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Kultur

Auf der Suche nach einer europäischen Identität

Europa hat eine gemeinsame Währung, die nicht alle wollen. Die europäische Hymne hat keinen Text, denn es fehlt eine gemeinsame Sprache. Hat Europa wenigstens eine gemeinsame Identität?

Touristen auf dem Kapitol in Rom: Vor 50 Jahren wurden hier die Römischen Verträge unterzeichnet

Touristen auf dem Kapitol in Rom: Vor 50 Jahren wurden hier die Römischen Verträge unterzeichnet

Der Lautsprecher des Bahnhofes kündigt den Zug der City Night Line nach Italien an. Von da aus geht die Suche nach Europa weiter durch Maastricht, Dorohusk und Brüssel. Der erste Halt ist aber Rom - das ehemalige Zentrum der Macht, der Regierungssitz Caesars. Er hat als erster Europa geeint, wenn auch mit Waffengewalt. Noch heute berufen sich Historiker auf das antike Rom, die griechisch-romanische Hochkultur, wenn sie den europäischen Geist, die gemeinsame europäische Identität beschwören.

Im Zug sitzen die ersten sonnenhungrigen Touristen: Niederländer, Ungarn, Deutsche - oder einfach Europäer? Eine Ungarin sagt, sie fühle sich wie eine Europäerin - halb, halb jedenfalls. "Ich meine, wie man in Ungarn und in Deutschland denkt, ist das gleiche." Die Ökonomie und das Leben und wie viel Geld die Leute haben, das sei etwas anders. In Ungarn seien die Leute noch ein bisschen ärmer. Ein Italiener sagt, er fühle sich mehr italienisch als europäisch. "Aber bevor es den Euro gab, hatte man eher das Gefühl, dass man sich in unterschiedlichen Ländern aufhält." Heute gebe es überall den Euro und dadurch fühle man sich ein wenig wie zuhause.

Aufklärung schuf den europäischen Menschen

Kurz hinter Mannheim zieht eine niederländische Schulklasse durch den Liegewagen. Die Schüler sind bereits in Schlafanzügen. Einer von ihnen sagt, europäische Identität bedeute für ihn nichts. Dann fällt ihm doch noch etwas ein: "Euromünzen", sagt er.

Wissenschaftler verweisen meist auf historische Grundlagen, wenn sie nach europäischer Identität gefragt werden: Sie nennen die griechisch-romanische Antike mit ihren Wissenschaftlern, Künstlern und Philosophen. Außerdem beschreiben sie die spätere christliche Religion als ideologisches Abgrenzungskriterium gegenüber dem Osten. Für die Neuzeit nennen sie die Aufklärung als Grundlage für unser europäisches Bild vom Menschen als selbstbestimmtes, freies Subjekt, von dem sich auch die Menschenrechte ableiten. Doch wie viel Bedeutung haben die gemeinsamen kulturelle Werte, hat Europa und die Europäische Union für seine Bürger heute noch?

Die Geburt der EG

Straßenbahn in Rom: Noch heute berufen sich Historiker auf das antike Rom und seinen europäischen Geist

Straßenbahn in Rom: Noch heute berufen sich Historiker auf das antike Rom und seinen europäischen Geist

Der Kapitolshügel in Rom war schon in der Antike das Zentrum der Stadt. An diesem Nachmittag führt ein österreichischer Lateinlehrer seine motivierten Elftklässler über den Platz. "Zu unserer Linken das Gebäude, das die eigentliche Bezeichnung Kapitolinische Museen trägt, zur Rechten der Konservatorenpalast, hier der Senatorenpalast der römischen Stadtregierung…."

Der Lehrer spricht über einen symbolträchtigen Ort. Hier wurden 1957 die Römischen Verträge von Italien, Frankreich, den Beneluxstaaten und Deutschland unterzeichnet und damit die Grundlage für die Europäische Gemeinschaft geschaffen. Die Ziele der Römischen Verträge gelten bis heute: Der engere Zusammenschluss der europäischen Völker, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt und somit die Verbesserung der Lebens- und Beschäftigungsbedingungen. Außerdem die Wahrung von Frieden und Freiheit. Institutionell stand die Europäische Gemeinschaft zunächst auf zwei Säulen: einem gemeinsamen Wirtschaftsmarkt, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, und einem Vertrag über die friedliche Nutzung von Atomenergie, der Euratom. Die Römischen Verträge gelten heute als Startpunkt eines geeinten Europas.

Die Idee " Europa" ist mindestens 500 Jahre alt

Marmorskulptur von Victor Hugo: Schon 1851 rief er zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa auf

Marmorskulptur von Victor Hugo: Schon 1851 rief er zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa auf

Die Idee ist schon sehr viel älter: Bereits vor 500 Jahren hatte der niederländische Philosoph Erasmus von Rotterdam zu einem Europäischen Völkerbund aufgerufen. Später traten Montesquieu, Leibniz und auch Victor Hugo für ein geeintes Europa ein. "Der Tag wird kommen, an dem du, Frankreich, du, Russland, du, Italien, du, England und du, Deutschland, all ihr Völker dieses Erdteils, zu einer höheren Einheit verschmelzen werdet, ohne eure verschiedenen Vorzüge und eure ruhmreiche Einzigartigkeit einzubüßen, und ihr werdet eine europäische Bruderschaft bilden…", sagte Europa-Vater Hugo einst. Als er 1851 zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa aufrief, erntete er nur Hohn und Spott.

In den europäischen Staaten erstarkte das Nationalbewusstsein, das im deutsch-französischen Krieg und später im Ersten und Zweiten Weltkrieg mündete. Erst danach wurde die Vision eines friedlichen und geeinten Europas Wirklichkeit: Mit der Gründung des Europarats, der Montanunion und schließlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge. "Ich glaube, dass zum ersten Male in der Geschichte, Geschichte der Länder der letzten Jahrhunderte, Länder freiwillig und ohne Zwang auf einen Teil ihrer Souveränität verzichten wollen", sagte Konrad Adenauer 1951 im Deutschen Bundestag. Dieser Vorgang erscheine ihm wie das Ende des Nationalismus.

Erfahren Sie im zweiten Teil dieser Reise etwas über das Städtchen Maastricht, dass dem Vertrag über die Europäische Union vor 15 Jahren seinen Namen gab. Wie hat sich Maastricht durch diese neue Bekanntheit verändert?

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