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Wirtschaft

Auf der Suche nach einer Rohstoff-Strategie

Deutschland ist einer der größten Rohstoffverbraucher weltweit - und bei wichtigen Rohstoffen für die Hochtechnologie komplett auf Importe angewiesen. Doch Nachfrage und Preise steigen weltweit. Was tun?

Kaltwalzwerk Beeckerwerth der ThyssenKrupp Steel AG in Duisburg (Foto: dpa)

Kohle, Kies und Sand gibt's genug - aber nichts für die High-Tech-Industrie

Ein Stahlarbeiter im ThyssenKrupp-Werk in Bochum (Foto: dpa)

Stahlproduktion bei ThyssenKrupp: Preise für Eisenerz verdoppelt

Statistisch gesehen verbraucht jeder Bundesbürger im Laufe seines Lebens rund 1.000 Tonnen Rohstoffe. Während Kohle, Kali und Salze sowie Kies und Sand in Deutschland in ausreichendem Maß vorkommen, ist die Industrie hierzulande bei wichtigen metallischen Rohstoffen wie Kupfer, Kobalt, Platin und den sogenannten Seltenen Erden, also Mineralien, die für Hochtechnologien gebraucht werden, komplett importabhängig. Angesichts einer weltweit rapide steigenden Nachfrage wird das zunehmend zum Problem. Denn das Angebot deckt die Nachfrage schon jetzt nur noch bedingt.

Edwin Eichler ist Vorstand beim Technologiekonzern ThyssenKrupp, dem größten deutschen Stahlhersteller. Die Geschäfte laufen glänzend, die Krise scheint überwunden zu sein. Zwischen April und Juni dieses Jahres konnte ThyssenKrupp seinen Umsatz um ein Viertel steigern. Zufrieden ist Vorstand Eichler dennoch nicht. Das liegt an den geradezu explosionsartig gestiegenen Preisen für Eisenerz. "Es gab ein 50 Jahre altes Verfahren, wonach der Preis jeweils für ein Jahr festgelegt wurde. Jetzt wird der Preis plötzlich vierteljährlich bestimmt, und zuletzt wurde er um 100 Prozent angehoben."

Oligopole regieren die Welt

Solarzellen (Foto: Fraunhofer ISE)

Schon jetzt fehlen Seltene Erden für die Solarzellen- Produktion

Der größte Teil der weltweiten Eisenerzförderung konzentriert sich auf vier Länder und drei Bergbaugesellschaften. Ein Oligopol, das beispielhaft für viele andere Bodenschätze ist. Für rohstoffintensive Branchen wie auch für Hersteller von Zukunftstechnologien ist das ein Problem. Kein Windrad ohne Metalle, kein Elektroauto ohne Lithium und Kupfer, kein Solarstrom ohne Silizium und Seltene Erden. Bei Letzterem handelt es sich um insgesamt 17 Mineralien mit elektrischen und magnetischen Eigenschaften, deren Weltproduktion zu 97 Prozent aus China stammt. Die Chinesen haben den freien Welthandel mit den Seltenen Erden in den letzten Monaten allerdings Zug um Zug eingeschränkt.

Ulrich Grillo, der Vorsitzende des Rohstoffausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ist alarmiert. "Erst im Juli hat China angekündigt, seine Produktion für das zweite Halbjahr um 64 Prozent zu reduzieren. Laut 'China Daily' will China den Export Seltener Erden im Jahr 2011 um 30 Prozent reduzieren." Das hat schon jetzt konkrete Folgen. Die deutsche Photovoltaik-Industrie muss bereits damit umgehen, dass die Seltene Erde Lanthan derzeit nicht frei verfügbar ist. Solarzellen können nicht mehr im Umfang der Nachfrage produziert werden. Jedenfalls nicht in Deutschland.

Rohstoffe als Machtinstrument

Ein Junge tippt auf der Tastaur seines Handys eine SMS (Foto: dpa)

Keine Handy-Produktion ohne Seltene Erden

Rohstoffe, so klagt Ulrich Grillo, würden zunehmend als geostrategisches Machtinstrument missbraucht. "Immer mehr Länder fragen intensiv Rohstoffe nach, um ihre eigene Entwicklung voranzutreiben. Sie wollen teilhaben an der industriellen Produktion, an Wachstum und Wohlstand. Das ist ihr gutes Recht. Für mich ist es aber alarmierend, dass wir uns in einem asymmetrischen Systemwettbewerb befinden." Mit Handelshemmnissen wie Exportquoten, Exportzöllen und Importvergünstigungen subventionieren bedeutende Schwellenländer ihre Industrie und verzerren den internationalen Wettbewerb. Die rohstoffarmen Industrieländer haben dem bislang kaum etwas entgegenzusetzen.

Allerdings sind sie an der Situation nicht ganz unschuldig, wie sich am Beispiel der Seltenen Erden zeigt. Noch 1990 kam mehr als ein Drittel der Weltförderung aus den USA. Doch die Mineralien sind giftig, ihre Förderung ist daher aufwendig. Da China die Seltenen Erden auf dem Weltmarkt billig anbot, wurde die Förderung in den USA 2001 ganz eingestellt. Das soll sich nun ändern. Bergbaukonzerne haben neue Förderungen Seltener Erden in verschiedenen Erdteilen angekündigt, stillgelegte Minen sollen reaktiviert werden.

Politischer Beistand gefordert

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (Foto: dpa)

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle wirbt für Minenbeteiligungen

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle würde Beteiligungen der deutschen Industrie an solchen Vorhaben begrüßen: "Steigende Rohstoffpreise eröffnen neue Geschäftsmodelle. Hier werden die Claims der Zukunft abgesteckt. Dazu brauchen wir mutige Unternehmer. Die können eigene Abbauprojekte auf den Weg bringen. Auch die Beteiligung an anderen Rohstoffkonzernen ist ein Weg." Das allein wird aber nicht reichen. Deutschland importiert pro Jahr Rohstoffe im Wert von rund 80 Milliarden Euro. Es sei schlicht unmöglich, so sagt BDI-Präsident Hans-Peter Keitel, diese Mengen durch deutsche Minenbeteiligungen abzusichern. Keitel fordert vielmehr politischen Beistand bei der Sicherung der Rohstoffversorgung. "Wir können uns doch auch in der Außenpolitik mal die Frage stellen, welche politischen Interessen beispielsweise eine Region wie Zentralasien hat. Vielleicht gibt es da politische Wunschvorstellungen, bei denen wir hilfreich sein können - wenn wir umgekehrt Rohstoffe beziehen."

Die Ende Oktober von der Bundesregierung verabschiedete Rohstoffstrategie setzt tatsächlich auf mehr Partnerschaften mit rohstoffreichen Entwicklungs- und Schwellenländern. Das Wirtschaftsministerium, das Auswärtige Amt und das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit sollen dabei strategisch zusammenarbeiten. Rohstoffreiche Entwicklungsländer sollen, so erklärt Entwicklungsminister Dirk Niebel, von Deutschland bei der nachhaltigen Nutzung ihrer Rohstoffpotentiale unterstützt und ihre Integration in die internationale Rohstoffwirtschaft gefördert werden. "Ich bin für eine sehr werteorientierte Entwicklungszusammenarbeit, aber sie darf auch interessenorientiert sein", sagt Niebel.

BDI-Präsident Hans-Peter Keitel (Foto: dpa)

Fordert politischen Beistand: BDI-Präsident Hans-Peter Keitel

Bei allen Bemühungen wird Deutschland aber auch in Zukunft auf chinesische Rohstofflieferungen angewiesen sein. Rohstoffe, die, so formuliert es BDI-Präsident Keitel, für die Industrie so wichtig seien wie die Luft zum Atmen. Er plädiert daher auch für eine neue Strategie im Umgang mit den Chinesen. "Wir sollten uns fragen, ob China nicht zu Recht sagt, wir wollen unsere Rohstoffe nicht in erster Linie gegen Geld verkaufen." China sei an Technologie interessiert - und Technologie sei die eigentliche Währung der Deutschen.

"Unter welchen Bedingungen sind wir denn bereit, Technologie zu exportieren, um dafür Rohstoffe zu erhalten?", fragt der BDI-Präsident. In jedem Fall müssten natürlich Patentfragen und der Schutz des geistigen Eigentums zufriedenstellend geregelt sein, so Keitel. Doch das kann dauern, und genau da liegt für die deutsche Industrie das Problem. "Wir haben keine Zeit mehr, um endlos weiter zu diskutieren. Wir brauchen Lösungen, und zwar jetzt", sagt ThyssenKrupp-Vorstand Edwin Eichler.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Rolf Wenkel