1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Aufgelesen – für Extreme

Manchmal muss man radikal sein. Wir haben Literaturtipps für alle, die etwas besonders Kurzes, Detailliertes oder Ungewöhnliches suchen: Literatur-Quickies, Öko-Radikale und eine Freundschaft zwischen Banker und Tramp.

Selbst wenn wir zu Hause nicht begeistert aufräumen, sortieren wir die Welt an sich doch gerne. Besonders die Menschen darin: Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu, und alles ist direkt ein bisschen einfacher. Manchmal vertut man sich aber Gott sei Dank. Dann wird das Leben ja erst richtig interessant.

Martin Heipertz hat eine solch einen Fall aufgezeichnet: Ein Banker sieht einen heruntergekommenen Mann in einer Grünanlage und steckt ihn gedanklich in die Schublade "Nutzloser Penner":

"Wie an jedem Werktag wälzte sich der morgendliche Strom grauschwarzer Anzugträger über die Treppe aus der U-Bahn und ergoss sich in die Anlage. (...) Der Penner saß schon längst da, denn er lebte hier. (...) Ich ging in Eile, wie immer. Zeit ist Geld. (...) Das offensichtliche Übermaß an Zeit, das dem Penner zur Verfügung stand, provozierte mich."

Lebensgeschichte wie nach Drehbuch

Kurz darauf prallen die beiden zusammen - verbal, nicht physisch, mitten in Frankfurt am Main. Banker Frank hat einen beleidigenden Aussetzer und anschließend ein schlechtes Gewissen, so dass sich etwas später zwei Welten treffen, die sonst säuberlich voneinander getrennt existieren. Banker und Penner kommen miteinander ins Gespräch.

"Mir wird anders zumute. Ich spüre, dass ich im Begriff bin, etwas Ungewöhnliches zu tun, das nicht zu meinem Leben passt und es vielleicht ändern könnte. (...) Als wäre es das Natürlichste der Welt, ein Banker und ein Penner, sage ich wie von selbst: "Ich möchte Ihre Geschichte hören."

Danach ordnet der Banker seine Schubladen neu. Denn die Geschichte des Penners Franz, der sich selbst als Tramp bezeichnet, ist eine ungewöhnliche Lebensreise: vom kriminellen Milieu in Wien ins Hochsicherheitsgefängnis, quer durch die USA und Europa. Die Geschichte strotzt nur so von einem Leben, das auch heimliche Sehnsüchte des Bankers anspricht. Die ungewöhnliche Begegnung der beiden soll eine wahre sein, aber sie hat eben auch etwas Fabelhaftes mit ihrer moralischen Pointe: Habe den Mut, zweimal hinzugucken, und stecke niemanden in eine Schublade, bevor du dir sicher sein kannst, dass er reinpasst.

Kampf um Ratten und Lebensraum

Menschen, die sich gerne in Details verlieren, sind mit dem aktuellen Roman von T.C. Boyle gut bedient. Der amerikanische Autor beschreibt ausnahmslos alle seine Figuren extrem detailliert, egal wie wichtig sie für die Handlung sind. Im Mittelpunkt steht unter anderem die zielstrebige Wissenschaftlerin Alma, die das ökologische Gleichgewicht der Insel Anacapa vor der kalifornischen Küste wieder herstellen soll. Ratten, die durch einen Schiffbruch 100 Jahre zuvor auf die Insel gekommen sind, haben hier die Überhand gewonnen. Alma soll sie eliminieren und trifft dabei auf den fanatischen Tierschützer Dave.

"Es ist ganz still. Alles sieht zu einer Gestalt, die sie erst jetzt am Rande ihres Blickfeldes entdeckt. Der Gestalt eines Mannes, der sich von einem der Plätze am Rand der ersten Reihe erhoben hat. Er hat rostbraune Dreadlocks, er hält den Kopf gesenkt die Muskeln sind angespannt, er beisst die Zähne zusammen. (...) "Quatsch!", ruft er. Seine Stimme hallt von einem Ende des Saales zum andern. "Propaganda und Doppelsprech!""

Boyle streckt die Geschichte von den Ratten, der Insel und den Menschen, die für ihre Überzeugungen kämpfen, über mehrere Generationen. Jeder einzelne Part ist eine Kurzgeschichte für sich und liefert einen weiteren Baustein, um das Gesamte zu verstehen. Selbst die gekürzte Romanversion, die Schauspieler Jan Josef Liefers liest, kann man dreimal genießen und wird immer wieder Neues entdecken in diesem Geflecht einer geschickten Gesellschaftsbeobachtung.

Appetithappen und Zeitvertreiber

Das wirklich andere Extrem sind im Vergleich dazu die Kurzgeschichten-Bücher im handgroßen Quadratformat, die der Literatur-Quickie-Verlag herausgibt. "Booklits" werden sie genannt. Literatur kurz und knapp zum unterwegs mal kurz Genießen, zum Lesen beim Abendbrot, im Wartezimmer, zwischendurch oder als Appetithappen auf mehr. So bewirbt sie der Verlag, und das zu Recht. Es sind vor allem Kurzgeschichten von zeitgenössischen Autoren, etablierten wie unbekannten. Gerade ist die neunte Auflage mit fünf neuen Exemplaren auf den Markt gekommen.

Diese "Booklits" sind klein, günstig, und man kann sie überall hin mitnehmen. Das Konzept wirkt zwar auf den ersten Blick bemüht alternativ, aber der Inhalt stimmt. Die Mini-Bücher machen Freude, wenn man es mag, kurz, knapp, intensiv in Welten einzutauchen, in denen man nicht lange verweilt, die einem aber noch lange nachhängen. Gibt’s sogar im Abo.


Autorin: Marlis Schaum
Redaktion: Gabriela Schaaf

Martin Heipertz: "Der Tramp. Die Geschichte des Franz S." Berlin University Press; 120 Seiten; ISBN 978-3-86280-011-7; 19,90 Euro.

T. C. Boyle: "Wenn das Schlachten vorbei ist". Gekürzte Lesung; Sprecher: Jan Josef Liefers; Regie: Ralf Ebel. Der Hörverlag 8 CD; ISBN 978-3-86717-841-9; 24,99 Euro.

Die vollständige Buchausgabe: T. C. Boyle: "Wenn das Schlachten vorbei ist". Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren.; Hanser Verlag München, 464 Seiten; 22,90 Euro.

Friedrich Glauser: "Totenklage". Literatur Quickie Verlag; 26 Seiten; ISBN 978-3-942212-54-0; 2,50 Euro.

Björn Kern: "Turkish Knockout". Literatur Quickie Verlag; 30 Seiten; ISBN 978-3-942212-52-6; 2,50 Euro.