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Kultur

Auf Sand gebaut

Politiker waten barfuß im Sand und Journalisten tauschen bei einem Drink die neusten Gerüchte aus. Dazwischen tummeln sich Lobbyisten im Hawaiihemd. Szenen einer Fernsehserie? Nein: Willkommen am Bundespressestrand!

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Ärger im Paradies?

Der Bundespressestrand ist mittlerweile wohl der bekannteste und attraktivste Citystrand in Deutschland. Seit 2002 gibt es ihn, mitten im Berliner Regierungsviertel. Und er ist im Laufe der Jahre stetig gewachsen - von 800 auf 3000 Quadratmeter. Neben dem obligatorischen Sand und dem kühlen Blonden stehen den Strandgästen im politisch erhitzten Berlin auch zwei Poolanlagen - für die äußere Abkühlung - zur Verfügung. Falls das Sommerwetter sich einmal nicht durchsetzt, sorgt das 300 Quadratmeter große Barpavillon dafür, dass der "Kurzurlaub" nicht ins Wasser fällt.

Die Mischung macht's

Johanna Ismayr

Johanna Ismayr

Neu ist die Idee nicht. Stadtstrände sind in anderen europäischen Metropolen längst Teil des sommerlichen Stadtbildes. Berühmtestes Beispiel: der "Paris Plage". Dennoch, die Aufmachung und Organisation des BundesPresseStrandes ist einmalig. Im Gegensatz zum "Paris Plage" ist der Strand nicht von öffentlichen Geldern finanziert: Der Initiative und Beharrlichkeit von Johanna Ismayr ist es zu verdanken, dass dieses Projekt überhaupt entstehen konnte. Sponsoren wie die Deutsche Post unterstützten das Projekt zwar von Anfang an, dennoch musste Johanna Ismayr sich mit 100.000 Euro Eigenkapital beteiligen. "Die Gelder reichten einfach nicht", erzählt Johanna Ismayr.

"Ich bin eigentlich Journalistin, habe aber schon vorher im Veranstaltungsbereich gearbeitet. Im Jahr 2002 fiel mir auf, dass das Regierungsviertel einer riesigen Baustelle gleicht. Es gab keinen Treffpunkt für Journalisten, Medien oder politische Beamte - keinen Platz für Interviews. Dabei bietet das Regierungsviertel doch eine ideale Kulisse dafür", erklärt Johanna Ismayr.

Gesagt, getan. Der Bundespressestrand entstand, das Konzept fand großen Anklang. Mittlerweile gilt der Strand im Sommer als Szenetreff Nummer eins, gleichermaßen bei Touristen und "Einheimischen" beliebt.

Bundespressestrand 2005

BundesPresseStrand

Arbeitgeber für arbeitslose Akademiker

Die Drinks am Strand werden von Studenten und arbeitslosen Akademikern gemixt. Viele von ihnen sind schon seit der Geburtsstunde im Team und verfügen seitdem über gastronomische Erfahrung. Umschulung einmal anders.

Im Vordergrund steht jedoch die Pflege und Aufnahme von Kontakten, aus denen sich im besten Falle sogar neue Arbeitsstellen ergeben können. Den BundesPresseStrand kann man wohl als bekannteste Ich-AG Deutschlands bezeichnen. Sponsoren und Medienanstalten feiern ihre Sommerfeste an Bundespressestrand. Politiker schauen bei einem Gläschen Bier die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Die Grünen feiern ihren Wahlkampfauftakt und die CDU das in Kürze stattfindende Kanzlerduell. Events finden am Strand an der Spree zu genüge statt.

Kurzurlaub in Krisenzeiten?

Franz Müntefering

Franz Müntefering am BundesPresseStrand

Das Motto des BundesPresseStrandes ist im Sommer 2005 aktuell wie nie. Dank der vorgezogenen Bundestagswahlen ist Berlin auch im "Sommerloch" politisch heiß. Merkt man dies auch am Strand? "Die Spitzenpolitiker sind eher seltener am Strand, da sie sich ja um ihre Wahlkreise kümmern müssen", beschreibt Johanna Ismayr. Bei den politischen Angestellten allerdings habe sich die Stimmung verändert. "Einige bangen um ihren Job, da die Chancen der Wiederwahl für ihren Vorgesetzten schlecht stehen. Andere sind euphorisch und freuen sich über den vielleicht bevorstehenden Regierungswechsel." Somit bietet der Strand auch für diese Situation eine Plattform: Hier kann nach Lust und Laune gezetert und ungestört nach neuen Jobs geschielt werden.

Bundespressestrand 2005

BundesPresseStrand

Traurig aber wahr

Ein kleines Amt in Berlin Mitte kämpft aus unerkannten Gründen gegen die Existenz dieses Erfolgsprojektes. Bei der Wiederaufnahme für das Jahr 2005 sahen Bezirksmitarbeiter im Geiste Gäste und Passanten in die Spree stürzen, die Strom- und Wasserversorgung von Berlin Mitte gar zusammenbrechen. Angeführt wurden auch Befürchtungen, dass der Bundestagskindergarten in Schwaden von Gestank versinken würde, und die - faktisch nicht vorhandenen - Anwohner unter starker Lärmbelästigung zu leiden hätten.

Vergessen wurde seitens des Umweltamtes, dass keine der Szenarien in den Jahren davor eingetreten ist. Im Gegenteil, keine einzige Beschwerde wurde gegen den BundesPresseStrand eingereicht! Trotzdem kam dass Amt zu einer bemerkenswerten Schlussfolgerung: 600.000 Euro Investitionskosten, die Beschäftigung von 50 Mitarbeitern, Steuereinnahmen und die Aufwertung des Images von Berlin Mitte sei mit dem öffentlichen Interesse nicht vereinbar. Deshalb wurde der Pachtvertrag nicht verlängert, alle Anfragen auf andere städtische Grünflächen wurden abgelehnt.

Wie ein Schildbürgerstreich

Volker Rühe

Volker Rühe am BundesPresseStrand

Doch Johanna Ismayr ließ sich nicht unterkriegen. Anwälte wurden eingeschaltet und ranghohe Politiker sicherten die Unterstützung zu. Unter ihnen Fritz Kuhn, Volker Rühe und Dirk Niebel. Mit Erfolg, der Bundespressestrand ist von einer städtischen auf eine Bundesfläche umgezogen und kann einen Pachtvertrag bis 2006 vorweisen.

Aber so leicht wollen sich die Ämter des Bezirkes anscheinend nicht geschlagen werden. "Jeden Monat besucht uns ein neues Amt am Strand und stellt uns neue Auflagen", stöhnt Ismayr. Erfolg hatten die Ämter bislang zum Glück noch nicht, denn: ein gut geplantes Projekt lässt sich eben nicht kaputt reden, egal wie pedantisch man nach Fehlern sucht.

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