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Fußball

Auf den Spuren des Maradona-Kults

Diego Maradona erlebte den Höhepunkt seiner Karriere in Neapel. Sieben Jahre lang spielte er sich in die Herzen der Fans. Nun kehrte er zurück. Ein Besuch in der Stadt des Maradona-Kults.

Bar Nilo mit Maradona-Heiligenschrein in der Spaccanapoli in Neapels Altstadt. Foto: DW/Fabian Vögtle 24.02.2013.

Bar Nilo in der Spaccanapoli mit Maradonna-Heiligenschrein

"Das Herz schlägt höher bei dieser Nachricht", freut sich Giovanni Durante. Der Neapolitaner aus der Via Forcella hat die Sportseite der Tageszeitung "Cronache di Napoli" vor sich. Maradona ist endlich zurück in Neapel. Schon lange wollte "Pibe de oro", der Goldjunge wie sie in hier liebevoll nennen, zurück in die Stadt seiner Triumphe. Immer wieder - zuletzt Anfang Februar in einem TV-Interview - äußerte er diesen Wunsch und beteuerte allen laufenden Steuerverfahren zum Trotz, dass er kein Betrüger sei und deshalb als freier Mann nach Italien reisen wolle. Und nun ist der verlorene Sohn zum ersten Mal seit acht Jahren zurück in der Stadt - und versetzt Neapel in einen Freudentaumel.

Barbesitzer Bruno Alcidi in der Bar Nilo. Foto: DW/Fabian Vögtle 24.02.2013.

Bruno Alcidi in seiner Bar im Zentrum von Neapel

Auch in der Spaccanapoli, der kerzengeraden Straße Neapels, die sich durch die Altstadt zieht, spricht man über Maradonas Besuch. "Wenn er hier ist, gibt es immer ein außergewöhnliches Fest. Dann sind Millionen von Fans auf den Straßen, die ihn sehen und berühren wollen. So groß ist unsere Liebe", sagt Carmine "Bruno" Alcidi. Der grauhaarige Neapolitaner führt in dritter Generation die Bar Nilo in der Spaccanapoli und ist damit Herr über die Maradona-Pilgerstätte, die er und sein Vater in den 1980er Jahren errichtet haben.

Weltbekannte Maradona-Kapelle

"Als Maradona damals kam, sind wir alle verrückt geworden. Da haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht, was es sonst nirgendwo gab und so wurde die Cappella di Maradona in der ganzen Welt bekannt, eine einzigartige Sache, obwohl es nur als kleine Geste gedacht war", sagt Alcidi nicht ohne Stolz über seine bis nach Japan bekannte Bar mit dem Maradona-Heiligenschrein.

Drinnen in der nach Caffè duftenden kleinen Bar hängen Schals und Poster des SSC Neapel, dazu baumeln Klopapierrollen verfeindeter Klubs von der Decke. Draußen an der Hauswand befindet sich der für Neapel typische Tabernakel mit Heiligenbildern und Reliquien. Statt einer Madonna, einer Jesus-Figur oder dem Stadtpatron San Gennaro ist dieser Schrein jedoch Maradona gewidmet. In einem Goldrahmen ist ein Foto des jungen Fußballers zu sehen, im anderen Haare des argentinischen Lockenschopfs. Bruno Alcidi hat sie 1990 auf dem Rückflug eines Europapokalspiels vom Sitz seines Idols genommen. Nun sind sie neben einer Träne des Weltmeisters von 1986 als Reliquien Teil seiner "Maradona-Kapelle".

Heiligenschrein von Maradona an der Bar Nilo. Foto: DW/Fabian Vögtle 24.02.2013.

Heiligenschrein vor der Bar Nilo

"Wenn Argentinier nach Neapel kommen, schauen sie hier wegen Maradonas Haaren vorbei und knien sich sogar auf den Boden." Der Heiligenschrein gehört inzwischen zu den beliebtesten Fotomotiven der Stadt, ganz egal ob Fans oder Touristen, alle knipsen sie drauflos. Mit dem Zettel "Foto gemacht, und jetzt einen Espresso?", bittet Alcidi die Passanten auf ein Tässchen in seine Bar.

Erlöser im Kampf gegen den Norden

"Dass ein Fußballer 20 Jahre nach seinem Weggang noch so geliebt wird wie Maradona, das gibt es nur in Neapel", sagt der Barbesitzer, während er am Telefon Kaffeebestellungen der Nachbarn aufnimmt. Doch woher kommt diese Liebe und Leidenschaft zum Argentinier, der 1984 als damals teuerster Transfer der Fußballgeschichte vom FC Barcelona nach Neapel wechselte? Maradona brachte dem bis dato nicht gerade erfolgreichen Fußballclub als Spiel- und Schlüsselfigur 1987 und 1990 die italienische Meisterschaft. Hinzu kam ein nationaler Pokalsieg und 1989 sogar der Gewinn des UEFA-Pokals.

Doch der aus einem Armenviertel von Buenos Aires kommende Maradona wurde nicht nur zum Fußballidol, er spielte auch eine soziale Rolle. Er wurde für eine ganze Generation Neapolitaner im Kampf gegen den reichen Norden und deren Fußballklubs aus Mailand und Turin einer Art Erlöser, der die Stadt aus der Krise geholt hat. "Vor allem in den 80er Jahren wurde Neapel weltweit nur als Kriegsschauplatz der Mafia betrachtet. Mit Maradona hat sich das geändert, da durch ihn auch ein anderes Bild von Neapel entstanden ist", erläutert Alcidi und schwärmt weiter: "Wir sind ihm deshalb sehr dankbar und lieben ihn auch heute noch."

Überall präsent - Maradona als Comicfigur an einer Häuserwand. Foto: DW/Fabian Vögtle 24.02.2013.

Maradona ist in Neapel überall präsent - hier als Comicfigur an einer Häuserwand

Auf die Frage, ob man Maradona wegen seines Steuerstreits sowie den Doping- und Drogenproblemen nicht auch kritischer betrachten müsse, kommt eine klare, fast wütende Antwort: "Das sind Sachen, die sind eben vorgekommen, dass kann jedem in der Welt passieren. Mich interessieren diese negativen Seiten nicht. Er bleibt immer in unseren Herzen, egal was passiert." Auch in der Via Forcella, einem berüchtigten Drogen- und Camorragebiet mitten im Zentrum, redet man ungern über Maradonas Sünden. Giovanni Durante, dessen Tochter mit 14 Jahren 2004 von der Camorra auf der Via Forcella erschossen wurde und der seitdem unter anderem mit einem Kultur- und Jugendzentrum versucht, jungen Neapolitanern aus dem schwierigen Viertel ein Leben abseits von Kriminalität, Drogen und Mafia zu präsentieren, verteidigt Maradona.

Rückkehr des Helden

Egal ob es um den Rechtsstreit wegen der Vaterschaft und den Unterhalt für seinen unehelichen Sohn geht, der in der Nähe von Neapel lebt oder um seine Drogengeschichten, Durante beteuert: "Wir sind immer auf Maradonas Seite." Welche Rolle auch der Glaube im Falle Maradonas spielt, zeigt diese Geschichte: Als Maradona wegen Kokain- und Alkoholproblemen sowie Übergewicht vor einigen Jahren im Krankenhaus kurz vor dem Tode stand, schickte ihm Durante das Bild seiner verstorbenen Tochter nach Buenos Aires, mit dem Hinweis, sie werde ihn als Engel aus Neapel beschützen.

Es ist nur eine Geschichte von vielen, die es in der brodelnden Stadt unter dem Vesuv zu erzählen gibt. Der Höhenflug des SSC Neapel in dieser Saison - Zweiter hinter Spitzenreiter Juventus Turin - lässt Fans und Stadt wieder hoffen und die Erinnerungen an die glorreichen 80er Jahre wach werden. Dass nun auch noch ihr Held Maradona der Stadt seine Aufwartung machte, unterstützt die Sehnsucht nach neuen Erfolgsgeschichten nur noch. Und Leute wie Bruno Alcidi und Giovanni Durante, der vor seinem Kulturzentrum ebenfalls einen Maradona-Altar aufgebaut hat, dürften in diesen Tagen noch die eine oder andere Freuden-Träne verdrücken.