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Deutschland

Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gefordert

Berichte über sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen nehmen zu. Auch Schulen des Jesuiten-Ordens sind betroffen. Ursula Raue, die Beauftragte des Ordens für Missbrauchsfälle, legte dazu einen Bericht vor.

Symbolbild: Kreuz auf einem Bischofsgewand

Seit Tagen stehen die Telefone im Büro der Anwältin Ursula Raue nicht mehr still. Sie ist die Beauftragte des Jesuitenordens für Fälle von sexuellem Missbrauch. Dass sie einmal im Zentrum eines der größten Skandale stehen würde, die der Orden jemals erlebt hat, habe sie noch vor kurzem nicht gedacht, sagt die Anwältin, die seit 2007 beim Jesuitenorden arbeitet. Sie habe es zwar immer wieder mit derartigen Fällen zu tun gehabt, die jetzige Dimension sei nicht zu erahnen gewesen, so Raue.

Immer mehr wird bekannt

Blick durch ein Fenster in den Innenhof des Canisius-Kolleg (Foto: AP)

Blick durch ein Fenster in den Innenhof des Canisius-Kolleg


Zwischen 115 und 120 Betroffene hätten sich bisher bei ihr gemeldet. Täglich gebe es Meldungen, inzwischen nicht nur über Fälle aus dem Jesuiten-Orden, sondern auch über Vorfälle in verschiedenen anderen kirchlichen Einrichtungen. Einer der Vorwürfe soll sich auf eine evangelische Institution beziehen, der Rest sind katholische Schulen und Jugendeinrichtungen. Insgesamt seien ca. 12 Erzieher und Lehrer beschuldigt worden. Allein von der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg – dort war der Skandal zuerst öffentlich geworden - hätten sich in den letzten drei Wochen bis zu 50 ehemalige Schüler gemeldet. Die Missbrauchsvorwürfe richteten sich gegen zwei Patres, wobei die meisten Betroffenen haben bis in die letzten Wochen geschwiegen hätten. Erst als der Rektor der Schule, Pater Mertes, die ersten Vorwürfe öffentlich machte, hätten sich viele zu Wort gemeldet.

Eingang zum Canisius-Kolleg in Berlin

Eingang zum Canisius-Kolleg in Berlin

Verletzungen, die nicht heilen

Dabei gehe es, so Ursula Raue, nicht um schwere Gewalt oder um brutale Vergewaltigung, sondern um anfassen, um Selbstbefriedigung, um zu große körperliche Nähe und ähnliche Dinge. Erstaunlich sei, dass auch dies bei den Betroffenen Verletzungen ausgelöst habe, die teilweise erst jetzt wieder aufgebrochen seien. Da könne man, wie Pater Mertes es getan habe, durchaus von Verletzungen sprechen, die offenbar nicht heilen.

Ursula Raue verweist auf den Fall eines der Beschuldigten, der an dem Jungengymnasium den Freizeitbereich, genannt "die Burg", leitete. Dort soll er über die Jahre mehrere Jungen belästigt und zu sexuellen Handlungen überredet haben. Eindeutig gehe aus den Akten hervor, dass die Schulleitung mit Vorwürfen gegen den Pater konfrontiert worden sei. Nach einigem schriftlichen Hin- und Her, so Ursula Raue weiter, sei Pater R. dann zum Ende des Schuljahres 1981 aus der Schule ausgeschieden und nach Göttingen gegangen. Dort habe er auch wieder Jugendarbeit gemacht, und es habe auch Übergriffe auf Mädchen gegeben.

Gründliche Aufklärung gefordert

Das Gebäude des Canisius-Kolleg (Jesuitengymnasium) (Foto: dpa)

Das Gebäude des Canisius-Kolleg (Jesuitengymnasium)


Auch der zweite Beschuldigte vom Canisius-Kolleg, Wolfgang S., der Schüler sadistisch gequält haben soll – etwa durch Schläge auf das nackte Hinterteil – sei nach Misshandlungsvorwürfen mehrfach an andere Jesuiten-Einrichtungen weitergereicht worden. Besonders brisant sei, dass der Beschuldigte bereits bei seinem Eintritt in den Orden in den sechziger Jahren in einer schriftlichen Stellungnahme seine sadistische Neigung selbst geschildert habe. Allerdings seien dann aus dieser sehr umfassenden Selbstdarstellung des Beschuldigten keinerlei Konsequenzen gezogen worden.

Ursula Raue findet das "sehr befremdlich", fügt aber hinzu, dass es sich einordne in andere Beobachtungen, die sie gemacht habe: Man habe sich wohl schon Gedanken gemacht über das Wohl der Confratres und auch der Ausgetretenen. Aber der Gedanke an das Wohl der Kinder und Jugendlichen sei schriftlich nicht auftaucht.

Nun empfiehlt Anwältin Ursula Raue den Jesuiten erstmal eine gründliche Aufklärung der Fälle. Es müsse eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden, die nicht nur Vorwürfen gegen Einzelpersonen nachgeht, sondern auch prüft, inwiefern die Institutionen des Ordens den Missbrauch begünstigt hätten. An den Schulen müsse es künftig Ombudsleute geben, an die sich Schüler in solchen Fällen wenden können.




Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Hartmut Lüning