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Kultur

Aufarbeitung und Sinnsuche: 36. Max Ophüls Preis

Ein eindrucksvoller Film über den Missbrauchsskandal innerhalb der Katholischen Kirche und eine Studie über den Sinn des Lebens: "Verfehlung" und "Lichtgestalten" überzeugten beim Nachwuchsfilm-Festival in Saarbrücken.

"Das Theologie-Studium war meine erste Liebe." Einen solchen Satz aus dem Munde eines Regie-Debütanten beim Festival "

Max Ophüls Preis

" in Saarbrücken (19.1.-25.1.) zu hören, ist zumindest ungewöhnlich. Doch Gerd Schneider hat ein abgeschlossenes Studium der Katholischen Theologie hinter sich, zunächst wollte er sogar Priester werden. Doch irgendwann habe er gemerkt, dass der Beruf einige Einschränkungen mit sich bringe, erzählt Schneider im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ihm sei dann klar geworden: "Das ist nicht mein Ding."

Der junge Mann sattelte um und studierte noch einmal, diesmal Regie an der Filmakademie Baden- Württemberg in Ludwigsburg. Schneider präsentierte jetzt seinen ersten langen Film in Saarbrücken: "Verfehlung" heißt sein Debüt, er läuft im Wettbewerb des Festivals. Das Werk vereinigt somit beide Interessen: Religion und Film.

Differenzierte Charaktere

"Verfehlung" erzählt von drei befreundeten jungen Priestern und deren Verwicklung in einen Missbrauch-Skandal. Der Regisseur stellt dem Zuschauer drei sehr unterschiedliche Charaktere vor: Einer hat sich schuldig gemacht, indem er heranwachsende Jungs sexuell belästigte, ein zweiter schwankt zwischen Verdrängung und dem Willen zur Aufklärung, der Dritte investiert alles in seine Karriere innerhalb der Kirche.

Regisseur Gerd Schneider (Foto: Festival Max Ophüls Preis 2015)

Regisseur Gerd Schneider am Set von "Verfehlung"

Warum gerade dieses Sujet? Warum gerade der größte Skandal der Katholischen Kirche seit Jahrzehnten als Thema für ein Debüt? Schneider relativiert: "Ich wollte keinen Film über den Täter oder das Opfer oder über den Missbrauch an sich machen." Missbrauch passiere in Familien öfters, "auch in geschlossenen Systemen wie Schule, Internat, egal ob christlich oder staatlich, auch in Kasernen und bei Sportvereinen." Ihn habe etwas anderes mehr interessiert: "Ich wollte den Umgang bzw. den Nicht-Umgang der Katholischen Kirche mit dem Missbrauchs-Skandal zeigen."

"Nicht der Papst ist die Orientierung, sondern das Gewissen"

Die oberste Instanz für einen gläubigen Christen sei "das gebildete Gewissen, nicht der Papst", ist Schneider überzeugt. Dass die Katholische Kirche, die ja einen moralischen und ethischen Anspruch habe, plötzlich erkennen musste, dass so etwas in den eigenen Reihen passiert, "das ist für mich der Aufreger."

Und noch etwas anderes habe ihm am Herzen gelegen: "das Klischeebild Priester mal ein bisschen zu entrümpeln." Was in Film und Fernsehen gezeigt werde, sei doch das reinste Abziehbild: "Entweder sieht man eine dicke Witzfigur, die nur Kriminalfälle löst oder eine sinistre Gestalt, die an irgendeinem Weltendende ein Geheimnis aus dem Schrank holt - so sieht der moderne Priesterberuf nicht aus."

Film 'Verfehlung' von Regisseur Gerd Schneider (Foto: Festival Max Ophüls Preis 2015/Camino Verleih)

Ein Priester in Gewissensnöten: Dominik (Kai Schumann, M.) in "Verfehlung"

So zeichnet Gerd Schneider in "Verfehlung" ein anderes Bild: Seine drei Priester sind sympathische junge Männer, die man beim Fußball sieht oder in der Kneipe. Dadurch gewinnt "Verfehlung" große Überzeugungskraft. Der Film wird von seinen drei herausragenden Hauptdarstellern getragen und überzeugt durch differenziert angelegte Charaktere. Nach der Premiere in Saarbrücken stellt Gerd Schneider den Film bei der Deutschen Bischofskonferenz vor. Ende März kommt "Verfehlung" dann in die Kinos. Zuvor darf der junge Theologe und Regisseur Ausschnitte seines Films an einem ganz besonderen Ort präsentieren: er wurde in den Vatikan eingeladen.

Auf der Suche nach einem Verleih

Ob Christian Moris Müllers Film "Lichtgestalten" auch demnächst in den Kinos zu sehen sein wird, ist noch nicht sicher. Müller, der beim Festival seinen zweiten Spielfilm zeigt, geht es damit wie vielen anderen jungen Regisseuren beim Max Ophüls Preis. Sie warten auf möglichst positive Reaktionen der Filmverleiher, die sich die Arbeiten des Filmnachwuchses in Saarbrücken en bloc anschauen und dann entscheiden, ob sie zugreifen und die Filme vermarkten.

Filmfestival Max Ophüls Preis Filmstill Lichtgestalten (Foto: Festival Max Ophüls Preis 2015/Christian Moris Müller Filmproduktion)

Ein Paar auf der Suche nach sich selbst: "Lichtgestalten" mit Theresa Scholze und Max Riemelt

Christian Moris Müller hat seinen letzten Film vor neun Jahren gedreht, "Vier Fenster" lief damals bei der Berlinale. Was macht ein junger Regisseur in den vielen Jahren dazwischen? Momentan stecke er noch in den Vorbereitungen für einen großen historischen Film, der sehr aufwändig ist, verrät Müller im Gespräch. Außerdem habe er in den letzten Jahren auch Stoffentwicklung und Regie an einer Hochschule unterrichtet. Er sehe sich auch nicht nur als Regisseur, sondern als Künstler, der immer wieder nach neuen Projekten Ausschau halte.

"Nochmal bei Null anfangen"

"Lichtgestalten" ist ein Kammerspiel mit einer ungewöhnlichen Geschichte. Ein junges Paar, das schon einige Jahre zusammen lebt, und dem es scheinbar an nichts fehlt, probt den radikalen Neuanfang: "Das Thema beschäftigt mich schon seit ich 18 bin: Mein Vater hat damals noch einmal bei Null angefangen, beruflich und auch finanziell", erzählt Müller: "Das macht mir selber heute auch Mut, weil ich weiß, dass so etwas möglich ist."

Christian Moris Müller (Foto: Jochen Kürten)

Christian Moris Müller

So spiegelt die Geschichte, die Müller in "Lichtgestalten" erzählt, wohl auch die ganz persönliche Situation des Regisseurs wider. Christian Moris Müller ist mit 40 Jahren zwar noch jung, aber er entspricht mit seiner Vita nicht dem Klischee des ungestümen Jungregisseurs, der gerade von der Filmhochschule kommt: "'Lichtgestalten' war für mich auch eine Art Flucht nach vorne, eine Möglichkeit, sich Fragen zu stellen wie: Was wäre denn noch möglich im Leben?"

Ein philosophischer Gedanke im Kino

"Früher hat man mit 20 immer gedacht, man kann ja immer noch alles machen im Leben", philosophiert der Regisseur in Saarbrücken. Heute wisse er, dass das so nicht stimmt: "Wenn man über 30 ist, merkt man, dass das eigene Leben endlich ist: Diese Erfahrung von Sterblichkeit, die gräbt sich irgendwann in den Körper ein." Das zu entdecken, das sei eine wahnsinnige Erfahrung: "Dass man selber auch zu denen gehört, deren Leben irgendwann einmal zu Ende sein wird."

Filmfestival Max Ophüls Preis 2015 (Foto: Festival Max Ophüls Preis 2015)

16 Filme bewerben sich in diesem Jahr um den Max Ophüls Preis

Mit "Verfehlung" und "Lichtgestalten" konnten die Zuschauer zwei ganz besondere Filme in Saarbrücken entdecken. Beide entsprachen nicht dem, was man üblicherweise beim Max Ophüls Preis sieht: Dramen über junge Menschen, Coming-of-Age-Geschichten, soziale Studien über Jugendgangs. Doch beide überzeugten das Publikum: Weil sie Erwartungen unterliefen, handwerklich gut gemacht waren - und zum Denken anregten.

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