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Ostmitteleuropa

"Auf eigene Weise gläubig"

- Nur wenig wirkliche Kirchenanhänger in Ungarn

Budapest, 15.10.2004, PESTER LLOYD, deutsch

Nur 13 Prozent der ungarischen Bevölkerung gehören einer der großen christlichen Kirchen an, die im ungarischen Glaubensleben überwiegen. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Untersuchung, die im Auftrag der linksliberalen Regierung durchgeführt wurde und seitens der Kirche zu Protesten führte.

Über die Hälfte der Befragten soll erklärt haben, dass sie "auf ihre eigene Weise" gläubig sei und nicht den Lehren einer Kirche folgt. Interessanterweise widerlegte die Untersuchung die allgemeine Auffassung, nach der das konservative Lager überwiegend aus Gläubigen besteht. Nur 16 Prozent der Anhänger der Opposition gehören einer Kirche an, ein Viertel der Konservativen gab an, überhaupt nicht religiös zu sein. 43 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass die Kirchen ausschließlich durch ihre Mitglieder finanziert werden sollten und die Mehrheit sprach sich auch dagegen aus, die Steuerabgaben von Nicht-Gläubigen für kirchliche Zwecke zu verwenden; 63 Prozent der Anhänger der Regierungsparteien sowie 51 Prozent der Oppositionsparteien äußerten diese Meinung.

Die Mehrheit der Bevölkerung zeigt sich mit dem Einfluss der Kirchen im öffentlichen Leben zufrieden, nur 14 Prozent halten die Zusammenarbeit der Glaubensgemeinschaften mit ihnen nahestehenden politischen Kräften und Parteien für wünschenswert. Gerade einmal sechs Prozent der Ungarn befürworten das totale Verbot der Abtreibung, noch weniger unterstützen die katholische Auffassung über das Verbot der Empfängnisverhütung. Die Mehrheit ist ebenfalls gegen den katholischen Standpunkt, der Sterbehilfe untersagt.

Der katholische Bischof András Veres meinte, dass die Erhebung ein tendenziöses und verzerrtes Bild über die Lage der Kirchen gebe. Man sei sich darüber im Klaren, dass nur eine Minderheit regelmäßig die Kirche besucht, es aber zahllose andere Formen der Religiosität gebe. Er erinnerte an die jüngste Volkszählung, bei der sich 75 Prozent der Ungarn als Anhänger einer der christlichen Kirchen deklariert hatten. Der Bischof bezeichnete das Fazit eines hohen Regierungsbeamten, dass die Kirchen angesichts dieser Untersuchung keine bedeutende gesellschaftliche Unterstützung genießen, als haltlos. Die Kalvinisten verwarfen die Untersuchung ebenfalls und bezeichneten diese als eine "parteipolitische PR-Übung."

Die katholische Kirche kritisierte gleichzeitig die Entscheidung der neuen Regierung, die Kirchenfragen dem Kulturministerium unterzuordnen, anstatt sie – wie bisher – beim Ministerpräsidentenamt zu belassen. (Unter der Orbán-Regierung war der für Kirchenfragen zuständige Staatssekretär auch im Kulturministerium tätig).

Eine weitere Streitfrage entwickelte sich um die Restaurierung der Matthias-Kirche in der Budaer Burg. Das bekannte Gebäude befindet sich in einem gefährlichen Zustand und bedarf dringend einer Renovierung, deren Kosten in Milliardenhöhe beziffert werden. Der Staat übernahm diese Aufgabe, während es die Kirche ablehnte, sich – zumindest symbolisch – daran zu beteiligen. In der Matthiaskirche muss seit geraumer Zeit Eintritt gezahlt werden, mit dem die Renovierungskosten gedeckt werden. Darüber hinaus wird das Gotteshaus für Konzerte vermietet, was ebenfalls beträchtliche Einnahmen einbringt. (fp)

  • Datum 15.10.2004
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