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Deutschland

Auf der Suche nach einem deutschen Gefühl

Ein junger Iraker begegnet im Bonner Haus der Geschichte den deutschen Schreckensjahren 1933-1945. Welchen Eindruck macht das auf ihn? Und was lernt er aus dieser Begegnung? Ein Erfahrungsbericht von Hayder Al-Maliki.

Deutschland | Ein Irkaer im Haus der Geschichte (DW/Ab Al-Khashali)

Hayder al-Maliki im Haus der Geschichte

Am Anfang steht der Schrecken. Kaum habe ich das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn betreten, stehe ich düsteren Szenen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gegenüber – und zugleich auch den historischen Auswirkungen, den Spuren, die dieser im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft hinterlassen hat. Schnell begreife ich vor allem eines: Warum die Deutschen auf ihr Land längst nicht so stolz sind, wie ich dachte. Im Gegenteil: Sie wollen gar nicht stolz sein - insbesondere nicht auf die 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Zeit der Hitler-Herrschaft.

Kaum bin ich in dem ersten Saal, sehe ich die roten Hakenkreuz-Flaggen des Naziregimes. Ich ahne, welche Macht diese Fahnen hatten, stelle mir auch die Soldaten vor, die in die Katastrophe des Krieges stolperten. Einige Kriegsszenen sind auf Video festgehalten. Andere Bilder zeigen die politischen und militärischen Machtzentren des Dritten Reichs.

Papiere, Telegramme und Ehrenmedaillen dokumentieren die bürokratische und symbolische Ordnung, auf die der Hitlerstaat sich gründete. Man sieht die Kopfbedeckungen der Soldaten, etwa die Baskenmütze, die vor allem die Angehörigen der Luftwaffe trugen. Auch einige Panzer der Wehrmacht finden sich in dem Saal - sie geben einen nachhaltigen Eindruck von der Gewalt der damals verwendeten Waffen. Ich bin erstaunt, dass derartiges Kriegsgerät bereits im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde.

NS-Zeit | gesellschaftliches Leben (Corbis via Getty Images)

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Erinnerung an den toten Vater

In einem der Säle schaue ich mir eine alte Soldatenuniform an. Neben mir steht ein älterer Herr, ebenfalls in die Betrachtung der Kleidung versunken.

"Entschuldigung, ist das Ihr erster Besuch in diesem Museum?", spreche ich ihn an.

"Nein, es ist mein dritter", antwortet er. Ich fragte ihn, was ihn in das Museum zieht. "Mein Vater starb im Zweiten Weltkrieg", antwortet er. "Und wenn ich diese Uniformen sehe, erinnere ich mich daran, wie ich ihn zum letzten Mal vor seinem Tod sah."

"Sind Sie stolz auf Deutschland?", frage ich ihn. "Nein!" entgegnet er entschieden. "Und am allerwenigsten bin ich auf die Hitlerzeit stolz. Seine Herrschaft kostete Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern das Leben. Wohl aber bin auf die deutsche Geschichte nach 1945 stolz."

Ich bin überrascht. Seine Haltung fällt ganz anders aus, als es sich viele Menschen in der arabischen Welt vorstellen. Bei uns glauben viele, die Deutschen seien stolz auf Hitler – was für eine Fehleinschätzung!

Der Neuanfang 

Bald darauf besuche ich das Museum ein weiteres Mal. Nun betrete ich die Säle, die sich der Nachkriegszeit widmen. Statt der Hakenkreuz-  sehe nun die schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge. Das politische Führungspersonal ist ausgetauscht, und die Menschen, so scheint es, sind zufrieden in ihrem Land. Besonders glücklich sind sie über die neue Währung, die D-Mark. Sie hat Deutschland zurück in den internationalen Handel geführt und auf dieses Weise die Wirtschaft wiederbelebt. Der Zeit des so genannten "Wirtschaftswunders" ist in dem Museum ein eigener Saal reserviert.

Bildergalerie 10 Jahre Holocaust Mahnmal Berlin (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

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Danach noch ein großer Raum. Er dokumentiert einen weiteren Epochenbruch: die deutsche Einheit, die Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung ab 1989. Wieder frage ich einige Besucher, ob sie stolz auf die deutsche Geschichte sind. In diesem Saal fallen die Antworten etwas anders aus. "Wir sind ausschließlich auf die deutsche Geschichte vor und nach der Hitlerzeit stolz", bekomme ich zu hören. Mit der Zeit vor und nach den 12 Jahren der NS-Zeit können sich einige Deutsche offenbar durchaus identifizieren. Aber eben nicht mit der Zeit zwischen 1933 bis 1945.

Gebrochenes Verhältnis zur deutschen Geschichte

Saal um Saal folge ich dem Lauf der jüngsten deutschen Geschichte. Die Ausstellung macht mir klar, wie differenziert die Deutschen ihrem Land und seiner Geschichte gegenüberstehen. Es kommt mir vor, als läse ich einen der atemberaubenden Romane von Gabriel García Márquez, dessen erste Seite mit dem Krieg beginnt, dann die Weiße Fahne der Kapitulation vor dem Auge des Lesers wehen lässt, nur um dann in eine neue spannungsreiche Zeit zu münden: die Epoche des Kalten Krieges, die Auseinandersetzung zwischen West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus.

"Sind Sie stolz auf die deutsche Geschichte?" Die Frage lässt die Deutschen teils zurückhaltend, teils verlegen werden. "Nein", antworten einige im Brustton der Überzeugung, während andere zögerlich sind. Ihre Mienen spiegeln die Komplexität der Frage. Einige lehnen den Nationalstolz vollkommen ab, andere nur mit Blick auf bestimmte Epochen der deutschen Geschichte.

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Anerkennung des Anderen

Weiter streife ich durch die Gänge des Museums auf der Suche nach einem Besucher, der meine Frage uneingeschränkt bejahen würde: "Ja! Ich bin stolz auf die deutsche Geschichte." Ich bekomme diese Antwort nicht zu hören.

Eines habe ich bei meinen Besuchen in dem Museum verstanden: Anders als viele Araber sind die Deutschen ganz und gar nicht stolz auf die militärische Geschichte ihre Landes. Auf der Suche nach den Gründen denke ich auch an das, was ich von Kollegen der Arabischen Redaktion in der Deutschen Welle über die deutschen Schulen gehört habe. Hier werden die Kinder im Geist der Toleranz und der Anerkennung des Anderen unterrichtet. Die Lehrer bringen ihnen den Wert des Friedens und den Respekt für andere Menschen bei. Eben das, beginne ich zu ahnen, ist der Grund, warum Deutschland nach dem Schrecken der Nazizeit relativ rasch wieder in den Reigen der Nationen aufgenommen wurde. Geschichte bedarf der Auseinandersetzung.

Hayder al Maliki lebt in Basra, Irak, und hat kürzlich ein Praktikum in der Arabischen Redaktion der DW in Bonn absolviert.

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