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Organisiertes Verbrechen

Auf der Suche nach der Million-Dollar-Münze

Die Polizei hat im Fall der gestohlenen Goldmünze "Big Maple Leaf" mehrere Verdächtige festgenommen. Die Angeklagten könnten mit geringen Haftstrafen rechnen. Polizei und Justiz stehen vor großen Herausforderungen.

Erste Fahndungserfolge im Fall der gestohlenen Riesenmünze: Mitte der Woche nahm die Berliner Polizei drei Männer im Alter von 18, 19 und 20 Jahren fest. Sie stehen im Verdacht, im März dieses Jahres die gut 100 Kilogramm schwere Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen zu haben. Deren materieller Wert wird auf rund 3,75 Millionen Euro geschätzt.

Auf der Suche nach der Münze hatte die Berliner Polizei am frühen Mittwochmorgen mit rund 300 Beamten 14 verschiedene Häuser und Wohnungen in Berlin durchsucht. Fündig wurden die Polizisten nicht: Von der Münze fehlt weiter jede Spur. Die Polizei nimmt an, dass sie längst in Stücke zerteilt und verkauft wurde.

In einer ersten Erklärung zu den drei Festnahmen - später wurde ein vierter Mann verhaftet - hieß es, dass im Rahmen der Aktion vier Schusswaffen, eine niedrige sechsstellige Geldsumme sowie Kleidung, Schuhe und fünf Fahrzeuge beschlagnahmt wurden. Sämtliche Gegenstände würden jetzt auf Spuren von Gold untersucht.

Der Diebstahl selbst sei mit relativ primitiven Mittel ausgeführt worden. Die Polizei präsentierte nach dem Einbruch eine Aluminiumleiter, den Griff einer Axt, eine Schubkarre und ein grünes Seil mit Federhaken. Die Planung hingegen, so Staatsanwältin Martina Lamb, war höchst professionell.  Es gebe 13 Verdächtige, die allesamt aus dem Umfeld "arabischer Clans" stammten. Sie alle seien "Brüder, Cousins ​​und Söhne" der Familie R.

Berlin - Architektur der Museumsinsel - Bode-Museum (SMB; Foto: C. Albuquerque)

Beraubt: das Bode-Museum in Berlin

Die libanesische Mafia

Unklar ist, wie viele Personen zu den insgesamt zehn Familien gehören, die im Verdacht stehen, verschiedene Gebiete des Bezirks Neukölln zu kontrollieren. Die Schätzungen reichen von einigen hundert bis zu 8.000 oder sogar 10.000 Mitgliedern in ganz Deutschland.

Tom Schreiber, SPD-Abgeordneter im Berliner Senat und Autor eines im vergangenen Jahr veröffentlichten 40-Punkte-Plans zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens in der Stadt, betont allerdings, dass nur wenige Mitglieder dieser Familien tatsächlich kriminell seien. Der SPD-Politiker schätzt ihre Anzahl auf zwei oder drei Prozent.

In der Hauptsache konzentrieren sich diese Netzwerke auf Drogenhandel und Prostitution. Doch auch vor spektakulärem Raub schrecken sie nicht zurück: Im Jahr 2009 brachen Diebe in Deutschlands bekanntestes Kaufhaus, das KaDeWe in Berlin, ein und entkamen mit rund sieben Millionen Euro. Das Geld wurde bis heute nicht gefunden.

Kriminelle unterlaufen das System

Bisher habe die Polizei die Beute noch nie gefunden, und sie werde auch dieses Mal das Gold nicht finden, sagte Ralph Ghadban, ein libanesisch-deutscher Sozialarbeiter und Autor einer Studie über Berliner Verbrechernetzwerke. "Selbst wenn die Leute für ein paar Jahre ins Gefängnis gehen, dürfte sich das, wenn sie tatsächlich auf eine Beute von 3,7 Millionen Euro hoffen können, für sie gelohnt haben."

Es sei kein Zufall, dass die verhafteten Männer so jung sind, sagt Ghadban. Ihr Alter sei der Grund dafür, dass sie nur eine vergleichsweise geringe Strafe zu erwarten hätten. Es scheine, als fänden sie immer einen Richter, der sie noch nach dem Jugendstrafrecht verurteile, so Ghadwan. Die eigentlichen Hintermänner seien vermutlich noch auf freiem Fuß. Die müsse die Polizei noch finden und ihnen ihre Beteiligung dann nachweisen. "Die nun Verhafteten dürften ihre Mittäter aber kaum verraten."

Deutschland Berlin Goldmünze Big Maple Leaf aus Bode Museum gestohlen (picture-alliance/dpa/M. Mettelsiefen)

Spurlos verschwunden: die Goldmünze "Big Maple Leaf"

Unklare Strukturen

Die meisten libanesischen Einwanderer kamen Ende der siebziger und und in den achtziger Jahre als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Berlin. Einige Clans, so Ghadban, stammten aus der südöstlichen Türkei. Viele ihrer Mitglieder hätten aber keine feste Staatsangehörigkeit.

Diese Personen hielten sich unter teils sehr unterschiedlichen Umständen in Deutschland auf. Auch variiere die Schreibweise ihrer Nachnamen. Das mache es schwierig, eine genaue Anzahl dieser Personen zu errechnen, so Ghadwan. Einige der Betroffenen seien staatenlos, andere hätten türkische Pässe, wieder andere seien vermutlich libanesische Staatsbürger. Ihre Pässe lägen bei den Konsulaten. Abholen würden sie sie aber kaum - denn das wäre die Voraussetzung, sie abschieben zu können.

Er warne den deutschen Staat seit 30 Jahren vor dem organisierten Verbrechen, sagt Ghadwan. Erst jetzt würden die Sicherheitsbehörden darauf aufmerksam. Staatsbehörden, Polizei und Justiz seien dafür blind gewesen.

Gefahr für die Demokratie

SPD-Mann Schreiber widerspricht. Es stimme nicht, dass dieses Problem nicht ernst genommen worden sei, erklärt er. Seit über zehn Jahren gebe es bei der Polizei dafür ein eigenes Dezernat. Zudem habe man einen auf dieses Thema spezialisierten Staatsanwalt.

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Ein ebenso dreister wie spektakulärer Coup

Das Problem sei aber, dass das bisherige Fachwissen nicht ausreiche, um die organisierte Kriminalität klein zu halten. Deren Vertreter versuchten, ihre Strukturen weiter zu entwickeln und aus illegalen legale Geschäfte zu machen.

Die mit der Fahndung nach der Goldmünze befasste Kommission beweise die hervorragende Untersuchungsarbeit der Polizei und der Staatsanwälte. Zugleich lasse sie aber auch erkennen, wie Kriminelle den Staat ausraubten, so Schreiber. Man habe viele verschiedene Ansätze und Instrumente. Dennoch sei diese Kriminalität eine Gefahr für die Demokratie, da sie die Rechtsstaatlichkeit bedrohe. Viele Leute aus dem Umkreis der Familien hätten Angst, die Wahrheit auszusprechen.

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