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Alltagsdeutsch – Podcast

Auf der Entbindungsstation

Überall auf der Welt kann der erste Babyschrei an fast jedem Ort ertönen: etwa zuhause im Bett, unterwegs im Taxi, bei der Arbeit auf dem Feld – oder im Kreißsaal eines Krankenhauses. Mit der Geburt ändert sich einiges.

Sprecher:

Nur wenige Dinge im Leben sind so einschneidend wie die Geburt eines Kindes und so wenig planbar. Auch wenn immer mehr Eltern versuchen, alles genau durchzuorganisieren. Eine größere Wohnung, neue Möbel, Kinderwagen und Babyausstattung müssen gekauft werden. Mit der Geburt ändert sich schlagartig der Alltag im Familienleben. Der neue Lebensabschnitt beginnt meistens auf der Entbindungsstation eines Krankenhauses. Dort erblickt das Baby das Licht der Welt. Das klingt ziemlich poetisch, in Wirklichkeit ist dieses Licht meistens die Beleuchtung im Kreißsaal einer Klinik.

Sprecherin:

Die Universitätsfrauenklinik in München hat eine der größten Entbindungsstationen in der bayerischen Hauptstadt. Vier Kreißsäle gibt es hier und jeder ist in einem anderen Farbton gehalten. Früher dachte man schon beim Wort Kreißsaal an Neonleuchten in einem riesigen unpersönlichen Raum. Die Väter gingen damals noch unruhig auf den Gängen auf und ab, während die Frau alleine mit ihren Wehen, den Schmerzen beim Gebären fertig werden musste. Erst in den 70er Jahren durften auch die Männer mit in den Kreißsaal. Die Frauen können sich heute selbst aussuchen, wie sie ihr Kind bekommen wollen – ob im Liegen, im Sitzen, in der Hocke oder im Stehen, alleine oder mit ihrem Partner. Hauptsache ist, die Frau fühlt sich wohl dabei. Aber das ist oft leichter gesagt als getan. Auch Claudia hatte sich die erste Geburt leichter vorgestellt:

O-Ton Claudia:

"Bei uns hat sich's fürchterlich lang hingezogen. Im Kreißsaal war'n ma gut 13 Stunden und von dem Zeitpunkt ab, wo i die erste Wehe g'spürt hab', san sogar siebenazwanzig Stunden vergangen. Und die Warterei, das ständige Hinpassen, tut sich jetzt was, geht's jetzt weiter, das ist auch sehr nervenaufreibend. Zu die Schmerzen noch dazu. Mein Mann war dabei. Gott sei Dank! I war recht froh drum. Das hat ma sehr gut tun, weil, also selbst wenn die Männer ja einem nit die Schmerzen aufnehmen kennaa oder was – es ist einfach, es tut so gut, die Unterstützung, dass jemand da ist, der einem dann einmal wieder über die Stirn streicht und die Hand hält und was auch immer. Einfach, dass man woas, man is nit alloa. Und das mal zu sag'n: Meins is nen Mädchen und heißt Lucia. Und das is' 'nen ganz schöner Brocken. Sie ist mit 3890 Gramm auf de Welt kümma und 54 Zentimeter lang."

Sprecher:
Das Wort Kreißsaal hat nichts mit der Form eines Kreises zu tun, sondern kommt von dem sehr alten, nicht mehr gebräuchlichen Wort kreißen, das so viel wie kreischen oder laut schreien bedeutet. Und das tun eben viele Frauen bei der Geburt ihres Kindes. Warterei sagt man umgangssprachlich für warten. Die Endung lässt sich auch auf andere Wörter anwenden und hat eine Nebenbedeutung, dass diese Sache als unangenehm empfunden wird. Die Telefoniererei sagt man, wenn man den ganzen Vormittag lang Leute anrufen muss. Die Warterei, wenn man beim Arzt erst nach Stunden im Wartezimmer dran kommt. Ein bisschen abfällig klingt auch das Wort Brocken. Die Mutter meint das natürlich liebevoll, wenn sie ihr Kind einen ganz schönen Brocken nennt. Aber Brocken bedeutet eigentlich ein großes Stück, das man von etwas abgebrochen hat. Auch ein Berg im Harz heißt so.

Sprecherin:

Anstrengend und schmerzvoll ist so eine Geburt nach wie vor. Gott sei Dank! war ihr Mann dabei, meint die junge Mutter. Gott sei Dank! Diesen Ausruf gibt man vor allem von sich, wenn man eine schwierige Situation gerade erfolgreich hinter sich gebracht hat, wenn etwas so ist wie es sein soll.

Sprecher:

Obwohl die Leute in Deutschland nicht besonders gläubig sind, sagt man überall dieses ritualisierte Gott sei Dank! – einen Dank an Gott dafür, dass alles geklappt hat. Und vielleicht sagt man in Bayern, wo die Mehrzahl der Leute katholisch ist, sogar noch ein bisschen häufiger Gott sei Dank! als anderswo. Jedenfalls ist die junge Mutter Claudia eine richtige Bayerin. Sie sagt san statt sind, kenna statt können oder alloa statt alleine. Sie spricht also mit bayerischem Dialekt.

Sprecherin:

In den letzten Jahren hat sich nicht nur in den bayerischen Kreißsälen einiges verändert. Es sieht dort oft so aus, wie in einem Fitnessstudio. Sprossenwände und Seile zum Festhalten, große aufblasbare Gymnastikbälle zum Draufsetzen, die Kreißbetten bieten auch Platz für den Partner, der seine Frau dann stützen und ermutigen kann.

O-Ton Christiane Sattler:

"Es hat sich sehr durchgesetzt, eigentlich quer durch alle Schichten, selbst aus Ländern, wo das vielleicht gar nicht so üblich war, dass Männer bei der Geburt dabei sind, wie zum Beispiel orientalischen Ländern oder so kommen die Männer heute mit.“

Sprecher:

Die Ärztin erklärt, dass es sich quer durch alle Schichten durchgesetzt hat, dass die werdenden Väter mit im Kreißsaal dabei sind. Das heißt, es ist heutzutage gang und gäbe, es ist nichts Besonderes, es ist Normalität, dass die Männer zuschauen, wenn ihr Kind auf die Welt kommt. Und das ist auch unabhängig von der sozialen Herkunft. Quer durch alle Schichten – damit meint die Oberärztin Christiane Sattler, dass Arbeiter und Handwerker ihre Frauen genauso begleiten wie Professoren und Manager. Von Schichten spricht man, weil in statistischen Grafiken der Bevölkerungsaufbau als Schichtmodell dargestellt wird: die Unterschicht, die Mittelschicht, die Oberschicht.

Sprecherin:

Die Männer kommen also mit. Das gilt auch für ausländische Familien aus anderen, zum Beispiel islamisch geprägten Kulturen. In Deutschland leben sehr viele Türken. Und auch bei ihnen kommen die Väter mit. Die Hebammen stehen diesem Trend eigentlich positiv gegenüber. Ein gut vorbereiteter Mann kann auch seiner Frau helfen. Die Hebamme Christine weiß aber auch von den Problemen, die Männer manchmal im Kreißsaal haben.

O-Ton Hebamme Christine:

"Sie stehen da manchmal schon etwas hilflos daneben und sind manchmal auch, muss man sagen, schon auch 'ne kleine Belastung für die Frauen, die müssen sich dann auch noch um ihre Männer kümmern und 'Geht's Ihnen noch gut?' oder 'Packt der's?'."

Sprecher:

Packt er's? Das heißt so viel wie: 'Wird er das durchstehen?', 'Kann er es aushalten?'. Packen, eine Sache fest in die Hand nehmen, das ist im übertragenen Sinne auch auf schwierige Situationen anzuwenden. Wenn jemand zupacken, schwere Sachen heben kann, ist er stark. Das kann auch für die Psyche gelten.

Sprecherin:

Denn eine Geburt ist eben eine blutige, schmerzvolle Angelegenheit. Auch Metzgermeister sollen beim Anblick der Geburt ihres Kindes schon in Ohnmacht gefallen sein. Trotzdem ist es fast immer ein Grund zur Freude, wenn ein Baby auf die Welt kommt. In Deutschland bekommen die meisten Frauen nur ein oder zwei Kinder. Die Ausnahme sind die ausländischen Frauen. Den deutschen Eltern ist es fast immer egal, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen.

O-Ton Hebamme Christine:

"Außer bei also, bei vielen ausländischen Frauen spielt es natürlich schon 'ne Rolle, wenn der Stammhalter kommen soll und nach dem dritten oder vierten Kind is' er halt noch nicht da. Also, da ist es schon 'nen großes Problem für die Frauen. Also hauptsächlich für die Frauen, weil sie schon unter 'nem gewissen Leistungsdruck stehen."

Sprecher:
Unter Leistungsdruck steht man im Allgemeinen im Berufsleben. Man soll etwas leisten. gute Arbeit tun. Und die Erwartung vom Chef oder von den Kollegen, die man dann selbst als unangenehmen Druck wahrnimmt, umschreibt man auch als Leistungsdruck. Im Privatleben ist das eher selten. Manche Menschen empfinden es aber so, dass man von ihnen bestimmte Dinge erwartet, damit sie als gute Mutter oder als verantwortungsvoller Vater gelten. Dass die Geburt eines Stammhalters zu diesen Mutterpflichten gehört, darüber können die deutschen Frauen heutzutage schon wieder lachen. Der Stammhalter, der erste Sohn, sollte früher den Besitz und den Namen der Familie weiterführen, den Stamm zusammenhalten. Heute können auch Frauen nach der Heirat ihren Namen an die Kinder weiter geben. Großfamilien gibt es nicht mehr und für das Erbe spielt es ohnehin keine Rolle, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.

Sprecherin:

Die Arbeit auf der Entbindungsstation ist anstrengend, aber auch sehr spannend und befriedigend. Die Geburt eines Kindes ist von jeher ein freudiges Ereignis. Eine schwangere Frau war früher auch in anderen Umständen oder guter Hoffnung. Heute ist man etwas sachlicher. 'Ich bekomme ein Baby' oder 'Ich bin im fünften Monat' – so umschreiben Frauen ihr Schwangersein. Die Arbeit der Hebammen dreht sich ständig um die schwangeren Frauen und ihre Bedürfnisse.

O-Ton Hebamme Christine:

"Sehen Sie. Nun bewegt sich das Kind. Das ist das Gute dran. Hier."

Sprecherin:

Viele der technischen Hilfsmittel im Kreißsaal sind unentbehrlich, um bei der Geburt auf alle Situationen vorbereitet zu sein. Die Säuglingssterblichkeit in Deutschland ist sehr niedrig. In der Regel reicht es aus, wenn bei der Geburt eine Hebamme dabei ist. Der Grund, warum trotzdem viele Frauen im Krankenhaus ihr Kind bekommen: die Ärzte sind sofort da, wenn operiert werden muss und vor allem, das Neugeborene kann sofort optimal versorgt werden, wenn es nicht ganz gesund auf die Welt kommt. Sobald ein Notfall eintritt, übernehmen die Ärzte die Regie im Kreißsaal. Auch das Stillen ist am Anfang gar nicht so selbstverständlich wie es aussieht. Eine Abteilung auf der Entbindungsstation kümmert sich um solche Dinge. Im Kinderzimmer können die Mütter ihre Babys stillen oder für ein paar Stunden abgeben, um ungestört schlafen zu können. Hier im Kinderzimmer des Krankenhauses hängt am Eingang ein Schild: "Nur für Babys und ihre Mütter". Die können sich hier auch Tipps von der Kinderkrankenschwester holen, die ihnen zeigt, wie man die Kleinen wickelt, also wie man korrekt die Windeln anlegt und wechselt. Auch beim Stillen kann man sich beraten lassen.

O-Ton:
"Weiß man ja nicht, wie viel da kommt. Wenn man in die Flasche was rein tut, weiß man was drin ist und was geleert worden ist. Aber beim Busen weiß man das nit. Aber da kriegt man so viel Tipps auch von den Schwestern und so nach drei, vier Tagen schießt dann die Milch voll ein und da wart' ich noch drauf, weil er jetzt erst zwei Tage alt ist und ich hoffe, dass ihm die Vormilch jetzt ausreicht, die momentan noch da ist. Also bisher scheint er noch einigermaßen zufrieden zu sein. Den Rhythmus bestimmt der Kleine. Da hat man nicht viel zu melden, wenn der gestillt werden will, dann is' er dran."

Sprecher:

Da hat man nicht viel zu melden heißt, man ist nicht derjenige, der die Entscheidungen trifft, an hat nichts zu sagen, man muss sich unterordnen. Meldung erstatten – das hatte ursprünglich eine sehr amtliche, fast schon militärische Bedeutung, ist heutzutage aber eher mit einer leicht ironischen Note im ganz normalen Sprachgebrauch zu finden. Die Entscheidung, wann gestillt wird, trifft das Baby. Die Mutter hat nichts zu melden.

Sprecherin:

Nicht nur stillende Mütter, auch die Ärzte finden während ihrer Nachtschichten oft wenig Schlaf. Trotzdem herrscht auf der Entbindungsstation meistens eine gelöste, angenehme Atmosphäre. Denn egal, ob es eine ganz normale Entbindung mit der Hebamme war oder ob die Ärzte vielleicht einen Kaiserschnitt machen mussten: hinterher freuen sich alle über das neu geborene Leben.

Fragen zum Text


Ein Kreißsaal heißt so, weil …
1. die Männer dort vor Aufregung im Kreis gehen.
2. er die Form eines Kreises hat.

3. die Frauen dort bei der Geburt stöhnen und kreischen.


Die Endung -ei kann nicht verwendet werden bei: …
1. Hunger

2. Durst

3. Essen.

Wenn Babys gestillt werden, dann …

1. trinken sie Milch aus der Flasche.

2. lassen Mütter sie Milch aus ihrer Brust trinken.

3. werden sie durch ihre Eltern beruhigt.

Arbeitsauftrag

Eine Geburt bedeutet für die meisten Eltern eine einschneidende Veränderung in ihrem Leben. Wenn Sie bereits Vater oder Mutter sind: Wie war die Geburt Ihres ersten Kindes? Wenn sie (noch) keine Eltern sind: Wie stellen Sie sich die Geburt Ihres ersten Kindes vor. Beantworten Sie die Frage in einem einseitigen Text.

Autorin: Renate Heilmeier

Redaktion: Beatrice Warken

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