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Politik

Aufbruch Ost

Ossis sind jetzt die Bossis, reimte die BILD-Zeitung schon vor anderthalb Wochen, in dieser Woche zog der "Spiegel" mit seiner Titelgeschichte nach. Übernehmen jetzt die Ostdeutschen die Regie im Land?

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Angela Merkel und Matthias Platzeck als Chefs der beiden großen deutschen Volksparteien: Das Spiegel-Titelbild im Look der Agitprop-Plakate der frühen DDR, Merkel mit einer Aktivisten-Schärpe drapiert, hätte auch dem Satiremagazin "Titanic" zur Ehre gereicht. Oder dem "Eulenspiegel". Das ist das ostdeutsche Gegenstück zur westdeutschen "Titanic". Nur kennen die "Eule" im Westen zu wenige, und damit fangen die Probleme schon an.

Wer den "Eulenspiegel" nicht kennt, der weiß auch nicht, wie Deutschland aussehen würde, wenn die Ossis tatsächlich die Bossis wären, wenn der Osten vor 15 Jahren den Westen übernommen hätte und nicht umgekehrt. Wenn der "Trabant" in Wolfsburg in Millionenstückzahlen vom Band liefe, seine fleißigen Erbauer "Brigadetagebücher" führen und abends vor den Gaststätten mit den "Sie werden plaziert"-Schildern stünden.

Doch davon ist Deutschland weit entfernt. Die Machtübernahme der Ossis, wie auch immer sie aussehen würde, steht nicht auf der Tagesordnung. Nicht einmal, wenn Angela Merkel und Matthias Platzeck die Chefzimmer im "Konrad-Adenauer"- und "Willi-Brandt-Haus" besetzen. Der politische Zufall hat sie zu dem gemacht, was sie wohl nie werden wollten: Vorzeige-Ossis, an denen die erfolgreiche Emanzipation des östlichen Landesteils festgemacht wird.

Ein Blick ins richtige Leben verrät: Der Ostdeutsche in einer Führungsposition bleibt ein Exot, auch 15 Jahre nach der deutschen Einheit. Nur 7 Prozent der Richter, 20 Prozent der Universitätsrektoren in den neuen Bundesländern stammen aus Ostdeutschland. Kein einziger Intendant einer öffentlich rechtlichen Sendeanstalt, kein einziger Bundeswehrgeneral, kein einziger führender Gewerkschafter und kein einziger Vorstandschef einer im Dax gelisteten Börsengesellschaft stammt aus dem Osten, hat "Die Welt" herausgefunden.

Kann alles noch werden, vielleicht auch mit Hilfe von "Angie" und Matthias. Aber bis dahin sind wohl die Wessis die wirklichen Bossis, auch wenn sich das nicht so schön reimt.

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  • Datum 11.11.2005
  • Autorin/Autor Bernd Gräßler
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7RNu
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