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Europa

Auf zum G8-Gipfel! Nur mit Sherpa

Sie bereiten die G8-Gipfeltreffen vor, feilschen, streiten für ihre Chefs. Sie stehen nie im Rampenlicht, aber tragen die Lasten zum Gipfel. Darum nennen sie sich wie die Bergführer im Himalaya "Sherpas".

Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest (Foto: AFP/GettyImages)

Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest

Wenn sich die acht Staats- und Regierungschefs am Montag (17.06.2013) zu ihrem jährlichen Gipfel treffen, ist eigentlich alles schon klar. Die Abschlusserklärung des Treffens ist bis auf einige Kleinigkeiten formuliert. Nur wenige Sätze zur Weltwirtschaft und zur Außenpolitik sind noch umstritten. Diese in eckige Klammern gesetzten Passagen im Entwurf der G8-Erklärung werden im Laufe der zwei Tage im Golfhotel von Lough Erne noch wegverhandelt. Damit können sich die Sherpas, die Unterhändler der acht Häuptlinge, schon mal eine ganze Nacht beschäftigten, wie beim letzten Gipfel in Camp David (USA) vor einem Jahr. In mehreren Sitzungen haben die acht Sherpas und spezielle Arbeitsgruppen mit so genannten Sous-Sherpas die Themen in den letzten Monaten abgearbeitet, die hauptsächlich von der britischen G8-Präsidentschaft vorgegeben wurden.

Der deutsche Bergführer ist Wissenschaftler

Lars-Hendrik Röller. Foto: Wolfgang Kumm (Foto: dpa)

Wirtschafts-Professor Röller bahnt den Weg zum Gipfel

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vertraut auf ihren Lastenträger Lars-Hendrik Röller. Der Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker ist seit zwei Jahren Merkels Mann für die G8- und auch die G20-Gipfel, an denen die Schwellenländer teilnehmen. Der zurückhaltende Röller (54) kam von einer privaten Wirtschafts-Universität als Seiteneinsteiger in die Politik. Der Leiter der Abteilung IV "Wirtschaft und Finanzen" im Kanzleramt hat direkten Zugang zur Kanzlerin. Sie läßt sich regelmäßig berichten und gibt die groben Linien für die Verhandlungen vor. Die Sherpas treten kaum in die Öffentlichkeit. Äußerungen vor Kameras und Mikrofonen sind verpönt. Die Quellen, mit denen die Deutsche Welle über die Arbeit der Sherpas sprach, wollen deshalb auch ungenannt bleiben.

Geheimniskrämerei, Verschwiegenheit und ein gewisser Corps-Geist gehören zum Rollenverständnis der Sherpas. Sie verhandeln hart miteinander, kommen sich aber in der kleinen - oft informellen - Runde auch menschlich näher. Manchmal entstehen sogar Freundschaften. Die Sherpas, die über die Aussagen zur Weltwirtschaft verhandeln, sind in der Sache meistens noch härter als ihre Chefs. "Denn am Ende soll ja noch ein bisschen Raum für Kompromisse für den eigentlichen Gipfel übrig bleiben", so ein Diplomat, der mit den Gepflogenheiten der G8 vertraut ist. "Jeder hat seine nationalen Interessen und sein Steckenpferd." Der britische Premierminister David Cameron hat als diesjähriger Vorsitzender der Runde besonders Handel, Transparenz und Steueroasen im Blick. Was im kommenden Jahr Russland und im Jahr darauf Deutschland als Präsidenten auf die Tagesordnung setzen werden, ist unklar.

Sie steuern aus dem Hintergrund

Runder Tisch beim G8 Treffen in Camp David, am 19. Mai 2012. (Foto: reuters)

G8-Gipfel in Camp David 2012: Die zweite Reihe ist wichtig. Da sitzen die Sherpas

Beim Gipfeltreffen im Luxus-Hotel in Nordirland sitzen die Sherpas in der zweiten Reihe hinter ihren Chefs. Lars-Hendrik Röller wird zu jedem mit viel Papier gerüstet sein und kann der Bundeskanzlerin, wenn es nötig ist, auch von hinten ein paar Fakten ins Ohr flüstern. Auf seinen Sherpa könne er sich hundertprozentig verlassen, schwärmte US-Präsident Barack Obama Anfang Mai, als er im Weißen Haus Sherpa Michael Froman zum Handelsbeauftragten der USA beförderte. "Wir haben gemeinsam die Universität besucht. Er war damals viel klüger als ich und er ist heute immer noch viel klüger als ich. In den letzten vier Jahren war er mein Vorkämpfer bei den G8- und G20-Treffen. Er war oft die treibende Kraft bei der Organisation dieser unglaublichen Gipfel, wo wir so viel erledigen können."

Sprungbrett für die Karriere

So gut befreundet mit ihren Chefs sind nicht alle Lastenträger. Der kanadische etwa wurde noch kurz vor dem Gipfel ausgetauscht. In Japan ist der Sherpa im Außenministerium angesiedelt, weit weg vom Premierminister. In Deutschland lohnt sich die Mühe als Gipfelvorbereiter: Die Vorgänger von Lars-Hendrik Röller haben steile Karrieren gemacht. Der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, war Sherpa unter Angela Merkel. Jörg Asmussen, heute Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank, war Sherpa für die G20. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler war G8-Sherpa für Bundeskanzler Helmut Kohl. Die Liste ließe sich fortsetzen. "Wer einmal als Sherpa geackert hat, dessen Name behalten die Mächtigen im Hinterkopf", meint ein Eingeweihter.

Vom Wohnzimmer zum Rummelplatz

Bundeskanzler Schmidt und Giscard d'Estaing in Bonn

Väter des Gipfels: Giscard d'Estaing und Schmidt 1975

Die Gruppe der Acht ist ein Wanderzirkus. Es gibt kein festes Sekretariat oder feste Mitarbeiter. Jedes Jahr übernimmt ein anderes Land den Vorsitz und die Organisation der Gipfel und damit auch der Sherpa-Arbeit. 1975 erfanden der französische Präsident Valery Giscard d'Estaing und der deutsche Kanzler Helmut Schmidt die informellen Treffen, um mit den USA, Großbritannien, Italien und Japan über die Weltwirtschaft zu beraten. 1976 stieß Kanada dazu. Nach Ende des Ost-West-Konflikts wurde 1998 Russland eingeladen. Es entstand die heutige Gruppe der Acht. "Damals", erinnerte sich Helmut Schmidt in einem Gespräch mit der "Zeit" im Jahr 2007, "haben wir uns in einem Wohnzimmer in einem Schlösschen bei Paris getroffen. Es waren private Treffen, keine riesigen Trosse nahebei." Der Erfinder hadert mit den heutigen Zuständen. "Inzwischen sind die Gipfeltreffen leider verkommen zu Medien-Events, und die Teilnehmer sind selbst schuld daran", so Helmut Schmidt. Der betriebene Aufwand stehe in keinem Verhältnis mehr zur tatsächlichen Bedeutung der G8, glaubt der Trierer Politologe und G8-Experte Hanns Maull. Die Gruppe der 20 Staaten, denen auch China, Indien und Brasilien angehören, sei nach der Weltfinanzkrise wesentlich wichtiger, so der emeritierte Professor. "Die G8 hat inzwischen so viel an Gewicht und an Bedeutung verloren und ist weltweit von der G20 sicherlich überschattet worden. Die Frage ist erlaubt und steht im Raum, ob man die G8 nicht ersetzen sollte durch die G20."

"G8 wird bleiben"

Allerdings sind internationale Institutionen zählebig, gesteht auch Hanns Maull zu. Seit fast 40 Jahren trifft sich der exklusive Klub und Generationen von Sherpas haben sich ihre Sporen verdient. "Die G8 ist vor allem dazu da, die Haltung der großen Industriestaaten abzustimmen, bevor wir in die G20-Runden gehen", heißt es aus der Umgebung der Sherpas. "Das allein macht die G8-Runden unverzichtbar. Außerdem ist die G8 das einzige Forum, wo die Staats- und Regierungschefs jenseits des Protokolls, wenn nötig auch ganz ohne Mitarbeiter, miteinander streiten können."

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