1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Aufklärerin aus Beirut

Über Themen wie Sexualität zu schreiben ist in der arabischen Welt nicht immer einfach. Die libanesische Schriftstellerin Joumana Haddad tut es trotzdem und gibt das erste Erotikmagazin im Libanon heraus.

Die libanesische Schrifstellerin und Journalistin Joumana Haddad. (Foto: Laurent Denimal).

Die Beiruter Journalistin, Dichterin und Publizistin Joumana Haddad.

Wenn eine arabische Frau es wagt, ein Erotik-Magazin herauszugeben und es 'Jasad' - auf arabisch "Körper" - zu nennen, dann muss sie mit Ärger rechnen. Joumana Haddad hat sich dieser Herausforderung gestellt und wollte mit dem Magazin, das seit knapp zwei Jahren erscheint, Grenzen überschreiten. Sie hat es getan und damit die erste arabische Zeitschrift dieser Art gegründet.

Mit heftigem öffentlichen Protest hatte sie von Anfang an gerechnet. Dem Magazin warf man vor, es sei sensationsheischend und pornographisch. Der Herausgeberin warf man vor, sie wolle lediglich berühmt werden – statt Tabus zu brechen, verflache durch ihr Magazin die gesellschaftliche Debatte über diese Themen. Diese Vorwürfe sind nichts Neues für sie. Die Reaktionen habe sie schon erwartet, erzählt Haddad im Interview mit dem Arabischen Programm der Deutschen Welle: "Sie kommen automatisch, weil das Magazin sensible Themen behandelt. Und weil es noch dazu von einer Frau herausgegeben wird, in einer Gesellschaft, die immer noch von Männern dominiert wird."

Keine fragwürdige Pornographie

Titelseite der Zeitschrift 'Jasad'. (Foto: Jasad).

Titelseite der Zeitschrift 'Jasad'.

Doch Joumana Haddad lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihr Magazin 'Jasad' erscheint seit zwei Jahren einmal pro Quartal. Haddad will sich weiterhin mit Themen der Körperlichkeit beschäftigen und sie vertiefen. 'Jasad' sei kein fragwürdiges Pornoheft, sagt die Vierzigjährige. Es beschäftigt sich mit Kunst, Wissenschaftsthemen und - wie Haddad es nennt - der Literatur des Körpers. "'Jasad' wollte von Anfang an einen Raum für Künstler und Schriftsteller schaffen, die sich, wie ich, für diese Themen einsetzen möchten und wissen, welches Unrecht der arabischen Sprache getan wurde. Die arabische Sprache wurde im Laufe der Jahrhunderte regelrecht kastriert und ihrer Fähigkeit beraubt, frei über Erotik und Sexualität zu sprechen", so Haddad gegenüber dem Arabischen Programm der Deutschen Welle.

Damit spielt Haddad auf die Blütezeit der arabischen Kultur und Literatur im Mittelalter an. Damals wurde über Sexualität viel freier geschrieben und gesprochen als heute. Durch ihr Magazin sei der Freiraum für Intellektuelle aber größer geworden, sagt sie. Selbstverständlich ist das Erscheinen dieser Zeitschrift aber nicht. Dass die Zeitschrift unzensiert erscheint, verdankt die Herausgeberin dem libanesischen Informations- und dem Innenminister, die sich trotz aller Proteste für 'Jasad' eingesetzt haben.

"Schizophrenie, Herdentrieb und Stillstand"

Das Cover des Buches Wie ich Scheherezade tötete von Joumana Haddad. (Foto: Hans Schiler Verlag).

"Wie ich Scheherazade tötete: Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau" erscheint im März 2011 auch auf Arabisch.

Joumana Haddad ist aber nicht nur Herausgeberin. Sie ist auch Publizisten und Feuilleton-Chefin der führenden libanesischen Tageszeitung 'Annahar'. Von ihr erschien kürzlich der Essayband "Wie ich Scheherezade tötete: Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau." Das Buch hat sie auf Englisch geschrieben. Zur Zeit arbeitet sie an der arabischen Ausgabe, die im März erscheint. "Wie ich Scheherazade tötete" ist bereits in mehreren europäischen Sprachen erschienen, darunter auch auf Deutsch. Es ist gleichzeitig Autobiographie und Analyse der aktuellen Lage der arabischen Frau und der arabischen Welt. Darin versucht Haddad auf den Punkt zu bringen, "was es gegenwärtig bedeutet, Araber zu sein: Schizophrenie, Herdentrieb und Stillstand – drei finstere Tatbestände, die Männer und Frauen gleichermaßen betreffen," schreibt sie in ihrem Essayband.

Jedoch prangert sie nicht nur den intellektuellen und kulturellen Tiefschlaf an, in dem sich ihrer Meinung nach die Araber zurzeit befinden. Haddad will auch "orientalistische Sichtweisen" und "antiarabische Vorurteile" auf westlicher Seite bekämpfen. Das Klischee von der unterdrückten arabischen Frau will sie aufbrechen. Und dennoch gibt sie zu, dass die Unterdrückung der arabischen Frauen durch die Religion und durch die Männer nach wie vor die Regel ist.

Literatur als Befreierin

Warum sie im Titel ihres Buches Scheherazade, die Märchenerzählerin aus tausendundeiner Nacht, tötete, hat einen Grund: die Verehrung dieser literarischen Figur innerhalb und außerhalb der arabischen Welt findet sie übertrieben, denn "unsere Kultur wird nicht müde, Scheherazade als gebildete Frau zu feiern, die dank ihres Einfallsreichtums, ihrer Vorstellungsgabe und ihrer Intelligenz dem Tod von der Schippe sprang, indem sie den Mann mit ihren endlosen Geschichten einlullte. Für mich kommt das einer Form der Bestechung gleich, die mir schon immer zuwider war."

Scheherazade lehre die Frauen nicht Widerstand und Aufbegehren, so Haddad weiter, sondern die Bereitschaft zu Verhandlungen und Zugeständnissen in Bezug auf ihre Grundrechte. Für die 1970 geborene Autorin gibt es allerdings Auswege aus dieser Misere. Zum Beispiel durch die Literatur. Für sie besitzt Literatur die Fähigkeit, "uns zu befreien und zu bereichern, egal ob wir bereit sind für das, was die Literatur uns anbietet."

Eine Frauenrechtlerin, aber nicht die einzige

Die Schriftstellerin Joumana Haddad. (Foto: Laurent Denimal).

Joumana Haddad schreibt selbst erotische Gedichte und glaubt an die befreiende Kraft der Literatur für die arabische Welt.

Die Autorin hat schon im Alter von zwölf Jahren die Bücher des Marquis de Sade entdeckt. Ein Schlüsselerlebnis, das ihr Leben für immer veränderte, schreibt sie. Als Tochter einer konservativ-katholischen Familie und Schülerin einer strengen Klosterschule erschloss sich ihr durch die französische Literatur eine ganz neue Welt. Durch de Sade habe sie gelernt, dass Freiheit im Kopf, in der Fantasie anfängt.

Und dennoch will Joumana Haddad nicht als eine Ausnahme-Erscheinung gelten oder vom Westen als solche verstanden werden. Sie sieht sich als eine frei denkende arabische Intellektuelle und Frau. Und Joumana Haddads wichtigste Botschaft ist: Sie ist nicht die einzige.

Autor: Nader Alsarras
Redaktion: Marco Müller

Die Redaktion empfiehlt