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Politik

Aufeinander angewiesen

Wenn Bundespräsident Horst Köhler in diesen Tagen China bereist, ist das nur einer von mehreren Besuchen deutscher Würdenträger in diesem Jahr. Seit fast 40 Jahren unterhalten beide Staaten Beziehungen.

Die Fahnen von Deutschland und China hängen während der Eröffnungsfeier für die neue Frachtflugverbindung zwischen den beiden Ländern am 24.09.2007 in Parchim vor der Bühne (Foto: dpa)

Nicht immer deckungsgleich: das deutsch-chinesische Verhältnis

Als in den siebziger Jahren zum ersten Mal ein deutscher Bundeskanzler nach China reiste, da war es ein wenig, als ob er sich mal eben in eine unbekannte Märchenwelt begeben hätte - so wenig Verlässliches war über die Verhältnisse im Land bekannt. Helmut Schmidt traf 1975 in Peking mit Mao Zedong und dem damaligen Premierminister Zhou Enlai zusammen.

Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (r.) wird während seines Besuchs in China am 30.10.1975 von Mao Zedong empfangen (Foto: dpa)

Diplomatisches Neuland: Kanzler Helmut Schmidt (r.) 1975 bei Mao Zedong

Wo er genau gewesen war, erklärte er dem deutschen Publikum hinterher vorsichtshalber ganz von vorne. Er sei in einem "faszinierenden Land" gewesen, einem Land mit 800 Millionen Menschen, "vielleicht sind es auch 900. Niemand weiß das so genau." China habe viel in seiner "industriellen und modernen Entwicklung aufzuholen, obgleich es schon seit 3000 Jahren eine Hochkultur gepflegt hat, wie sie bei uns erst viel später entstanden ist."

"Unverhüllte Unterdrückung"

Umso schneller wurde China, das große unbekannte Reich hinter dem eisernen Vorhang, anschließend zu einem beliebten Partner für Deutschland. Der deutsche VW-Konzern war in den achtziger Jahren der erste ausländische Autokonzern, der in China ein großes Werk eröffnete. Mit ihrer wirtschaftlichen Reformpolitik erschien die Volksrepublik vielen Westdeutschen wie die Stimme der Vernunft unter den sozialistischen Staaten - bis im Juni 1989 der große Bruch kam. Die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens schockierte die deutsche Öffentlichkeit und die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl. Kohl nannte die Forderungen der Studenten berechtigt und erklärte vor dem Bundestag: "Wir trauern mit allen Chinesen auf der Welt, und wir verurteilen gemeinsam mit allen Freunden Chinas diesen Rückfall in eine unverhüllte Unterdrückung."

Bundeskanzlerin Angela Merkel, rechts, verabschiedet im Bundeskanzleramt in Berlin am 23.09.2007, den Dalai Lama (Foto: AP)

Der Dalai Lama im Kanzleramt: 2007 empfängt Angela Merkel das religiöse Oberhaupt der Tibeter - Peking straft daraufhin die deutsche Wirtschaft ab

Deutschland sowie andere westliche Länder froren die Beziehungen zu China ein. Es war jedoch Helmut Kohl selbst, der diese Politik wenige Jahre später korrigierte. Er setzte sich für enge Wirtschaftsbeziehungen ein. Demokratie und Menschenrechte, erklärte er, würden dem wirtschaftlichen Fortschritt folgen. Auch sein Nachfolger Gerhard Schröder vertrat diese Linie. Erst unter Angela Merkel rückten die Menschenrechte stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Merkel empfing das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama, im Kanzleramt. Auf dessen Aktivitäten im Ausland reagiert China äußerst empfindlich. Peking wirft ihm vor, "das Land spalten zu wollen" und für die Unabhängigkeit Tibets zu kämpfen. Nun waren es die Chinesen, die den Deutschen die kalte Schulter zeigten. Ministertreffen wurden abgesagt, demonstrativ wurden milliardenschwere Aufträge an Firmen aus anderen europäischen Ländern vergeben. Merkel dagegen verteidigte auch später ihren Entschluss. Die Beziehungen zwischen Deutschland und China seien viel zu wichtig, als dass der Empfang sie in Frage stellen könnte. "Wir sind aufeinander angewiesen. Und dass wir in einer Frage unterschiedlicher Meinung sind, das muss zwischen Freunden aushaltbar sein."

Das Wesen des Frühlings

Bundespräsident Horst Köhler mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao beim Abschreiten der Ehrengarde während seines Staatsbesuchs 2007 (Foto: AP)

Bekanntes Terrain: Bundespräsident Horst Köhler war bereits 2007 Gast von Hu Jintao

So wie Jahre zuvor die deutsche Empörung, wich auch die chinesische am Ende wirtschaftlichen Interessen. Vergangenes Jahr, mitten in der Weltfinanzkrise, besuchte Wen Jiabao Deutschland, um über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Und er übte sich in einer poetischen Deutung des Verhältnisses: "Wir Chinesen haben ein Sprichwort: Schnee im Winter verspricht eine reiche Ernte. Und auch der berühmte deutsche Dichter Heinrich Heine hat ja gesagt, das Wesen des Frühlings erkenne man erst im Winter. Ich bin sicher, wenn dieser Winter vorbei ist, werden wir stolz sein, in dieser Situation solidarisch gehandelt zu haben."

Streitpunkte gibt es dennoch einige, und längst geht es dabei nicht mehr nur um Grundsätzliches wie die Menschenrechtsfrage, die für die deutsche Öffentlichkeit so emotional besetzt ist. Berlin wirft Peking Blockaden beim Klimaschutz vor und erwartet mehr Druck auf Iran und Nordkorea mit ihren Atomprogrammen. Peking dagegen reagiert verschnupft auf echte oder gefühlte Versuche der Bevormundung durch den Westen. Und auch wirtschaftliche Konflikte treten offener zutage – deutsche Firmen beschweren sich regelmäßig über Industriespionage und Produktpiraterie.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Sven Töniges

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