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Kultur

Aufgeklärter Freidenker - Schriftsteller Peter Handke wird 75

Der Lyriker, Erzähler, und Essayist sorgt mit seinen Themen immer wieder für große Aufregung. Seinen Durchbruch hatte Peter Handke 1966 mit dem Stück "Publikumsbeschimpfung".

Groß feiern wolle er seinen 75. Geburtstag am 6. Dezember nicht, sagte er vor kurzem in einem Interview. Vielleicht würde er in die portugiesische Bar in seinem "Kaff" Chaville gehen. In diesem kleinen Ort, zwölf Kilometer südwestlich von Paris gelegen, lebt der in Kärnten geborene Literat seit 1990 - anfangs noch mit seiner späteren zweiten Frau, der französischen Schauspielerin Sophie Semin. Seit 2001 wohnt diese jedoch nicht mehr mit Handke in Chaville. "Um mit Handke gemeinsam leben zu können, müsste man ein Schloss mit zwei Flügeln besitzen", sagte sie einmal. Aber man habe halt kein Schloss.

Streitbares "Zoon politikon"

Großes Aufsehen erregte Handke zum ersten Mal 1966, als er auf den Literatenzirkel Gruppe 47 an der Elite-Uni in Princeton bei New York eine Schmährede hielt. Er warf ihm "Beschreibungsimpotenz" vor. Kritiker werteten dies als rabiate Selbstinszenierung. Andere sagten ihm eine rasante Karriere voraus.

Peter Handke in Serbien (ullstein bild - AP)

Peter Handke 1999 vor einem von Nato-Bomben zerstörten Autowerk in Serbien

Mit seiner Parteinahme für Serbien im Konflikt mit dem Kosovo in den 1990er Jahren zeigte der gebürtige Kärntner mit slowenischen Wurzeln, dass er für seine Überzeugung leidenschaftlich streiten kann. Damals wurde er von Politik und Feuilleton heftig angegriffen: Handke hatte die Bombardierung Serbiens durch die Nato als Verbrechen bezeichnet. "Ich bin ein friedlicher Mensch, glaube ich. Aber das Friedliche geht bei mir ab und zu mit dem Streit zusammen", sagte er zuletzt dem Magazin "News". In seinem Buch "Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg" thematisierte er diese Ereignisse. 1999 wurde das gleichnamige Bühnenstück von Regie-Legende Claus Peymann am Burgtheater in Wien uraufgeführt.

Handke und die Auszeichnungen

Weil er so laut und so deutlich seine Meinung verkündet, habe er auch noch nicht den Nobelpreis für Literatur bekommen, behaupten einige Handke-Kenner. Sie könnten Recht haben. Denn es ist allgemein bekannt, dass der Autor den Nobelpreis sowieso am liebsten abschaffen würde. Es gebe ja keine Weltliteratur mehr, tönte er einmal. 1973 wurde er mit dem renommierten Büchner-Preis ausgezeichnet. 26 Jahre später hat er das damit verbundene Preisgeld zurückgeschickt. Er wolle seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, erklärte er 1999 diese Reaktion.

Peter Handke 1973 auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: picture-alliance/dpa/Bildarchiv)

Jungstar Handke 1973 auf der Frankfurter Buchmesse

Den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf nahm er nach heftigen Diskussionen um seine Person erst gar nicht an. Mitglieder des Berliner Ensembles sahen das Verhalten des Düsseldorfer Stadtrates als "Angriff auf die Freiheit der Kunst" und gründeten 2006 die Initiative "Berliner Heinrich-Heine-Preis". Damit wollten sie einen Geldbetrag sammeln, der dem Preisgeld des Düsseldorfer Heine-Preises entsprechen sollte. Handke akzeptierte und spendete das Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro einer serbischen Enklave. 2014 bekam er in Oslo den Ibsen-Preis verliehen. Weil er wegen seiner Haltung zu Serbien beschimpft und ausgebuht wurde, nahm er das Preisgeld nicht an.

Rettung im Schreiben

Im jungen Alter von 18 Jahren erfuhr Peter Handke, dass der Mann seiner Mutter nicht sein leiblicher Vater war, sondern ein verheirateter Sparkassenangestellter aus Deutschland. Zwei Jahre lang studierte er Jura. "Eine große Depression ist damals in mich eingezogen", erzählte er in einem Interview. Dann nahm sich auch noch seine Mutter das Leben. Diesen Selbstmord verarbeitete er in der Erzählung "Wunschloses Glück". Seinen ersten größeren Erfolg als Autor feierte Handke 1966 mit dem Roman "Die Hornissen".

Handkes Oeuvre

Peter Handke und Wim Wenders (Foto: picture alliance/picturedesk/F. Neumayr)

Seit 1966 ist Handke mit dem Regisseurs Wim Wenders befreundet

In seinen 75 Lebensjahren schuf der streitbare und manchmal auch schwermütige Lyriker, Essayist, Drehbuchautor, Übersetzer und Regisseur über siebzig Erzählungen und Prosawerke. Dazu kamen rund zwei Dutzend Bühnenwerke. Das Buch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" aus dem Jahr 1970 wurde zur Pflichtlektüre für Schüler. Mit den Bühnenversionen seiner Werke wie "Kaspar" oder "Die Reise zum sonoren Land" feierte Handke an vielen Theatern große Erfolge. Einige seiner Geschichten eroberten aber auch die Leinwand. 

Handke und Wenders

Mit dem deutschen Film-Regisseur Wim Wenders verbindet Handke eine langjährige Freundschaft. Der junge Student Wenders lernte den Jungliteraten Handke nach einer Aufführung seines Stückes "Publikumsbeschimpfung" 1966 in Oberhausen kennen. Schnell war klar, dass es viele Gemeinsamkeiten und sogar eine ästhetische Verwandtschaft gibt. Wenders verfilmte 1970 Handkes ersten Roman "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter".

1987 schrieb Handke für Wenders' Film "Der Himmel über Berlin" das Drehbuch. 2016 verfilmte Wenders Handkes Stoff "Die schönen Tage von Aranjuez" aufwendig in 3D. Das intensive Beziehungsdrama wurde in einem alten Landhaus bei Paris gedreht. Eine der beiden Hauptrollen spielte Handkes Ehefrau Sophie Semin.

Aufgeklärter Freidenker

"Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft", sagte Peter Handke einmal. Ein Künstler müsse durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen. Seinen jüngsten Roman "Die Obstdiebin" bezeichnet Handke als  das "Letzte Epos" und schafft dadurch wieder einmal Verwirrung. Manche Kritiker vermuten allerdings, es könnte sich dabei ganz konkret um "die Auseinandersetzung mit der Vaterrolle" handeln. Immerhin ist Peter Handke Vater zweier Töchter. Eines ist jedenfalls sicher: Handke bleibt der Freidenker, der er schon immer war. Am 6. Dezember feiert er in aller Stille in Chaville seinen 75. Geburtstag.

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