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Kultur

Auf der Suche nach dem echten Mann

Ratgeber von Männern für Männer verkaufen sich prima. Dem traditionellen deutschen Mann soll geholfen werden, mit den Lebensweisen ihrer modernen Frauen klar zu kommen. Aber ist das wirklich ein Problem?

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Kindererziehung: Ein Fall für echte Kerle?

Bücherregale im ganzen Land sind überladen mit Do-it-yourself-Lebenshilfen über Liebe und Beziehungen, nützlichen Hinweisen, wie mit eigensinnigen Frauen umzugehen ist und Ratgebern, die behaupten, alle Antworten auf Fragen zu haben, wie man eine funktionierende Ehe führt.

Das einzig Überraschende daran ist, wie viele der Werke von Männern für Männer geschrieben werden. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Mittdreißiger Jens Schäfer, Autor eines kürzlich veröffentlichten Buches über die angeblich letzten Bastionen der Männlichkeit in einer ansonsten weiblich dominierten Welt.

Dein Wunsch ist mir Befehl?

Der Titel "Echte Männer - Ein Leben im Verborgenen" spricht Bände über den Inhalt. Schäfer beleuchtet die traurige Existenz einer Handvoll frei denkender Männer, die von emanzipierten Frauen in Dunkelheit und Verzweiflung getrieben wurden. Das Buch hat keinen Anspruch auf Tiefsinnigkeit, reißt aber einige Themen der männlichen deutschen Psyche an. Zum Beispiel: Wollen Männer wirklich Kapitän des häuslichen Schiffs sein, mit ihrer Frau oder Freundin als erstem Matrosen, der jeden Befehl mit einem süßen Salut befolgt?

Kategorien von Männern

Rainer Volz, auf Geschlechtsthemen spezialisierter Soziologe und Forscher, sagt, man könne heutige Männer in vier Kategorien einteilen. Da wären zum einen die Traditionalisten, die den Prozess der Emanzipation zurückdrehen wollen. "Sie sind sehr verunsichert, verstecken das aber hinter Macho-Gehabe", sagt Volz. Dann gebe es den modernen Mann, der nicht daran glaubt, mit Frauen im Wettstreit leben zu müssen. Die Männer dieser Gruppe seien aufrichtig glücklich damit, ihren Frauen bei Hausarbeit und Kindererziehung zu helfen. "Es lohnt sich, zu dieser Gruppe zu gehören, weil diese Männer die Glücklichsten sind", sagt Volz.

Staubsauger im Büro

Auch Männer können putzen und manche tun es gerne

Zwischen den Stühlen

60 Prozent der deutschen Männer lassen sich dem Forscher zufolge keiner der beiden Gruppen zuordnen. Unsichere Männer können sich nicht entscheiden, ob Tradition die Moderne überwiegen sollte oder umgekehrt. "Pragmatische Männer hingegen sagen, dass Frauen zur Arbeit gehen sollen, aber sie glauben gleichzeitig, dass es besser wäre, wenn sie es nicht täten", sagt der Soziologe.

Strickende Männer und Frauen in der Londoner U-Bahn

Neue Zeiten, neues Hobby: Stricken auch für Männer

Neue Werte, alte Rollen

Psychotherapeut Uwe Lohsa, der Männern hilft, die in der modernen Welt unterzugehen drohen, sagt, die Situation in Deutschland sei in stetiger Veränderung. Männer werden seiner Meinung nach damit konfrontiert, zu Hause Softies und in der Arbeitswelt knallharte Kämpfer sein zu müssen. "Für einige von ihnen ist es schwierig, diesen Erwartungen zu entsprechen."

Aber Fakt ist, dass Männer zumindest in der Arbeitswelt immer noch am Steuer sitzen. Eine Studie des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass Frauen nach wie vor in Managerpositionen unterrepräsentiert sind. Nur 33 Prozent der Spitzenpositionen sind weiblich besetzt. Außerdem ist es immer noch weit verbreitet und akzeptiert, dass deutsche Frauen einen sehr langen Mutterschaftsurlaub antreten. Arbeitgeber sind vom Gesetz verpflichtet, eine junge Mutter auch nach drei Jahren Mutterschaftsurlaub wieder einzustellen. Viele Frauen nutzen dieses Angebot.

Darüber hinwegkommen

Becks Gold Bier Flasche

Keine Männerdomäne mehr: Auch Frauen trinken Bier aus Flaschen

Wenn es also nicht die Arbeitswelt ist, die zuviel von traditionellen deutschen Männern verlangt, was dann? Laut Soziologe Rainer Volz ist es die Herausforderung, neue Männerrollen zu definieren und für sich selbst eine davon zu wählen. "Es gibt Männer, die bereits das alte Bild, wie ein Mann zu sein hat, zurückgewiesen haben, aber es gibt andere, die beinahe schon verzweifelt daran festhalten", so Volz. "Vor 30 Jahren gab es nur eine Männerrolle, den traditionellen Mann. Aber die Zeiten sind ein für allemal vorbei."

Volz und Lohsa sehen Geschlechtergleichheit nicht als Krisenherd, sondern viel eher als großartige Gelegenheit für moderne Männer, alte Verantwortungen über Bord zu werfen. So zum Beispiel die Verpflichtung, der Einzige zu sein, der die Brötchen verdient. Um die Vorteile solcher neuer Sichtweisen genießen zu können, müssten die deutschen Männer jedoch zuerst über ihre eigenen Unsicherheiten hinwegkommen.

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