in fast allen islamischen Ländern ein Tabu. Doch dass dies in Aufklärungskursen im Iran thematisiert wird, sehen junge Leute, wie die 25-jährige Mathematikstudentin Maryam, mit Genugtuung: "Aufgrund der Schamhaftigkeit, die in unserer Gesellschaft existiert, glauben wir, dass es eine Art Sünde oder Schande sei, über solche Sachen zu sprechen", sagt Maryam, "aber hier im Kurs wird uns vermittelt, dass das nicht so sein soll und wir ruhig und gelassen darüber sprechen können."

Vor allem Frauen sind zu wenig aufgeklärt

Im Iran ist es insbesondere in traditionellen Familien nach wie vor Sitte, dass Frauen bis zur Hochzeitsnacht ihre Jungfräulichkeit bewahren. Viele Frauen sehen deshalb der Hochzeitsnacht mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Angst entgegen. Auch das ist Thema im Aufklärungsunterricht. Dr. Aminian unterrichtet die Bräutigame und empfiehlt ihnen: "Wenn zum Beispiel das Paar gestresst oder körperlich müde ist oder einer der Partner kein wirkliches Verlangen nach Sex hat, sollte der sexuelle Kontakt nicht erzwungen werden, nur weil es die Hochzeitsnacht ist."

Jugendliche in Teheran

Durch Aufklärung ist das Bevölkerungswachstum zurückgegangen

Iranische Frauen sind zumeist nicht genügend über Sexualität aufgeklärt - insbesondere Frauen, die aus stark religiös geprägten Familien stammen. Dies trifft zum Beispiel auf die Soziologiestudentin Sohreh zu. "Ich habe mich geschämt, dass ich schon 20 Jahre alt bin und über Sexualität nichts weiß", sagt sie.

Familien machen Druck in die falsche Richtung

Aufklärungskurse werden landesweit in den rund 5000 Gesundheitszentren angeboten. Doch viele traditionelle Familien wollen ihre Töchter vor der Hochzeit überhaupt nicht über ihre sexuellen Bedürfnisse oder gar über Verhütungsmittel informieren lassen.

"Wir reden mit den Familien und versuchen zu erklären, dass ihre Töchter bald Frauen sein werden und dass man sie darauf vorbereiten und darüber informieren sollte", berichtet Frau Zargar, Lehrerin und Sexual-Beraterin in Teheran. "Wir sagen ihnen, dass sie ihren Töchtern nicht einreden sollen, direkt nach der Hochzeit schwanger zu werden. Und ihnen auch nicht einreden, dass sie unfruchtbar werden, wenn sie in den ersten Ehejahren nicht schwanger werden. Wenn wir es nicht schaffen, solche Einstellungen bei der Mutter zu ändern, dann können die Töchter nichts ändern."

Mehr Männer lassen sich sterilisieren

Die Aufklärungskurse finden im Rahmen des staatlichen Familienplanungsprogramms statt, wobei die Brautpaare auch über sämtliche Verhütungsmethoden informiert werden. Iran hat eine der höchsten Verhütungsraten aller islamischen Länder: 73 Prozent aller iranischen Frauen verhüten. In den vergangen Jahren ließen sich auch viele Männer sterilisieren. Dr. Aminian hat allein 2005 über 170 Fälle operiert. "Nachdem wir ein paar Jahre Aufklärungskurse durchgeführt haben, ist das Bildungsniveau bei Männern gestiegen und dadurch sind mehr Männer zur Sterilisation bereit als früher", erklärt Aminian.
Nach dem Besuch des Aufklärungskurses erhält jedes Brautpaar eine Teilnahmebescheinigung. Der Erfolg der Kurse, so berichtet Sexual-Beraterin Zargar, ist vor allem an der Senkung des Bevölkerungswachstums von 3,4 auf 1,2 Prozent in den vergangenen 14 Jahren abzulesen - freilich liegt der Erfolg auch darin begründet, dass viele Paare nach der Heirat wiederkommen, um sich individuell beraten zu lassen.

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