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Kultur

Aufgabe für die Politik

Was ist falsch daran, dass die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen nach Erfolg und Sicherheit strebt? Politiker müssen dementsprechend handeln. Ein Kommentar von Verica Spasovska.

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Irgendwie kann sie es den Erwachsenen nie recht machen: Wie sich die Jugend auch verhält, ob lustlos wie zur Zeit der Null-Bock-Generation oder zielorientiert und pragmatisch wie die neueste Shell-Studie belegt, die Erwachsenen schütteln den Kopf. Irritationen hat die seriöse Shell-Studie im deutschen Blätterwald hervorgerufen. Deren wichtigstes Ergebnis lautet, dass die Jugendlichen von heute nicht auf Ausstieg, sondern Aufstieg setzen.

Kritiker argwöhnen, dass hier eine Generation heranwächst, die "leistungs-, macht- und anpassungsorientiert" ist. Aus der Tatsache, dass der überwiegende Teil der befragten Jugendlichen Familie und Kinder für besonders wichtig hält, wird geschlossen, dass der Rückzug ins Private drohe. Und: Politikverdrossenheit breite sich aus, heißt es warnend. Denn das Engagement für Politik rangiert unter den Jugendlichen auf dem drittletzten Platz der Werteskala.

Diese Ergebnisse sind bei genauem Hinschauen keineswegs so alarmierend, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Gegenteil! Was ist falsch daran, dass die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen nach Erfolg und Sicherheit strebt? Angesichts der schlechten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt kann man nur froh darüber sein, dass sie es überhaupt tun. Und offenbar ist ihr Sicherheitsbedürfnis auch eine direkte Folge der ökonomischen Verunsicherungen, die mit der allgemeinen Konjunkturflaute einhergehen.

Dass Freundschaft, Partnerschaft und Familie an der Spitze der Wertigkeiten stehen, welche deutsche Jugendliche für wichtig halten, ist angesichts steigender Scheidungsraten beinahe ein Wunder. Deshalb ist es geradezu tröstlich, dass die Jugendlichen sich nicht davon abschrecken lassen und gerade in der Familie eine der wichtigsten Konstanten sehen.

In diesem Zusammenhang läßt ein anderes Ergebnis der Studie aufmerken: Es wächst eine Generation junger Frauen heran, die so gut ausgebildet ist wie keine andere zuvor. Inzwischen gibt es mehr Mädchen als Jungen in Deutschland mit höherer Schulbildung. Und diese Mädchen wollen alles: Familie, Karriere, Selbstverwirklichung. Und das am besten gleichzeitig. Diese selbstbewußte Haltung ist ein echter Fortschritt. Aber angesichts fehlender Betreuungs-
möglichkeiten und mangelnder staatlicher Unterstützung für Familien wird es für diese nachwachsende Generation junger Frauen schwer sein, diese Träume zu verwirklichen.

Spätestens bei diesem Ergebnis müßten die Familienpolitiker aller Couleur endlich aufwachen und den jungen, engagierten Frauen statt leerer Wahlparolen echte Perspektiven für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufzeichnen. Denn geschieht dies nicht, dann droht die Geburtenrate in Deutschland weiter dramatisch zu sinken. Schlechte Aussichten, denn schon jetzt rangiert Deutschland auf dem viertletzten Platz innerhalb Europas.

Das nachlassende Interesse der Jugend an der Politik ist ebenfalls ein Ergebnis, das nachdenklich stimmt. Droht hier eine Spaßgeneration heranzuwachsen, die sich bei unverbindlichen Events amüsiert, statt Verantwortung zu übernehmen? Wohl kaum. Unter den freiwilligen Helfern bei der Flutkatastrophe in Ostdeutschland sind besonders viel junge. Die Jugend will gebraucht werden und will sich für andere einsetzen. Die Zurückhaltung gegenüber der Politik hat ihren Grund wohl eher in der Frage, wie heutzutage Politik vermittelt wird: in zahllosen Talkshows, in denen nicht die Inhalte im Vordergrund stehen, sondern die Selbstdarstellung der Politiker.

Bedenklich stimmt in der Tat, dass die Schere zwischen den erfolgreichen Jugendlichen und den Bildungsversagern immer weiter auseinandergeht. Immer mehr Jugendliche, deren Eltern arbeitslos sind, werden selber arbeitslos. Um diese Kinder muß sich die Politik in Zukunft besonders kümmern. Hier gilt es den Teufelskreis zu durchbrechen. Denn gerade die Verlierer sind besonders anfällig für Gewalt und Aggressionen. Das sind die Hausaufgaben, welche die Shell-Studie den politischen Parteien aufgibt.

Und was nehmen wir, die Eltern, mit auf den Weg? Statt sorgenvoll den Werteverfall zu beklagen, sollten wir Erwachsenen helfen, den Rahmen zu schaffen, damit die nachfolgende Generation ihre Träume leben kann: indem wir die Leistungsorientierten fordern und die Schwachen individuell fördern.

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