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Kultur

Auf den Spuren von Jan Pieterszoon Sweelinck

Er gilt als der letzte Meister der niederländischen Vokalpolyphonie, als genialer Organist und Orgellehrer. Seinen 450. Geburtstag feiert man nicht nur in Holland mit zahlreichen Konzerten.

Seine Zeitgenossen titulierten Jan Pieterszoon Sweelinck respektvoll als "Meester Jan van Amsterdam", und der niederländische Dichter Joost van de Vondel pries ihn gar als "Phoenix der Musik". Noch 1740 widmete der Hamburger Musikschriftsteller Johann Mattheson dem "Orpheus von Amsterdam" einen ausführlichen Artikel in seinem Musiklexikon. In typisch barock-blumiger Sprache würdigte er Sweelinck "wegen seiner netten Fingerführung auf der Orgel und seiner überaus artigen Manier zu spielen."

Jan Pieterszoon Sweelinck wurde im April 1562 in Deventer in der Nähe von Amsterdam als Sohn einer traditionsreichen Organistenfamilie geboren. 1564 übersiedelte die Familie nach Amsterdam, wo der Vater als Organist an der Oude Kerk, der Alten Kirche, eine der wichtigsten Organistenstellen der Niederlande antrat. Über die musikalische Ausbildung des kleinen Jan ist nicht viel bekannt, doch es ist anzunehmen, dass er erste Lektionen vom Vater erhielt. Das Ausnahmetalent des Jungen zeigte sich schon früh, denn bereits als 15-Jähriger übernahm er 1577 als Nachfolger seines Vaters das Amt des Organisten an der katholischen Oude Kerk - eine Stellung, die er bis zu seinem Tod im Jahre 1621 innehaben sollte.

Der erste Stadtorganist Amsterdams

Oude Kerk-Orgel in Amsterdam (Foto: Marita Berg)

An der Oude Kerk-Orgel spielte Sweelinck sein ganzes Leben lang

Schon ein Jahr nach Übernahme des Amtes sollte sich Sweelincks Stellenprofil grundlegend ändern: Im Jahre 1578 wurde Amsterdam, eine der letzten katholischen Bastionen der nördlichen Niederlande, calvinistisch. Die katholischen Geistlichen wurden aus der Stadt vertrieben, die Katholiken konnten sich nur noch in sogenannten Geheimkirchen versammeln, und das Orgelspiel während des Gottesdienstes wurde verboten.

Damit war das Organistenamt eigentlich überflüssig, doch die Pragmatiker im Amsterdamer Magistrat schufen quasi ein neues Berufsbild: Sie setzten Jan Pieterszoon Sweelinck kurzerhand als "Stadtorganisten" ein; zweimal täglich sollte er ab jetzt in öffentlichen Konzerten die Orgeln der Oude Kerk zum Klingen bringen – für Sweelinck eine einzigartige Chance, die ihm größte künstlerische Freiheit erlaubte.

Handel mit Kirchenmusik

Für den niederländischen Organisten und Sweelinck-Kenner Ton Koopman markiert die Idee des Stadtorganisten einen Wendepunkt in der bis dato von der Kirche geprägten Musikgeschichte: "Der Stadt gehörten die Orgeln und sie hat natürlich gesagt: 'Die bleiben da, wir haben viel Geld dafür bezahlt.' Die Orgel durfte allerdings nicht mehr während des Gottesdienstes spielen, aber davor und danach", erklärt er. "Holländer sind Handelsleute; wenn es geregnet hat und man Handel treiben wollte, durfte man das ruhig in der Kirche tun. Da war es schön, Unterhaltungsmusik dabei zu haben."

Sweelinck Orgelkonzerte gehörten zu den ersten öffentlichen Konzerten überhaupt in Europa. Ihr Ruf verbreitete sich rasch von England bis Italien, und Sweelinck wurde so etwas wie ein Star der damaligen Musikszene. Seine innovative Instrumentalpolyphonie, seine Toccaten, vor allem aber seine Variations- und Improvisationskunst waren legendär. Musiker und Musikliebhaber von Großbritannien bis Spanien besuchten die Oude Kerk. Mit Sweelincks Ruhm wuchs auch die Zahl seiner Schüler.

Von Orgeln und Pfeifen

:Jan Pieterszoon Sweelinck, Kupferstich von J. Müller, 1624 (Quelle:wikipedia)

Sweelinck war im Europa des 16. Jahrhunderts ein berühmter Mann

Erst ab circa 1600, als der Orgelmaestro sich intensiv dem Unterrichten hingab, schuf er die meisten seiner Orgelkompositionen- und sie erklangen natürlich erstmalig an den beiden Orgeln der Oude Kerk. Diese Instrumente locken noch heute Organisten und Sweelinck-Liebhaber in die Kirche in Amsterdam.

Auch Ton Koopman hat sie schon als ganz junger Student kennen und lieben gelernt: "Ich hab' lange Zeit in Amsterdam gelebt und oft in der Oude Kerk geübt", erzählt er. "Es ist eine sehr schöne Orgel, ein kleines Instrument in einem original alten Gehäuse aus dem 17. Jahrhundert. Leider ist es nicht mehr die Originalorgel, die Sweelinck gespielt hat. Aber ich hab' immer gern da geübt, einfach weil die Orgel sehr präzise ist und viel schöner klingt als viele andere Orgeln."

Dass diese Orgel so schön klingt und man Sweelinck quasi wieder ganz nah ist, ist vor allem der Initiative des kürzlich verstorbenen Organisten und Alte Musik-Fachmanns Gustav Leonhardt zu verdanken. Er setzte sich in den 1960er Jahren für eine historische Rekonstruktion des Innenlebens ein, um auf der Orgel wieder die Werke spielen zu können, für die Sweelinck berühmt wurde. Henk Verhoef ist einer der beiden Nachfolger Sweelincks im Organistenamt an der Oude Kerk. Er kennt die Geschichte der Orgel: "Leider hat man im 19. Jahrhundert alle Pfeifen aus der Orgel entfernt, weil sie für den Bau einer neuen Orgel in der Zuiderkerk gebraucht wurden", berichtet er. "Es sind aber zumindest einige der Original-Pfeifen erhalten geblieben. Und bei der Rekonstruktion im Jahr 1965 wurde Kopien dieser Pfeifen in die kleine Orgel eingebaut."

"Forschungsobjekt" Sweelinck

Oude Kerk in Amsterdam (Quelle:wikipedia)

Auch heute noch spielt man in der Oude Kerk Sweelincks Werke

Zum 450. Geburtstag von Jan Pieterszoon Sweelinck wird des Organisten und Komponisten vielerorts mit Konzerten gedacht – sogar mit einem Sweelinck-Festival und einem Orgelwettbewerb in der Oude Kerk in Amsterdam. Trotzdem gibt es in Sachen Sweelinck noch eine Menge Unerforschtes und Unentdecktes, zumal Zeit seines Lebens keine seiner Orgelkompositionen im Druck erschienen ist. So stützt sich die gesamte Überlieferung seiner Orgelwerke auf Niederschriften seiner zahlreichen Schüler.

Zumindest einige seiner Vokalwerke und Psalmen sind aber überliefert worden. Und die "Königliche Gesellschaft für Musikgeschichte in den Niederlanden" hat mit der Veröffentlichung einer neuen Sweelinck-Gesamtausgabe begonnen. Bleibt zu wünschen, dass im Rahmen dieser Arbeit das ein oder andere verschollene Werk des "Orpheus von Amsterdam" wiederentdeckt wird.

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