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Politik

Auf Tuchfühlung mit Syrien

Seit knapp zwei Monaten lebt Tobias Lösche bei seinen syrischen Gasteltern. Am Anfang war für ihn alles neu und fremd. Doch inzwischen fühlt sich der 19-jährige Magdeburger fast wie zu Hause.

Impressionen von einem Laden im Suq in der Altstadt von Damaskus/Syrien (Foto: DW)

Willkommen in Syrien!

Kinder spielen in einer Gasse in Bab Touma, dem Christenviertel der Damaszener Altstadt. Ein Gemüsehändler hat seine Kisten direkt an die Hauswände gelehnt. Die enge Gasse wird dadurch noch schmaler. Im Schein der Laternen verkauft er Auberginen, Zwiebeln, Tomaten. Tobias Lösche kennt die genaue Adresse seiner Gastfamilie gar nicht. Die Hausnummern seien ohnehin chaotisch angeordnet, so der junge Deutsche. Viel wichtiger sei der Name des Hauses: Beit Ibrahim, Ibahims Haus. Tobias zeigt uns sein vorübergehendes Zuhause: „Hier ist der Innenhof mit Brunnen. Das ist kein Flur wie bei uns, sondern der wird als Aufenthaltsraum genutzt."

Die Gastmutter heißt einfach nur „Mama“

Tobias Lösche mit seiner Gastmutter in Damskus/Syrien (Foto: DW)

Tobias mit seiner Gastmutter

Für 220 Euro im Monat bewohnt Tobias ein Zimmer, das an den Hof grenzt. Wäsche waschen und saubermachen übernimmt seine Gastmutter. Ihren Namen kennt Tobias nicht einmal. Seit dem ersten Tag nennt er sie „Mama“. Überall hängen christliche Bilder. Auch in Tobias Zimmer. „Ja, dazu Maria und Josef und darüber eine alte Muskete. Auch geil!“ Sein Gastbruder Amer ist Automechaniker. Er begrüßt Tobias und lädt ihn gleich ein mitzukommen in die Familienetage einen Stock höher. Amer freut sich, dass der Deutsche bei ihnen wohnt. „Es ist toll mit ihm. Er ist ein Freund. Tobias und ich verbringen viel Zeit miteinander, gehen aus ins Internetcafé, schauen Filme, rauchen Hubble Bubble, also Wasserpfeife, und trinken ein Bier.“ Tobias ergänzt: „Wir machen viel zusammen, sind auch schon mal zu Dritt in einem Zweisitzer nach Jaramana gefahren. Oder wir sitzen zusammen auf dem Dach.“

Tobias Lösche mit Freunden in Syrien (Foto: DW)

Tobias mit Gastbruder Amer (links) und Kumpel (rechts)

Während Tobias auf das Hausdach steigt, erklärt er, dass in Jaramana bei Damaskus Tausende irakische Christen Zuflucht gefunden haben. Er zwängt sich eine Leiter hinauf und ist oben angekommen. „Man muss ein bisschen akrobatisch sein. Dann ist man oben. Hier liegen Matratzen, da kann man sich schön hinflezen. Man hat einen guten Überblick über die Minarette der Stadt, die traditionell grün angestrahlt sind. Die Altstadt ist ein einziger großer Brocken. Die Gastfreundschaft ist hier sehr groß.“ Anders als in Deutschland sei man immer willkommen. Seine Mama sei eine ausgezeichnete Köchin. Er mag das syrische Essen, besonders mit Reis und Lammfleisch gefüllte Zucchini.

Wie syrische Christen mit ihren muslimischen Nachbarn zusammenleben

Tobias Gastmutter serviert inzwischen Kaffee. Im Fernseher ist ein arabischer Actionfilmkanal eingeschaltet. Amers Lieblingssender allerdings ist MTV mit arabischen Clips. Seine Schwester Sandra sitzt mit ärmellosem Top, tiefem Decolleté und Augenbrauenpiercings neben ihm, ihren kleinen Neffen Fadi auf dem Schoss. Wie fühlt sie sich als Christin in einer moslemischen Umgebung? „Ich habe so viele moslemische Freunde. Vielleicht können manche Moslems Christen nicht leiden. Meine Mutter sagt auch, jeder sei für sich. Aber wir sind zusammen aufgewachsen. Man guckt mich natürlich an, wie ich angezogen bin. Aber ich mache mir nichts draus. Ich bin doch Christin!“

Tobias Gastvater Ibrahim (links) mit seinem Bruder George vor ihrer Werkstatt in Damaskus/Syrien (Foto: DW)

Tobias Gastvater Ibrahim (links) mit seinem Bruder George vor ihrer Werkstatt

Fehlt noch Tobias Gastvater: Ibrahim stellt Mosaikschatullen aus wertvollem Palisander- und Zitronenholz her. Es ist eine der letzten traditionellen Werkstätten in Damaskus, die Ibrahim, sein Bruder George und ihr Neffe Toni betreiben. George ist schon 71 Jahre alt, denkt aber nicht ans Aufhören: „Wir binden bis zu 150 verschieden geformte Holzstäbchen fest zusammen, schleifen eine gerade Fläche und schneiden von diesem Block dann wie von einer Salami ein Millimeter dünne Mosaikscheiben für die Schatullen ab. Die werden dann lackiert.“ Toni ergänzt: „Im Basar sind die Intarsien aus Plastik, bei uns ist Perlmutt echtes Perlmutt und kein Plastik. Und das seit Generationen.“

Jenseits der Sprachbarriere

Tobias ist angetan. Er will alle Weihnachtsgeschenke für seine Familie in Deutschland in der Mosaikwerkstatt kaufen. Dann ermahnt ihn Toni: „Und: Lernst Du schon arabisch?“ Tobias antwortet: „Na ja, ich will. Ich suche noch einen Lehrer für Euren Dialekt, der mir die Grammatik auf Englisch erklären kann.“ Toni entgegnet: „Hör zu, unsere Leute hier wollen Frieden. Das kannst du auch ohne Arabisch verstehen. Aber wenn du das nächste Mal herkommst, red’ ich mit Dir trotzdem Arabisch!“ Tobias hat beides verstanden.

Autorin: Stefanie Markert

Redaktion: Birgit Görtz

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