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Asien

"Aufklärung tut not gegen Homophobie in Bangladesch"

In Bangladesch leben nicht nur Islam-Kritiker mit Todesdrohungen, sondern auch Homosexuelle. Zwei Aktivisten wurden vergangenen Monat ermordet, ein dritter, Riamoni Chisty, hat das Land verlassen. Mit ihm sprach die DW.

Deutsche Welle: Wie war es, als Kind mit gleichgeschlechtlicher Orientierung in Bangladesch aufzuwachsen?

Riamoni Chisty: Ich war wild darauf, Schmuck zu tragen, wie die Mädchen. Ich probierte auch Make-up aus. Als Spielkameraden waren mir die Mädchen am liebsten, ich suchte immer ihre Gesellschaft, denn ich fühlte mich wie eine von ihnen. In der fünften Klasse nahm mich mein Lehrer beiseite und erklärte mir, dass ich wohl homosexuell veranlagt sei. Er war sehr verständnisvoll und versuchte mir zu erklären, dass das nichts Außergewöhnliches sei und dass es viele wie mich auf der ganzen Welt gebe. Er war allerdings eine Ausnahme, andere Lehrer machten sich über mich lustig, ebenso wie meine Klassenkameraden, die mir abfällige Spottwörter nachriefen.

Wie hat ihre Familie reagiert, als ihre sexuelle Veranlagung klar wurde?

Sie reagierten äußerst barsch und ablehnend. Mein Vater ist ein Fundamentalist, für den Homosexualität das größte denkbare Verbrechen ist. Er brachte mich zum Arzt, der mich "heilen" sollte. Der verabreichte mir Tabletten, die mir Kopfschmerzen und Fieber verursachten, bisweilen kam blutiger Husten dazu. Trotzdem bestand mein Vater darauf, dass ich diese Pillen fast ein Jahr lang schluckte. Dann nahm er mich mit nach Indien, wo ich mich einer Hormontherapie unterziehen musste. Auch das veränderte meine Gefühle aber nicht, ich hatte nur Schmerzen und verlor vorübergehend meine Haare. Irgendwann gab mein Vater auf und zog mit meiner Mutter nach Saudi-Arabien, ohne mich.

Wie haben Sie die Einstellung der Gesellschaft in Bangladesch gegenüber dem Personenkreis aus Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Transgender-Personen (LGBT) erlebt?

Ich lebte damals in Comilla, rund 100 Kilometer östlich von Dhaka. Mit einigen Freunden gründete ich dort 2008 einen Kulturverein für Homosexuelle, dem sich auch einige Aktivisten aus den Städten der Umgebung anschlossen. Wir trafen uns einmal pro Woche an einem geheimen Ort, an dem Leute aus unserer Community sich zusammenfinden konnten. 2009 organisierten wir die erste Regenbogen-Demo in Comilla, ohne dass das bei der Bevölkerung auf größeres Interesse gestoßen wäre. Allerdings griff der lokale Führer der Regierungspartei die Demonstranten mit seinen Anhängern an, wobei einige Aktivisten verletzt wurden.

Nach dieser Demonstration war ich in der Gegend als Aktivist für Homosexuellen-Rechte bekannt. Ich wurde zur Zielscheibe einer Gruppe lokaler Islamisten. Sie griffen mich an und versuchten, mir die Finger abzuschneiden, damit ich nicht länger über Fundamentalismus und Homosexuellen-Rechte schreiben konnte. 2010 wurde ich enführt und vergewaltigt. Nach einigen Tagen befreite mich die Polizei, die sich allerdings weigerte, die Vergewaltigung zu den Akten zu nehmen. Sie empfahlen mir statt dessen, auszuwandern. Wegen meiner Tätigkeit als Aktivist für die LGBT-Community wurde ich exmatrikuliert. Meine Großmutter mütterlicherseits ermöglichte mir daraufhin, meine Studium in Malaysia fortzusetzen.

Leichen der ermordeten Gay-rights-Aktivisten Xulhaz Mannan und Mahbub Rabbi Tonoy werden abtransportiert (Foto: picture-alliance/dpa)

Im April wurden der Gay-rights-Aktivist Xulhaz Mannan und sein Freund, der Theaterschauspieler Mahbub Rabbi Tonoy, in Mannans Wohnung in Dhaka ermordet.

Wie groß ist die Schwulen-Community in Bangladesch, welche Probleme haben ihre Mitglieder?

Da über 90 Prozent der Bangladescher Muslime sind, und da der Islam die Homosexualität verurteilt, kann man sich den Druck durch Familie und Gesellschaft vorstellen, der auf dieser Gruppe lastet. Manche meiner Freunde haben deshalb Selbstmord begangen. Nur sehr wenige erfahren moralische Unterstützung durch ihre Familie. Über die Zahl der Homosexuellen in Bangladesch kann ich nur spekulieren, aber es ist wohl nicht nur eine kleine Minderheit. Die meisten geben sich nicht öffentlich zu erkennen, um Schikanen zu vermeiden, aber in einer wohlwollenden Atmosphäre geben sie sich gerne so, wie es ihrer Natur entspricht.

Wie lässt sich die Einstellung gegenüber Homosexuellen in Bangladesch verändern?

Tatsächlich ist Homophobie tief in der Gesellschaft Bangladeschs verankert. Für die meisten ist Homosexualität eine Geisteskrankheit, eine gleichgeschlechliche Beziehung ist für sie nicht vorstellbar. Der ermordete Aktivist Xulhaz Mannan hat mit mehreren Initiativen versucht, eine veränderte Einstellung zu bewirken. Er veröffentlichte 2014 das erste Magazin ("Roopbaan") Bangladeschs, das sich an die Gay-Community als Zielgruppe wendet. Es ging ihm darum, zu erklären, dass Homosexualität kein Verbrechen und nicht "unnatürlich" ist. Ich nahm Kontakt zu ihm auf, wir versuchten, unsere Botschaft über soziale Medien zu verbreiten. Aber nach der Ermordung von Mannan und seinem Mitstreiter Mahbub Rabbi Tonoy (im April 2016) sind die meisten LGBT-Aktivisten abgetaucht.

Unternimmt die Regierung irgendetwas gegen die Angriffe auf Homosexuelle?

Die Regierung tut nichts, um die Rechte von Homosexuellen zu schützen. Homosexueller Geschlechtsverkehr ist nach Paragraf 377 des Strafgesetzbuchs in Bangladesch (wie in anderen früheren britischen Kolonien in Asien – Red.) weiterhin verboten und wird mit zehnjähriger Freiheitsstrafe bzw. mit Geldstrafe geahndet. In mehreren Fälle wird deswegen ermittelt. Die Regierung ist total gegen die LGBT-Community eingestellt.

Was war der Auslöser dafür, dass Sie Bangladesch verlassen haben?

Gegen mich wurden in den vergangenen Jahren insgesamt 25 Prozesse wegen Homosexualität angestrengt. Dahinter steckten nicht nur Islamisten, sogar Eltern enger Freunde zogen vor Gericht, weil sie glaubten, dass ich ihren Kindern Homosexualität "beibringen" würde. Auch nach meinem kurzen Aufenthalt in Malaysia und meiner Rückkehr nach Bangladesch im Jahr 2014 verlangten Fanatiker meine Bestrafung. Ich wurde erneut angegriffen und trug schwere Schäden im rechten Ohr davon. In Comilla und in der Umgebung starteten diese Leute eine Plakat-Kampagne gegen mich, ich würde eine "Bewegung gegen den Islam" anführen, stand da. Durch die Proteste gegen mich sahen sich die Behörden mehrmals gezwungen, mich einzusperren. Ich konnte die Lage schließlich überhaupt nicht mehr kontrollieren, so dass ich keinen anderen Ausweg mehr sah, als das Land zu verlassen.

Jetzt sind Sie in Deutschland. Was sind Ihre Pläne?

Ich will als Erstes zu Ende studieren. Außerdem plane ich eine fiktive Video-Serie zum Thema Homosexualität in bengalischer Sprache. Ich will sie über YouTube verbreiten, so dass meine Landsleute erkennen, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen etwas Normales sind und dass es nicht klug ist, solche Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung herabzuwürdigen. Viele Leute bei mir zuhause brauchen diese Aufklärung dringend, denn ihre Köpfe sind voller Vorurteile über die LGBT-Community.

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