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Bücher

Aufgelesen

Wir lassen die Eisschollen krachen, Biergläser kippen, nehmen Mordermittlungen auf und rauschen bei allem durch die isländische Volksseele. Dies ist eine Island-Spezial-Literaturkolumne, ein Appetizer vor der Buchmesse.

Aufgeschlagene Bücher liegen auf einem Stapel © Mike Wolff

Ganz einfach macht es einem die isländische Literatur nicht. Die Sprache ist eine echte Herausforderung, auch in der Übersetzung. Kaum etwas wird so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Egal ob es um Stadtteile, Straßen oder Menschen geht, um Berge, Fjorde oder Volksfeste. Das führt leider dazu, dass man sich Namen schwer merken kann. Deswegen können isländische Krimis anstrengend sein, weil man regelmäßig zurück blättern muss, um herauszufinden wer denn diese "Dóttir-Irgendwer" noch mal war, deren Name der anderen "Dóttir-Irgendwas" zum Verwechseln ähnlich ist.

Dunkel, mysthisch, Gänsehaut

Buchcover Yrsa Sigurdardottir: Feuernacht (Fischer Verlag)

Zurückblättern haben die isländischen Krimis aber wirklich nicht verdient, und das Problem wurde zumindest für den deutschen Buchmarkt offensichtlich erkannt: in Yrsa Sigurðardóttirs Krimi "Feuernacht" ist eine praktische Personenliste samt Aussprachetipps bereits inklusive. Sigurðardóttir gehört neben Arnaldur Indridason zu den beliebtesten und erfolgreichsten Krimi-Autoren Islands.

"Feuernacht" ist nicht ihr aktuellstes Buch, aber eines, das sich mit etwas Gänsehaut gut genießen lässt: Anwältin Dóra soll untersuchen, ob der verurteilte Jakob wirklich ein Behindertenheim in Brand gesetzt hat, bei dem fünf Menschen ums Leben gekommen sind. Der junge Mann hat das Down-Syndrom. Anwältin Dóra stochert zwischen political correctness und einer Menge Vorurteile nach den wahren Tätern in einem komplexen Personendickicht, aus dem sie ganz langsam die Wahrheit herausholt. Ein bisschen Mystik ist auch dabei, ein Krimi für dunkle Jahreszeiten.

"Pesi stand auf Zehenspitzen am Fenster und spähte hinaus. Als er die Tür hörte, verstummte er und drehte sich um. Berglind schlug die Hand vor den Mund, als sie die beschlagene Fensterscheibe sah. "Hallo Mama." Pesi lächelte traurig. Berglind eilte zu ihrem Sohn und riss ihn unsanft vom Fenster weg. Sie drückte ihn an sich und versuchte gleichzeitig die Scheibe trocken zu wischen, aber die Dunstschicht verschwand nicht. Sie war von außen auf dem Glas. Pesi schaute seiner Mutter in die Augen. "Magga ist draußen und kann nicht rein. Sie möchte auf mich aufpassen." Er zeigte zum Fenster und verzog das Gesicht. "Sie ist ein bisschen sauer."

Winter, Rausch, Seelentrip

Buchcover Hallgrímur Helgason: 101 Reykjavik (dtv)

Gemessen an der Bevölkerungszahl werden in keinem Land so viele Krimis geschrieben wie in Island. Es gibt aber auch nur rund 318.000 Isländer. Und ihre Hauptstadt Reykjavik soll eins der besten Nachtleben Europas haben. Vielleicht gemessen an der Bevölkerungszahl, tatsächlich ist Hlynur aber nicht ganz unschuldig am guten Ruf des Nachtlebens. Hlynur aus dem Kultbuch "101 Reykjavik" von Hallgrímur Helgason aus dem Jahr 1996, das jetzt in Neuauflage als Taschenbuch erschienen ist. 101 Reykjavik heißt der Ausgehbezirk der isländischen Hauptstadt, den der 33 Jahre alte Hlynur nachts durchstreift, voller Sarkasmus und Arroganz, auf der Suche nach einer Frau, die ihn umhaut und dem Leben an sich. Hylnur lebt noch bei seiner Mutter, arbeitet nicht, Partys, Pornos und Lolla, die lesbische Freundin seiner Mutter, sind das einzige, das ihn interessiert.

"Sie ist clever. Ein Teufelsweib. Würde mir gerne mal ihr Höllenloch ansehen. Dabei sieht sie ganz wie eine eingeschlechtliche Frau aus. Ziemlich süß sogar. (...) Ich würde 30.000 für sie auf den Tisch blättern."

Lolla sorgt für Unruhe in Hylnurs bequemem Leben, und er wehrt sich dagegen. Ein dichter Romane voller Wortwitz, Rauscheskapaden und einem gnadenlos nervigen Hlynur, der sein Innenleben rücksichtslos nach außen kehrt. Was soll man auch sonst machen während der vielen dunklen und eisigen Wintertage… dieser Winter beeinflusst die isländische Literatur überhaupt sehr stark.

Meer, Freundschaft, Ängste

Buchcover Audur Jónsdóttir: Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt (btb)

Zwischen Eis und Schneestürmen fragt sich auch Sunna Nönnudóttir, was aus ihrem Leben werden soll, die Hauptperson im Roman "Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt". Sunna ist 32 und geht der Welt lieber aus dem Weg, bis sie im Internet liest, dass ihre ehemals beste Freundin Arndís, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, vermisst wird.

"Arndís muss wahnsinnig geworden sein. Man nimmt automatisch an, dass Leute, die einfach abhauen, wahnsinnig geworden sind. Hören sie auf wahnsinnig zu sein, wenn man sie wieder findet? Das hängt sicher davon ab in welchem Zustand man sie wieder findet. Doch daran mag ich jetzt nicht denken."

In Rückblenden taucht man ein in die Freundschaftsgeschichte von Sunna und Arndís, ein Spiel der Abhängigkeiten. In der Gegenwart sucht Sunna widerwillig nach Arndís, und ihr Leben verändert sich dadurch. Sie muss sich alten Ängsten stellen und erkennt, dass sie nicht das Leben führt, das sie führen will. Das alles einfühlsam, lakonisch und klar erzählt von Autorin Auður Jónsdóttir, der Enkelin des bislang einzigen isländischen Literatur-Nobelpreisträgers, Halldór Laxness. Es ist ihr erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Hoffentlich folgen weitere.