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Europa

Auf Piratenjagd vor Somalia

Das spanische Kriegsschiff Infanta Christina kontrolliert im Rahmen der EU NAVFOR Mission die Seewege vor der Küste Somalias. Das Patrouillenboot und seine Besatzung schützt auch UN-Nahrungsmitteltransporte für Somalia.

In einem Schnellboot verfolgen die Soldaten der Mission Atalanta verdächtige Boote (Foto: DW Daniel Scheschkewitz)

Verfolgungsjagd mit Schnellbooten

Ruhig liegt sie da im Schatten der untergehenden Sonne im Hafen von Mombasa: Die "Infanta Christina", ein mit schweren Raketen und Flakgeschützen ausgerüstetes Kriegsschiff der spanischen Marine. Im Rahmen der EU NAVFOR Operation "Atalanta" kontrolliert sie die Seewege im Golf von Aden und vor der Küste Somalias. Plötzlich macht sich hektische Betriebsamkeit auf dem Deck breit. Schnellboote werden zu Wasser gelassen: Piratenalarm! Marineinfanteristen in Schutzwesten klettern die Reling hinab, bewaffnet mit Maschinenpistolen. Mit je sieben Mann und aufgepflanzten MP´s an Bord entfernen sich die Beiboote in hoher Geschwindigkeit vom Mutterschiff. Während dessen behält man auf der Kommandobrücke die Verdächtigen mit modernen Ortungssystemen im Auge.

Mit Nachsichtgeräten auf Suche

MS Christina, Kanonenboot Infanta Christina, Kanonenboot der spanischen Marine im Anti-Pirateneinsatz Atalanta vor der Küste Somalias. (Foto: Daniel Scheschkewitz Sept)

Kanonenboot der spanischen Marine in Mombassa

Navigationsoffizier Alberto Arcos hält zum Beispiel die Nachsichtgeräte für sehr nützlich bei der Jagd auf Piraten: "Eines unserer besten Werkzeuge. Es erlaubt uns, selbst kleine Boote aus 6 Seemeilen Entfernung, das sind rund 11km, ins Visier zu nehmen."

Auf Computerbildschirmen erscheinen weitere Kriegsschiffe, die gerade in der Region unterwegs sind. Mit Hilfe eines digitalen Chatrooms kann die Besatzung der 'Infanta Christina' auch mit japanischen oder russischen Kriegsschiffen Kontakt aufnehmen und wichtige Informationen austauschen. Dieser Alarm dient zwar nur der Übung – aber in der Realität inspiziert die 103 Personen starke Besatzung der 'Infanta Christina' an manchen Tagen ein rundes Dutzend verdächtiger Boote.

Zwölf mal am Tag Piratenalarm

Spanische Marineinfanteristen bereiten sich auf eine Übung zur Abwehr von Piraten an Bord der MS Christina vor. Foto: Daniel Scheschkewitz Mombasa September 2010

Hektik beim Piratenarlarm

Meistens geraten Kleinboote, arabische Dhaus oder mit Außenbordmotoren ausgestattete Ruderboote in den Verdacht, von Piraten gesteuert zu werden. "Wenn sich unsere Schnellboote den verdächtigen Kleinbooten nähern, kann man manchmal beobachten, wie die Besatzung Dinge über Bord schmeißt: Leitern oder Panzerfäuste. Dann ist es ziemlich offensichtlich, dass es kein Fischkutter ist", sagt Per Klingvall. Der EU-NAVFOR Sprecher hält die Anti-Piratenmission der EU nach anderthalb Jahren schon deshalb für einen Erfolg, weil zahlreiche Nahrungsmitteltransporte des UN-Welternährungsprogramms von den europäischen Kriegsschiffen sicher durch den Golf von Aden geschleust wurden. "Seit Beginn unserer Mission im Dezember 2008 ist kein Schiff mit Ladungen des UN Welternährungsprogramms mehr gekapert worden", stellt Klingvall stolz fest. Die 10 EU-Schiffe der Mission Atalanta zum Schutz der Gewässer vor der somalischen Küste haben bis September 2010 immerhin 68 mutmaßliche Piraten dingfest machen und den Justizbehörden ausliefern können. Die Zahl der durchgeführten Schiffskaperungen ging in den ersten neun Monaten des Jahres um etwa 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, die der unterbundenen Piratenakte stieg um das Fünffache. Über 75 Schiffe haben die EU-NAFVOR Einheiten bisher sicher durch den Golf von Aden eskortiert.

Sichere Hilfstransporte für Somalia

Darüber hinaus wurden mehr als 400.000 Tonnen Nahrungsmittel für Somalia ausgeliefert. Die Kosten des Einsatzes beliefen sich im ersten Jahr auf über 8 Millionen Euro - dazu kommen die Betriebskosten der beteiligten 20 Schiffe und Flugzeuge, die von den betreibenden EU-Staaten einzeln getragen werden. Zwar bleibt die totale Überwachung der Küstengewässer unmöglich - doch EU-NAVFOR Sprecher Klingvall zieht schon einmal eine positive Bilanz: "Wir machen das Meer hier deutlich sicherer. Zwar gibt es immer noch Überfälle durch Piraten, aber unsere militärische Präsenz hat sie verringert." Die Mission wurde gerade bis zum Jahr 2012 verlängert.

Kritiker der Mission Atlanta bemängeln, die Piraten hätten lediglich ihr Aktionsgebiet weiter in den Indischen Ozean hinaus verlagert. Unbestreitbar jedoch ist die Tatsache, dass infolge eines Abkommens mit Kenia die ersten somalischen Piraten erfolgreich verurteilt werden konnten. Von der EU juristisch und polizeitaktisch beraten, konnten die kenianischen Behörden in den letzten beiden Jahren Strafverfahren gegen 120 Piraten eröffnen.

Piraten vor Gericht: (Foto: AP)

Piraten vor Gericht

Kenias Jutiz ermittelt mit internationaler Hilfe

Die EU hat Kenia mit großzügigen Finanzhilfen unterstützt, unter anderem für den Neubau von Gefängnissen und Gerichtsgebäuden. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung UNDOC hilft der kenianischen Justiz bei der Durchführung der Prozesse und achtet darauf, dass rechtsstaatliche Prinzipien eingehalten werden. Andrew Cole, Koordinator des Anti-Piraterie-Programms der UN würdigt das Erreichte: "Die Prozesse waren sehr gründlich und dennoch nicht langsamer als es vergleichbare Verfahren in Europa gewesen wären. Kenia hat gezeigt, dass es in der Lage ist, diese Verfahren fair und kompetent durchzuführen und jeder der Angeklagten hatte Zugang zu einem Verteidiger."

Jetzt aber wollen die Kenianer neue finanzielle Zusagen. Vor allem für die Rückholung jener Somalier, die ihre Strafe abgesessen haben oder gar nicht erst verurteilt werden konnten. Die Europäer und UNDOC aber wollen sich nicht erpressen lassen und notfalls neue Partner bei der strafrechtlichen Verfolgung der Piraten suchen. Die Seychellen - so heißt es - stünden bereit.

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Matthias von Hein /Gero Rueter