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Bücher

Aufgelesen – für Biografieliebhaber

Bei Biografien weiß man oft, wie sie enden. So kann man den Weg dorthin entspannt verfolgen und interessante Lebensdetails entdecken. Wir widmen uns Dürrenmatt, einem geschichtsträchtigen Erbe und einer chaotischen Ehe.

Bücherstapel (Foto: Mike Wolff)

Wer sich bei Biografien auf die privaten Details konzentriert, kann noch eine Menge lernen. Da stand man zum Beispiel gerade mal wieder im Auge des partnerschaftlichen Gefühlssturms, hat sich angemotzt und Aufrichtigkeit angezweifelt und hört plötzlich das hier:

"Berlin, 10. März 1893. Du hast mich in Brand gesteckt, so dass ich kein Feuer vom Wein mehr brauche. Hier ist Frühling, aber wenn Du hier wärest, wäre es Sommer. Lebe wohl und gedenke meiner, wie ich Tag und Nacht an Dich denke. Dein August Strindberg."

Man seufzt unwillkürlich, ein bisschen verzückt und sehnsüchtig. So schön kann Liebe klingen. So schön war sie auch, zu Beginn, die Liebe zwischen dem schwedischen Autor Strindberg und der österreichischen Journalistin Frida Uhl. Sie trafen sich 1892 in Berlin, er war damals 44, sie 20 Jahre alt. Er war weltweit bekannt und ein Macho, sie selbstbewusst und emanzipiert. Zweieinhalb Jahre dauerte ihre Achterbahn-Liaison, und ihr intensiver Briefwechsel aus dieser Zeit wurde jetzt vom Kaleidophon-Verlag vertont. An diesem Briefwechsel erkennt man, dass eine Partnerschaft damals wie heute so anstrengend sein kann, dass man es im Kopf nicht aushält. Und man erlebt August Strindberg von unangenehmen Seiten. Schreibt er seiner Frida anfangs noch...

"Du musst Schriftstellerin werden und unabhängig bleiben wenn Du es so willst. Du hast ein Körnchen von einem Mann in Dir und ich ein Tröpfchen von einem Weib. Das gibt ein schönes tolles Paar ab, nicht wahr?"

Wuchtige Emotionen

Aber als sie dann versucht als Journalistin Fuß zu fassen und nebenher noch Strindbergs vor sich hindümpelnde Karriere anzukurbeln, reagiert er ablehnend, versinkt in Depressionen, ist eifersüchtig. Sie reibt sich auf für ihn, doch als klar wird, dass er eine eigenständige Frau an seiner Seite nicht ertragen kann, ist sie bereit, sich von ihm zu lösen.

"Ich habe Dir alle gegeben: Herz, Seele und meine Arbeitskraft. (...) Du, Du hast mich behandelt wie ein Wesen, das extra dazu gemacht ist Deine Launen zu ertragen. (...) Überlege ein für allemal: liebst Du mich oder nicht? (...) Wenn nein, nein. Mein Gott, sag es einfach."

Die Ehe scheitert, und das Tondokument dazu ist eine Wucht an Emotionen, die einen lächeln, seufzen und mit den Augen rollen lässt.

Opulent, opulenter, Dürrenmatt

So viel romantisches Drama geben zwei neue Biografien über Friedrich Dürrenmatt nicht preis. Aber sie analysieren ausführlich Kindheit und Jugend des Schweizer Dramatikers, zeichnen detailliert seinen Werdegang nach und strotzen vor Originalzitaten.

"Das Dorf, in dem ich aufwuchs, formte mich vor; ich brauchte mich nicht mit ihm auseinander zu setzen, weil ich Teil vom Dorfe war. Ich war im Bilde, weil ich mir ein Bild machen konnte. Die Stadt Bern, in die ich dann kam, zerstörte dieses Bild. Mit ihr musste ich mich auseinandersetzen, weil ich kein Teil von ihr war. Aber aus der Auseinandersetzung mit ihr entstanden die Motive, um die mein Denken kreist: das Labyrinth und die Rebellion: die Motive und die Motivationen meines Denkens zugleich."

Der Diogenes Verlag hat zum einen Dürrenmatts Lebensgeschichte in Bildern herausgebracht, mit zahlreichen Fotos und Dokumenten, opulent gelayoutet im festen Bildbandformat. Das macht eine intensive, abwechslungsreiche und unterhaltsame Annäherung an den Menschen Dürrenmatt möglich. Zum anderen hat der Verlag Peter Rüedis umfassende Dürrenmatt-Analyse veröffentlicht. Eine dichte, 900 Seiten starke Biografie, die Persönliches mit einer Analyse seiner Literatur verwebt.

"Eingeschlossen ausgeschlossen: Die Erfahrung der Verschonung als Gefangenschaft in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs hat den Autor Friedrich Dürrenmatt geboren. Die Zweiteilung der Welt in Drinnen und Draußen, die Verwirrung und Verunsicherung an der Grenze dazwischen – das ist die existentielle Erfahrung einer Paradoxie."

Fiktive Biografie

Wer sich durch die 900 Seiten über Dürrenmatt gearbeitet hat, hat auch wirklich gearbeitet, es ist durchaus anspruchsvoll, was Peter Rüedi einem da abverlangt. Zur Belohung könnte man sich danach eine etwas leichter zu lesende Biografie gönnen, die allerdings eine fiktionale Biografie ist: "Adams Erbe", das Debüt von Astrid Rosenfeld.

"Mein Vater hieß Sören oder Gören und kam aus Schweden oder Dänemark oder Norwegen. An mehr konnte meine Mutter sich nicht erinnern. (...) Obwohl ich meine Zeugung nicht der Liebe zweier Menschen, sondern der enthemmenden Wirkung zweier eiskalter Flaschen Wodka Gorbatschow zu verdanken habe, war ich für meine Mutter ein Wunschkind."

So erzählt es Edward Cohen, der um das Jahr 2000 erwachsen wird und sein Leben lang mit einem Großonkel verglichen wurde, den er nie kannte, mit Adam. Dessen Lebensgeschichte wiederum beginnt ähnlich:

"Ich wurde unmittelbar nach dem Krieg gezeugt. Es war die letzte Tat, die mein Vater, Maximilian Cohen, vollbrachte, bevor er sich in sein Zimmer einsperrte, um nie wieder herauszukommen. Das war 1919."

Adams und Edwards Biografien werden nacheinander erzählt und verweben sich mit der Zeit. Sie berichten von der Macht der Liebe, der Familienbande und wie zufällige Begegnungen den Lebensweg beeinflussen. Voller Humor, Dramatik und Zeitgeschichte. Ein so großartiges Buch, dass es hier erscheinen darf, obwohl es Fiktion ist. Dadurch hat es natürlich den unschlagbaren Vorteil, dass es intensiver ist als es wahre Biografien sein könnten, weil man Adams und Eddys Gedanken ja regelrecht mitlesen kann.

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Gabriela Schaaf

Susanne Kittelberger, Robbie Fischer: "Der Abgrund, der uns verschlang. August Strindberg und Frida Uhl", Kaleidophon-Verlag, 2 Audio CDs, Gesamtlaufzeit 150 Minuten, ISBN 978-3-9810808-7-2, 16,95 Euro

Anna von Planta, Ulrich Weber, Monika Stefanie Boss, Kati Hertzsch, Winfried Stephan, Margaux de Weck (Hrsg.): "Friedrich Dürrenmatt. Sein Leben in Bildern", Diogenes Verlag, 376 Seiten, ISBN 978-3-257-06766-8, 49 Euro

Peter Rüedi: "Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen", Biographie, Diogenes Verlag, 960 Seiten, ISBN 978-3-257-06797-2, 29,80 Euro

Astrid Rosenfeld: "Adams Erbe", Diogenes Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-257-06772-9, 21,90 Euro