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Sport

Aufklärung im Boxring

Sinti und Roma werden in Europa diskriminiert und ausgegrenzt. Der ehemalige Boxer Oswald Marschall gibt seiner vernachlässigten Minderheit durch Sport eine Stimme und führt junge Kämpfer an Bildung heran.

Der ehemalige Boxer Oswald Marschall (r.) stellt seine Arbeit mit Jugendlichen im Boxcamp Kreuzberg vor. (Foto: Rony Blaschke)

Oswald Marschall

Oswald Marschall steigt in den Ring und lehnt sich in die Seile, er beobachtet seine Schüler ganz genau. "Nicht kopflos nach vorn", ruft er den jungen Boxern während ihrer Sparringsrunde zu. "Achtet auf die Deckung – fair bleiben." Der Trainer Oswald Marschall ist ein Mann von mächtiger Statur, freundlich und neugierig, er möchte seine Kämpfer fördern, motivieren, er will ihnen keine Befehle erteilen. Sie blicken zu ihm auf, denn sie wissen, er hat viel geleistet. Oswald Marschall, 58, war selbst ein erfolgreicher Boxer gewesen. In den sechziger und siebziger Jahren eilte er von Sieg zu Sieg, obwohl er es schwerer gehabt hatte als seine Konkurrenz.

Oswald Marschall ist Sinto, Mitglied einer vernachlässigten Minderheit. Sinti und Roma stehen für einen Oberbegriff von ethnisch verwandten Volksgruppen. Seit der Osterweiterung der Europäischen Union gelten sie als größte Minderheit des Kontinents, mit rund zehn Millionen Menschen. Die Sinti sind ihre größte Untergruppe in West- und Mitteleuropa, sie leben hier seit über 600 Jahren. Über keine andere Volksgruppe wissen die Mehrheitsgesellschaften so wenig und glauben so viel Negatives zu kennen. Marschall wurde in Minden geboren, im Nordosten von Nordrhein-Westfalen. Seine Vorfahren stammen aus Deutschland, trotzdem mussten sie lange um Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen. Für viele waren sie nur die "Zigeuner". Faule, kriminelle, wilde Schmarotzer.

Völkermord als "Kriminalitätsbekämpfung"

Eine halbe Million Sinti und Roma sind von den Nazis ermordet worden, an diesem Mittwoch (24.10.2012) weihte Bundeskanzlerin Angela Merkel am östlichen Rand des Berliner Tiergartens ein Mahnmal zu ihrem Gedenken ein. Unter den Ehrengästen des Festakts waren Bundespräsident Joachim Gauck, sein Amtsvorgänger Richard von Weizsäcker und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Zum ersten Mal seit langem spielten Sinti und Roma in den Nachrichten eine prominente Rolle. "Doch die Ausgrenzung war mit Kriegsende nicht vorbei", sagt Oswald Marschall. "Das darf man nicht vergessen."

Deportation Remscheider Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau am 3. März 1943. (Foto: Historisches Zentrum der Stadt Remscheid)

Deportation Remscheider Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau am 3. März 1943

Viele Überlebende trafen nach dem Krieg in Amtsstuben und Arztpraxen auf Stützen des einstigen Regimes. Der Bundesgerichtshof rechtfertigte noch 1956 ihre Verfolgung durch die Nazis als vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung, Behörden verweigerten jungen Sinti und Roma die Schulpflicht. Oswald Marschall setzte sich auf seine Art zur Wehr, er wollte schon als Jugendlicher beweisen, dass Sinti an die Spitze vordringen können. 1971 kämpfte er zum ersten Mal für das deutsche Nationalteam. "Als die Hymne gespielt wurde, habe ich weiche Knie bekommen." Doch erst 1982 wurde der Terror an den Sinti und Roma durch Bundeskanzler Helmut Schmidt als Völkermord anerkannt.

Raufbold mit Abitur

Oswald Marschall hat 25 Mal im deutschen Trikot geboxt, nach seiner Laufbahn wurde er Vorsitzender und Trainer des Boxclubs Minden, drei Kämpfer sind unter seiner Leitung Deutscher Meister geworden. "Die Titel sind nicht das wichtigste“, sagt Marschall. "Wir möchten durch Sport unsere Minderheit mit der Mehrheitsgesellschaft zusammenführen." In regelmäßigen Veranstaltungen möchte er Teamgeist, Verantwortungsbewusstsein und Toleranz fördern. Im Frühjahr 2010 reiste Marschall mit einer Delegation des Deutschen Fußball-Bundes nach Ungarn, wo mehr als ein Dutzend Sinti und Roma in den vergangenen drei Jahren ermordet wurden. Mit Freunden suchte Marschall Sponsoren und gründete den Verein Deutscher Sinti in Minden: "Wir müssen Hürden abbauen und Klischees entlarven."

Sinti und Roma begehen am 08.04.2012 in Berlin den Internationalen Tag der Sinti und Roma mit ihrer eigenen Flagge. (Foto: dpa)

Junge Menschen begehen am 08. April in Berlin den Internationalen Tag der Sinti und Roma

Eine Studie zur Bildungssituation der Minderheit – Hauptförderer war die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" – kam im vergangenen Jahr zu erschreckenden Ergebnissen: So haben 44 Prozent der befragten Sinti und Roma die Schule ohne einen Abschluss verlassen, in der Mehrheitsgesellschaft sind es 7,5 Prozent. Unter den 14- bis 25-Jährigen gaben neun Prozent an, nie eine Grundschule besucht zu haben. Der deutsche Durchschnitt liegt unter einem Prozent. "Ohne Bildung ist alles nichts", sagt Marschall. In seinem Kulturverein startete er das Projekt "Echt clever!", zum Angebot gehören Hausaufgabenhilfe, Berufsberatung, Sprachförderung. "Ich kann mich an einen Raufbold erinnern, der mit zwölf Jahren in den Boxverein kam und keine Lust auf Schule hatte", sagt Marschall. "Dieses Jahr hat er Abitur gemacht."

Die verhinderte Karriere des Rukeli Trollmann

Am Montag (22.10.2012) hat Marschall seine Arbeit mit Jugendlichen im Boxcamp Kreuzberg vorgestellt, das nach Johann Trollmann benannt wurde. Der deutsche Sinto, genannt Rukeli, gewann 1933 die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. Die Nazis, die seinen Kampfstil als undeutsch bezeichneten, verhinderten seine Karriere und ermordeten ihn 1944 im Außenlager Wittenberge des KZ Neuengamme. Dem Schaukampf von Marschalls Team folgte in Kreuzberg eine Lesung des Journalisten Roger Repplinger, der die Geschichte Trollmanns recherchiert hat, Titel seines Buches: "Leg dich, Zigeuner." Für Oswald Marschall war der Abend die perfekte Mischung aus Sport, Bildung und Kultur: "In unserem Verein geht es eben nicht nur ums Kämpfen."