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Wirtschaft

"Auf Europa kommt es an"

Keine zwei Wirtschaften sind so eng miteinander verflochten wie die Europas und der Vereinigten Staaten – entsprechend sind die Probleme des einen Partners unweigerlich auch die des anderen.

Joseph Quinlan, Managing Director Chief Market Strategist at US Trust, Bank of America Private Wealth Management. Copyright: Joseph Quinlan März, 2012

Joseph Quinlan, Bank of America

Von Joseph P. Quinlan

Die schädlichen Einflüsse aus Europa sind so ernsthaft geworden, dass manche Beobachter bereits vermuten, Europas brodelnde Krise und ihr Einfluss auf die US-Wirtschaft könnte den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen beeinflussen.

Das bleibt abzuwarten, sicher aber ist: Die Vereinigten Staaten stehen im Fadenkreuz der europäischen Finanzkrise. Die US-Wirtschaft wird in diesem Jahr wohl nicht in die Rezession rutschen, aber die Gefahr wächst, dass das Wirtschaftswachstum in den USA ausgebremst wird.

Europas Finanzkrise findet ihren Weg in die USA und in die gesamte Welt auf drei Kanälen: Über die globalen Finanzmärkte, über den internationalen Handel und über das Auslandsgeschäft amerikanischer Unternehmen und ihrer Partner in Europa. Deren Geschäfte sind in den vergangenen Quartalen auf dem ganzen Kontinent deutlich eingebrochen.

Die anhaltende europäische Finanzkrise befördert die Volatilität der globalen Finanzmärkte und untergräbt das Vertrauen der Investoren. Indem sich die Krise von Griechenland über Spanien nach Italien ausgebreitet hat, ist die Ansteckungsgefahr gestiegen und hat eine Flucht in US-Schatzbriefe, englische Schuldverschreibungen und deutsche Staatsanleihen ausgelöst. Diese finanzielle Unsicherheit macht es den Staaten Europas immer schwerer, ihre Schulden in den Griff zu bekommen. Das lässt um die Gesundheit der europäischen Banken fürchten und in der Folge auch um die der amerikanischen Banken.

Die große Gefahr

Amerikanische Banken haben eine gute Kapitalrate, leiden aber unter der Ansteckungsgefahr und fürchten die Panik, die sich nun langsam in Europa ausbreitet. Die Hauptgefahr für die Vereinigten Staaten ist, dass die europäische Krise die Gemeinschaftswährung hinabzieht. Der Euro würde gegenüber dem Dollar an Wert verlieren und die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Waren und Dienstleistungen aushöhlen.

Der Schaden für die US-Exporte und für Amerikas Handel mit der EU ist bereits angerichtet. Im vergangenen Jahr betrug das US-Handelsdefizit im Geschäft mit der EU 100 Milliarden Dollar – eines der größten Defizite der jüngeren Geschichte. In den ersten vier Monaten dieses Jahres betrug das Defizit schon wieder rund 32 Milliarden Dollar – elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allein das Defizit im Handel mit Deutschland war in dieser Periode um 20 Prozent größer als im Jahr zuvor. Wegen des verlangsamten Wirtschaftswachstums und der daraus resultierenden Nachfrageschwäche in Europa sind die US-Exporte im April zurückgegangen und werden wegen in den kommenden Monaten noch weiter zurückgehen.

Nicht nur auf den Finanzmärkten und im Handel, sondern auch bei den international tätigen US-Konzernen mit Verbindungen nach Europa ist die Krise angekommen. Das ist nicht verwunderlich, ist Amerika doch der größte ausländische Investor in der Europäschen Union.

Kurz: Keine andere Weltregion ist für den globalen Erfolg international tätiger Firmen in den USA so wichtig wie Europa.

Im selben Boot

Warum ist das so? Im vergangenen halben Jahrhundert hat keine andere Weltregion so viel amerikanisches Kapital angezogen wie Europa, das 56 Prozent aller Auslands-Direkt-Investitionen der USA auf sich vereint. Amerikas Auslandsengagement ist in den entkräfteten Wirtschaften Europas stärker als in den agilen und lebhaften Märkten Asiens, Südamerikas und Afrikas. Amerikanische Investitionen in Irland sind mit 190 Milliarden Dollar mehr als dreimal so hoch wie in China. In anderen Worten: Obwohl Irland mit seinen rund 4,5 Millionen Einwohnern in China nicht einmal als eine große Stadt zählen würde, ist der frühere "keltische Tiger" für wichtige amerikanische Firmen bedeutender als das Reich der Mitte, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben.

Amerikanische Investitionen in Belgien sind um 11,4 Prozent größer als die in Brasilien, die in Spanien sind doppelt so hoch wie die in Indien. Das gilt auch für den Vergleich von Spanien mit Südkorea: Hier haben US-Firmen 30 Milliarden Dollar investiert, in dem südeuropäischen Land mit 58 Milliarden aber fast doppelt so viel.

Man sieht: Amerikas Auslands-Direkt-Investitionen haben ein Übergewicht in Europa. Welche Parameter auch immer man ansetzt: Europa steht an der Spitze. Das betrifft die Zahl der Geschäftspartner genauso wie die Beschäftigungsrate, die Entwicklungsinvestitionen, die Rendite oder die Aktiva. Das zeigt: Was gut ist für Europa, ist auch gut für die amerikanische Wirtschaft. Oder andersherum: Wenn Europa krank ist, steigt die Ansteckungsgefahr in Amerika.

Viele US-Firmen haben bereits vor Gewinneinbrüchen gewarnt, die auf die Probleme in Europa zurückgehen. Und je schwächer oder unsicherer die Gewinne für US-Unternehmen ausfallen, desto zögerlicher sind sie, neue Jobs zu schaffen und zu investieren, sei es zu Hause oder in Übersee. Schwaches Wachstum oder sinkender Profit wegen der finanziellen Klemme, in der Europa steckt, haben einen negativen Einfluss auf die US-Wirtschaft.

Auf Europa kommt es an. Amerikas transatlantische Partner kämpfen mit einer der schlimmsten Finanzkrisen der modernen Geschichte. Für alle - für Europa, für die EU-Staaten, für die Schwellenländer, die vom Export abhängen und für die USA - steht viel auf dem Spiel. Die transatlantische Partnerschaft wird das überleben – aber bevor wieder besser wird, wird es kurzfristig noch viel schmerzhafter werden.


Joseph P. Quinlan ist Direktor und Chef-Markt-Stratege bei US Trust, Bank of America. Daneben forscht er an der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Washington DC.


Übersetzung: Dirk Kaufmann