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Reise

Auf Traubenjagd im Weinberg

Beim Weinbergswandern in der Südpfalz kommt es nicht so sehr auf Höhenmeter an. Was zählt ist das Panorama - und der Genuss. Mit einem Winzer durchs herbstlich gefärbte Rebenmeer.

Schäfchenwolken hängen über dem Dorfplatz von Albersweiler, einem Ort an der Südlichen Weinstraße in der Pfalz. Es ist früher Nachmittag, gefühlte 18 Grad. Eine Weinbergswanderung im Herzen der Pfalz verspricht der Bio-Winzer Peter Nägle. Wanderschuhe? Ja, die bräuchte man schon. Auch wenn die "Erlebnis- und Informationswanderung", wie das Touristenbüro sie nennt, nicht länger als zwei Stunden dauern soll.

Im Ortskern wirken die Wanderschuhe noch etwas fehl am Platz. Albersweiler ist keines dieser schmucken Weindörfer, die meisten Häuser wurden im Krieg zerstört. Viele Fassaden sind grau, Sperrmüll wartet darauf, endlich abgeholt zu werden. "Gehen wir los, ja?" Peter Nägle schaut in die Runde und stapft voran. Ein schlanker Mann mittleren Alters, mit Lachfältchen um die Augen und vollem grauen Haar. Mit ihm sind heute zwölf Touristen unterwegs, Weinliebhaber aus Düsseldorf, Münster und Frankfurt.

Herbstrausch mit Panoramablick

Nach ein paar Gehminuten wird der Weg steiler, die Häuser seltener. Links und rechts blitzen schon die ersten Weinreben hervor: blutrot, leuchtendgelb, orangebraun. Es geht hinein in die Weinberge. "Schade, dass die Trauben schon weg sind", stellt eine Frau aus Düsseldorf fest. Heute ist der letzte Tag der Weinlese, die meisten Reben sind abgeerntet. Wanderführer Nägle tröstet: "Hier entlang, vielleicht finden wir noch welche zum naschen." Und tatsächlich, ein paar Rebstöcke weiter hängen vereinzelt noch einige Trauben.

Bio-Winzer Peter Nägle vor seinem Weingut

Bio-Winzer Peter Nägle vom Weingut Gebrüder Nägle

"Das riecht ja wie die reinste Gäranlage", raunt jemand. Vor goldgelb gefärbten Weinreben sind wir stehen geblieben. Es sind Peter Nägles Pflanzen. Als Bio-Weinbauer hat er seine ganz eigenen Rezepte gegen Schädlinge: Backpulver, Kupfer, Schwefel, Fenchel und Kokosöl und die ergeben einen eigenen Geruch. Außerdem werden alle europäischen Weinreben auf amerikanische Wurzeln gepfropft, erklärt uns der Winzer. "Die sind widerstandsfähiger gegen Rebläuse und Pilzbefall."

Es geht weiter bergauf über einen matschigen Feldweg. Immer wieder verschwindet jemand aus der Gruppe mit verstohlenem Blick im Weinberg und kommt mit Trauben in der Hand zurück. Dass in diesem Weinberg auch nach der Ernte vereinzelt noch etwas an den Reben hängt, sei ein Zeichen dafür, dass mit der Maschine geerntet wurde, erklärt Peter Nägele. Er erntet seine Reben noch von Hand, traditionell wie seine Vorfahren. Eine 60-Stunden-Woche sei normal für den Winzer, nicht nur zur Weinlese. Im Frühjahr werden die Reben geschnitten, ganzjährig die Pflanzen geschützt und nebenbei der Wein gekeltert - und dann flaschenweise verkauft.

Die schönste Monokultur

Winzer Nägle mit der Wandergruppe im Weinberg

Spaziergang und Exkursion: Der Winzer erkärt die Grundregeln des Weinbaus

Rechts von uns wachsen die Reben jetzt in einem niedrigen Pergola-Dach zusammen. Wer die letzten Trauben pflücken will, muss sich bücken. "Nicht so viel essen, die sind wertvoll!", sagt Peter Nägle halb im Scherz. Der Gewürztraminer, der hier angebaut wird, ist vor allem in Spanien ein Exportschlager. Bis zu 40 Euro kostet eine Flasche.

Der Weg durch nasses Gras wird steiler. "Ich bin nichts mehr gewöhnt", schnauft eine Frau um die 50. Wir sind auf einer Anhöhe angekommen. Zeit zum durchatmen. Hinter uns thront der Gauweilerhof, ein staatliches Institut für Weinanbauforschung, das den Wein von morgen züchtet. Die Reben tragen Namen wie Regent oder Villaris oder Domina. Bis eine neue Rebsorte dann tatsächlich für den Weinanbau zugelassen wird, dauert es an die 25 Jahre. „Um zu wissen, ob sie dann erfolgreich ist und der Wein gekauft wird, dafür befragen wir Winzer unsere Kristallkugel", sagt Peter Nägle und lacht. Zehn Jahre im Voraus muss er abschätzen, was die Kunden wohl in Zukunft gerne trinken werden. Seine Prognose: tiefroter Burgunder.

"Weinbau ist eine Monokultur - aber die schönste Monokultur", sagt Peter Nägle. Stimmt. Ringsum erstreckt sich ein Panorama wie aus einem Urlaubsprospekt. Weinstöcke über Weinstöcke sind in die hügelige Landschaft drapiert und dann eimerweise mit Herbstfarben übergossen. So schön sieht es allerdings nur zwei bis drei Wochen im Jahr aus, dann beendet der erste Frost das Naturschauspiel. Wir haben also Glück heute - und sogar die Sonne kommt kurz durch.

Zwischen Wanderung und Spaziergang

Eine Frau zeigt auf die herbstlich gefärbten Weinberge

Vor allem im Herbst lockt die Farbenvielfalt Besucher in den Weinberg

Ein bisschen gehen, immer wieder stehen bleiben und dem Winzer zuhören, zwischendrin Trauben naschen und die Schönheit der Landschaft in sich aufsaugen. Das ist das Konzept einer Weinbergswanderung, die Winzer wie Peter Nägle interessierten Gruppen anbieten. Auch auf "Pfänglisch", wie Nägle sagt: Englisch mit Pfälzer Dialekt. Wem diese Ausflüge nicht Wanderung genug sind, der findet in der Pfalz auch längere Strecken. Wegweiser und Schilder mit Wanderrouten stehen fast an jeder Straßenecke - und eine Pfälzische Weinstube liegt garantiert immer am Wegesrand.

In unserer Gruppe gehen die Meinungen darüber, ob die Weinbergstour nun mehr Wanderung oder Spaziergang war, auseinander. Die einen fürchten Muskelkater. Für andere hingegen war es "nur ein Spaziergang, aber ein sehr schöner." Alle haben etwas gelernt, etwa dass Winzersein weniger romantisch ist als Großstadtmenschen es sich in weinseligen Momenten zusammenfantasieren. "Wenn wir den Wein jetzt gleich probieren, können wir ihn auch viel mehr wertschätzen." Es ist der letzte Stopp: Nägles Winzerstube, wo die Weinbergswanderung echt pfälzisch mit Vesperteller endet. Und natürlich wird selbst angebauter Wein verkostet. Na dann: Zum Wohl!

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