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Asien

Auf neuen Wegen in die USA

Es darf unter keinen Umständen wie Entwicklungshilfe aussehen. Das wäre das Ende für Chinas Idee, den Osten Russlands mit dem Westen Amerikas auf Schienen zu verbinden, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Kaum hatten Russland und China vergangene Woche einen 400 Milliarden Dollar schweren Gasvertrag unterzeichnet, wurde im Westen die Sorge vor einem neuen Ostblock geschürt. Doch ganz so weit ist es noch nicht. Russlands Präsident Wladimir Putin will einfach nur die Wahl haben zwischen China und Europa. Denn verhandelt wurde über die Gaslieferungen nicht erst seitdem der Westen Russland wegen der Ukraine-Krise mit Sanktionen droht, sondern schon seit über zehn Jahren. Der eigentliche Gewinner des Deals ist jetzt also China, das von Russlands geschwächter Position in Europa profitiert hat und bei den Verhandlungen einen günstigeren Preis durchsetzen konnte. Nun ist die Chance gut für noch verwegenere Projekte: Und so ist es kein Zufall, dass chinesische Medien ausgerechnet in diesen Tagen über den Plan für ein gigantisches Infrastrukturprojekt berichten, dass sich nur mit Moskaus Wohlwollen realisieren lassen würde, aber ebenso nützlich für China wie für Russland wäre: Eine Zugstrecke von Peking über die ostrussische Hafenstadt Wladiwostok bis in die USA. Im Westen ist man sich schnell einig: So ein Projekt ist nicht realisierbar und schon gar nicht von den Chinesen. Eigentlich ist es aber genau andersherum. Es gibt niemanden außer den Chinesen, die das realisieren könnten.

Sie sind die einzigen, die so ein Projekt finanzieren. Das Nadelöhr in diesem Projekt ist Putin. Putin blickt nach Westen. Da fühlt er sich zu Hause. Nicht in seinem Hinterhof. Sibirien fühlt sich zu Recht vernachlässigt. Wäre Sibirien chinesisch, hätte China schon längst Volkswagen überredet, dort ein Werk zu bauen. Doch Putin hat, solange Russland wirtschaftlich strauchelt, anderen Sorgen.

Und die transsibirische Eisenbahn ist nicht nur aus dem letzten Jahrhundert. Sie hat eher ihren beiden Enden Aufschwung beschert, als dem Land, durch das sie verläuft. Und selbst Putin hat nicht das Geld und die Durchsetzungskraft entlang der Strecke, um Städte zu bauen. Und: Mit wem sollte er sie besiedeln? Die Chinesen wiederum würden da schon ein paar Leute finden. Und das ist genau der Grund, warum Putin zögert.

Die Chinesen könnten das Projekt nutzen, um schleichend die Ostküste Russlands zu bevölkern. So wie sie in Thailand und in Vietnam eine immer größere Rolle spielen. Deshalb zögert Putin, der, obwohl er gerade erst in China war, im August schon wieder plant, ins Reich der Mitte zu reisen, wenn in Nanjing die Jugendolympiade ausgetragen wird. Und das obwohl die Argumente der Chinesen verlockend sind. Geld spielt keine Rolle und Russland wäre nicht das erste Land, dem sie mit einer Zuglinie unter die Arme greifen. In Kenia wurde gerade beschlossen die Hauptstadt Nairobi mit der wichtigsten ostafrikanischen Hafenstadt Mombasa zu verbinden, die 600 Kilometer entfernt ist. In Argentinien helfen sie ebenfalls mit neuen Zuglinien aus. Dort können sie ihre Erfahrungen zu Hause präsentieren. Oder auch in der Heimat, wo es schon seit zwei Jahren die längste Hochgeschwindigkeitsverbindung der Welt hat. Die 2.300 Kilometer von Peking nach Guangzhou legt der Zug in nur acht Stunden zurück.

Auf der 13.000 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke würden die Züge mit 350 Km/h nur zwei Tage bis in die USA brauchen. Der Tunnel durch die Beringstraße wäre mit 200 Kilometern gerade vier Mal so lang wie der Tunnel von Frankreich nach Großbritannien. Das schreckt chinesische Ingenieure nicht mehr ab. Die Brücke auf dem Landweg zwischen Russland und Nordamerika wäre geschlagen und würde die Welt runder machen. Nicht nur für die Menschen in Wladiwostok, die nun in jeweils einem Tag in China oder in den USA wären, sondern vor allem auch für Güter. Und für russische Rohstoffe. Außerdem würde es gegenüber Europa gut aussehen. Während ihr euch an einer kleinen Insel aufreibt und Kalter Krieg spielt, entwickeln wir die Welt weiter.

Das Problem ist nur: Putin ist nicht Präsident eines Dritte-Welt Landes, das dankbar und bereitwillig seine Türen für Chinesen öffnet und ohne Wenn und Aber seine Rohstoffe als Gegenleistung anbietet. Putin mag pragmatisch sein. Der labile russische Nationalstolz ist es jedenfalls nicht. Darauf muss Putin achten. Und je länger er sich das überlegt, desto riskanter erscheint ihm das Spiel. Am Ende kann Peking ähnlich wie Putin in Bezug auf die Krim argumentieren: Wenn die eigenen chinesischen Landsleute in Not sind, muss man ihnen in Russland zu Hilfe kommen. Die Chinesen werden deshalb wohl doch noch eine Weile von Peking in die USA fliegen müssen. Und Wladiwostok wird die Endstation Sehnsucht bleiben.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.