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Afrika

Auf Mission: Ermittlerin Atiba-Davies

Ihr Job ist es, zuzuhören. Gloria Atiba-Davies ist Ermittlerin am Internationalen Strafgerichtshof. An geheimen Orten trifft sie Opfer von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Manchmal fragt sich Gloria Atiba-Davies, wie viele Zeugenberichte sie noch ertragen kann. Aber dann denkt sie an die Opfer und ihre einzige Hoffnung: dass ihre Stimmen gehört und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Auch in der Zentralafrikanischen Republik warten die Opfer auf Gerechtigkeit, nicht nur für das, was ihnen nach dem Sturz der Regierung 2013 angetan wurde, sondern auch immer noch für

Plünderungen, Mord und Vergewaltigungen

im Zuge eines Putsches Ende 2002/Anfang 2003. Der

Internationale Strafgerichtshof in Den Haag (IStGH)

befasst sich mit beiden Fällen. 2009 reisten Gloria Atiba-Davies und zwei Psychologinnen in die Hauptstadt Bangui, um Zeugen zu treffen, die in Den Haag aussagen sollen. Sie und ihr Team müssen herauszufinden, ob die Zeugen psychisch und physisch stabil genug sind.

Gloria Atiba-Davies im Gespräch mit einer Zeugin Foto: Sonja Heizmann

Atiba-Davies: "Bedenken der Opfer haben immer Priorität."

Die erste Zeugin

An einem geheimen Treffpunkt, hinter zugezogenen Gardinen, berichtet die erste Zeugin, dass drei Männer sie misshandelt hätten. Während zwei ihren Ehemann festhielten, vergewaltigte sie der dritte. Sie hat schwere Verletzungen davongetragen und noch jetzt manchmal Schmerzen im Unterleib. Die Psychologin fragt, ob die Zeugin immer noch Bilder von dem Ereignis vor Augen hat. Ja, immer wenn sie zur Ruhe komme, antwortet die Frau. Fast zwei Stunden dauert das Gespräch. Atiba-Davies und ihr Team versuchen, allen Zeugen gerecht zu werden und ihre Situation richtig einzuschätzen. "Das Wohlbefinden, die Nöte und Bedenken der Opfer haben immer Priorität", sagt die 59-Jährige. "Manche Zeugen haben ihr Dorf noch nie verlassen. Welche Folgen wird die Reise nach Den Haag für sie haben? Und was heißt es, die Aussage vor Gericht noch einmal zu wiederholen: Wird die Person dadurch retraumatisiert?"

Erwartungen und Selbstschutz

Oft müssen Atiba-Davies und ihr Team auch die Erwartungen der Opfer dämpfen. Ihnen sagen, dass nicht die Täter, sondern ihre Befehlshaber angeklagt werden. Dass der Gerichtshof keine Konflikte beenden kann. Dass juristische Prozesse Jahre dauern und Angeklagte manchmal doch freigesprochen werden. Das sei schwer zu vermitteln, sagt die Ermittlerin, denn die Opfer hätten meist alles verloren. Ihnen bleibe nur die Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Zentralafrikanische Republik Unruhen 03.03.2014

Hoffen auf eine Verurteilung der Täter: die Opfer der Unruhen in der Zentralafrikanischen Republik

Wie bei ihrem Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik sprechen Atiba-Davies und ihre Kolleginnen regelmäßig über ihre Begegnungen mit Zeugen. Das hilft, die Gespräche zu verarbeiten. "Manche denken, Ermittler müssen hart sein", sagt Atiba-Davies. "Nein, Ermittler müssen vor allem menschlich sein." Dazu gehöre auch, Gefühle zu zeigen und die eigenen Grenzen und Schwächen zu kennen und zu akzeptieren.

Atiba-Davies versucht, bei ihrer Arbeit auch Dinge zu finden, über die sie lachen kann. "In Gedanken nehme ich meine ältere Schwester immer mit auf meine Einsätze. Erinnere mich an irgendwelche albernen Sachen, die sie gesagt hat. Wenn ich nach aufwühlenden Begegnungen mit Zeugen nicht einschlafen kann, bitte ich Gott um Frieden, damit ich nicht ständig das Gesicht des Opfers vor mir sehe."

Von der Staatsanwältin zum Flüchtling

Dass die Juristin selbst ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben hatte, hilft ihr, die Belange der Opfer besser zu verstehen, sagt sie. Am 25. Mai 1997 findet in ihrer Heimat Sierra Leone ein Staatsstreich statt. Damals ist Atiba-Davies bereits seit 18 Jahren Staatsanwältin und führt gerade einen Hochverratsprozess. Der Hauptangeklagte putscht sich an die Macht, über Nacht wird die Amtsträgerin zum Flüchtling. Sie ist zu dem Zeitpunkt auf einem Seminar in Schweden, an eine Rückkehr nach Sierra Leone ist nicht zu denken. Die alleinerziehende Mutter muss ihre drei Kinder zurücklassen. Atiba-Davies erinnert sich an ein Gefühl totaler Hilflosigkeit. "Ich wusste nicht, wie ich meine Kinder retten sollte. Alle anderen waren damit beschäftigt, ihre eigenen Familien in Sicherheit zu bringen."

Beinamputierte Fußballmannschaft von Freetown, Sierra Leone

Gezeichnet vom Bürgerkrieg: Beinamputierte Fußballmannschaft in Sierra Leone

Erst 18 Monate später sehen Atiba-Davies und ihre Kinder sich in Gambia wieder. Unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gehen sie später zusammen nach New York, wo ihre Mutter und Schwester wohnen. Um dort als Juristin tätig zu sein, hat sie nicht den erforderlichen Abschluss, sie arbeitet als Kanzleigehilfin. Alles, was Atiba-Davies aus ihrem alten Leben bleibt, ist der Inhalt des Koffers, den sie vor dem Putsch mit nach Schweden genommen hatte.

Kampf gegen Straflosigkeit

Jetzt lebt Atiba-Davies in Den Haag und arbeitet seit zehn Jahren für den Internationalen Strafgerichtshof. Als Ermittlerin und Leiterin der "Gender and Children Unit", einer Abteilung, die sich hauptsächlich mit Verbrechen gegen Frauen und Kinder befasst, arbeitet sie an fast allen Fällen des Gerichts mit.

Bisher hat der IStGH nur zwei

Angeklagte schuldig gesprochen.

Der Angeklagte im ersten Fall Zentralafrikanische Republik steht seit Ende 2010 vor Gericht, demnächst soll das Urteil gesprochen werden. Immer noch kämpft das Gericht um neue Mitgliedsstaaten. Es will, dass auch die USA, Russland, China den IStGH unterstützen - finanziell, aber auch bei Ermittlungen. Wer Mitglied wird, erlaubt Ermittlungen im eigenen Land und gegen seine Staatsbürger.

Atiba-Davies bleibt dennoch optimistisch, dass der Kampf gegen die Straflosigkeit gewonnen werden kann - mit den engagierten Mitarbeitern des Gerichtshofs und der Unterstützung von Partnern. "Entweder wir behalten die Hoffnung, oder wir werfen alles hin und lassen das Böse siegen, lassen Gewalt herrschen. Aber als zivilisierte Gesellschaften können wir das nicht zulassen."

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