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Politik & Gesellschaft

Auf der Jagd nach dem Plagiat

Eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenter Deutscher ist inzwischen über weitgehend abgeschriebene Doktorarbeiten gestolpert. Ganz wesentlich beteiligt an der Aufdeckung waren Plagiatsjäger im Internet.

Symbolbild Doktorhut mit Geldscheinen (Foto: dpa)

Die Liste der potenziellen Ziele der Plagiatsjäger ist lang: Über 200 Doktorarbeiten haben die Helfer der Internetplattform PlagiPedi in ihrem Forum zur Überprüfung vorgeschlagen. Darunter die Werke von Prominenten wie Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Altkanzler Dr. Helmut Kohl oder Deutsche Bank-Chef Dr. Josef Ackermann.

Anonyme Prüfer

Bildschirmfoto der Internetseite GuttenPlag Wiki, die die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg enttarnte (Foto: dpa)

Bildschirmfoto der Internetseite "GuttenPlag Wiki"

Wer genau hinter den Internet-Plagiatsjägern steckt, ist unklar. Auf Seiten wie Plagipedi, GuttenPlag oder VroniPlag haben sie sich verbündet, um gemeinsam abgeschriebene Doktorarbeiten aufzuspüren. Die meisten arbeiten mit Pseudonymen. Einer der Aktivisten bei VroniPlag nennt sich "Dr. Martin Klicken". Fragen beantwortet "Dr. Klicken" am liebsten schriftlich. Er sei promovierter Ingenieur aus Norddeutschland, schreibt der Plagiatsjäger, und er plane eine wissenschaftliche Karriere.

"Leider haftet einer Person, die Missstände aufzeigt, in vielen Bereichen noch immer der Ruf eines Nestbeschmutzers an. Solange sich das nicht ändert, sehe ich nicht ein, warum ich meine Karriere z.B. als Hochschullehrer auf's Spiel setzen soll. Ein Pseudonym bietet da einen gewissen Schutz.“

Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) (Foto: dpa)

Ohne Doktorhut und ohne Ämter: Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU)

Bis zu 1000 Freiwillige wie "Dr. Klicken" sollen sich an der Überprüfung der Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt haben. Innerhalb weniger Tage dokumentierten sie zahllose nicht kenntlich gemachte Übernahmen aus anderen Texten in Guttenbergs Arbeit.

Die Mitarbeit steht jedem offen. Ergebnisse werden von mehreren Helfern kontrolliert. Wichtigstes Werkzeug ist die Suchmaschine Google: Verdächtige Textstellen werden eingegeben und auf Parallelen zu anderen Texten überprüft, deren Übernahme nicht kenntlich gemacht wurde.

Die meisten Helfer strammen vermutlich aus dem akademischen Umfeld - Studenten, Doktoranden, Doktoren. Menschen also, die sich wie "Dr. Klicken" über die Erschleichung und damit Abwertung des Doktortitels durch Plagiatoren ärgern.

Willkommene Unterstützung durch die Netzgemeinde

Silvana Koch-Mehrin, FDP (Foto: AP)

Ohne Doktorhut und ohne Ämter: FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin

Professionelle Plagiatsforscher wie der Kommunikationswissenschaftler Dr. Stefan Weber begrüßen die Arbeit der Internetaktivisten: "Das ist ein wichtiges Korrektiv für das, was die Unis in den letzten Jahren versäumt haben." Offenbar habe es nicht diese genaue Kontrolle auf Plagiate gegeben. "Jetzt macht es plötzlich das Netzkollektiv mit einer Akribie, die für eine Einzelperson nicht möglich ist und das finde ich sehr positiv“, so Weber. Seit Jahren untersucht er im Auftrag von Universitäten und Arbeitgebern Doktorarbeiten auf abgeschriebene Textpassagen.

Die bisher bekannt gewordenen Plagiate hält Weber nur für die Spitze des Eisbergs: "Der wahre Plagiatsskandal ist, dass es wahrscheinlich jährlich dutzende - wenn nicht hunderte - solcher Fälle gibt." Doch Weber sieht die Schuld nicht nur auf Seiten der Plagiatoren. Auch auf Seiten der Professoren laufe einiges falsch.

Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und Tochter Veronica Saß (Foto: dapd)

Ohne Doktorhut: Veronika Saß mit ihrem Vater Edmund Stoiber, Bayerns Ex-Ministerpräsident Stoiber (CSU)

"Das sind Professoren, die irgendwann einmal alters- und amtsmüde werden, so dass sie beginnen, die Arbeiten nicht mehr so genau zu lesen und sehr oberflächlich beurteilen." Natürlich spiele bei einigen dieser Professoren auch das Thema Faulheit eine Rolle. "Ein dritter Faktor," so Weber, "ist die mangelnde technische Kompetenz. Es sind ja fast immer ältere Betreuer und die können teilweise mit Internet, Google, Web 2.0 nicht umgehen." Arbeiten, bei denen aus dem Internet abgeschrieben, umgeschrieben und kopiert werde, blieben dann erst einmal unerkannt.

Weber fordert neue Maßnahmen zur Qualitätssicherung an den Universitäten: die digitalisierte Einreichung wissenschaftlicher Arbeiten, die Einschaltung externer Gutachter oder die Einführung eines Beauftragten für wissenschaftliche Redlichkeit an den Universitäten.

Diesen Wunsch teilt Weber mit den Plagiatsjägern im Internet. Bedrohen doch Plagiatsaffären wie die um Guttenberg, Koch-Mehrin und Co. die Glaubwürdigkeit deutscher Doktortitel und damit die Glaubwürdigkeit des deutschen Universitätsbetriebs insgesamt.

Autor: Nils Naumann
Redaktion: Hartmut Lüning

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