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Veranstaltungen

Auf den Hund gekommen

Der Journalismus in der Ukraine sei „auf den Hund gekommen“. Das sagte der Publizist Jurko Prochasko in Leipzig bei einer DW-Veranstaltung. Das Thema: „Zensur und Selbstzensur – Kampf ums freie Wort in der Ukraine“.

DW-Panel Zensur und Selbstzensur – Kampf ums freie Wort in der Ukraine bei der Leipziger Buchmesse am 14.03.2013

DW-Panel Leipziger Buchmesse 2013: Jurko Prochasko, Gerhard Gnauck, Bernd Johann, Kateryna Mishchenko und Zakhar Butyrskyi (v.l.)

„Journalismus in oligarchisierten Medien hat nichts mit Realität oder Abbildung von Realität zu tun“, so Prochasko weiter. Er diskutierte auf der Leipziger Buchmesse mit der Autorin und Journalistin Kateryna Mishchenko und den Journalisten Gerhard Gnauck, Die Welt, und Zakhar Butyrskyi, Deutsche Welle.

Die „Oligarchisierung“ habe unterschiedliche Facetten, so Prochasko weiter: So werde etwa die Präsenz der Ukraine bei der Leipziger Buchmesse von der Stiftung eines ukrainischen Mäzens unterstützt. Andererseits sei dem Land ein irreparabler Schaden entstanden, seit Zeitungen, Radio- und TV-Sender zunehmend zum Besitz ukrainischer Wirtschaftsmagnate gehörten, so der Autor und Übersetzer. Wer den Journalismus anderer Länder erlebe, der bemerke, wie groß der Schaden sei. Kein junger Mensch nehme in der Ukraine noch eine Zeitung ernst, geschweige denn in die Hand.

Der Pluralismus in Oligarchenmedien
Dies sei bei Zeitungen in den USA auch nicht besser, konterte Gerhard Gnauck und verwies dabei auf die wachsende Rolle von Onlinemedien. Mit Blick auf das System der Oligarchenmedien in der Ukraine vertrat er die These: „Lieber ein oligarchischer Pluralismus als gar kein Pluralismus“. In ukrainischen Talkshows kämen beide Seiten zu Wort: Regierung und Opposition. Das sei zum Beispiel in Russland ganz anders. Seiner Ansicht nach könnten die Oligarchen sogar ein Interesse haben an demokratischen Freiräumen. Sie könnten Verbündete der EU sein.


Die Fremdenfeindlichkeit in Talkshows
„Die Ukraine ist wie eine Insel im Nebel“, so Kateryna Mishchenko. „Wir haben nicht viel Zugang zu Kontexten anderer Länder“, stimmte sie Jurko Prochasko zu. Dieser hatte der Ukraine eine „narzistische Selbstbezogenheit“ attestiert, was seiner Ansicht nach die Entstehung von Stereotypen fördere. Die Meinungsfreiheit in ukrainischen TV-Talkshows sehe sie kritisch, so Mishchenko: „In unseren TV-Shows tauschen sich zwar nahezu täglich Politiker von Regierung und Opposition aus. Aber das sind nur Masken, die Pluralität spielen. Dahinter im Verborgenen werden dann die eigentlichen Entscheidungen getroffen. Daher sind unsere Journalisten nur mit den Masken der Macht befasst.“ Deutliche Kritik übte sie an den Talkshow-Journalisten. Diese hielten es für Pluralität, wenn sie etwa fremdenfeindliche oder homophobe Stimmen zu Wort kommen ließen. „Faschisten bekommen auf diese Weise Publikum und nutzen das.“ Es gelte, kritisches Handeln und Denken in die Medien zu bringen. Davon werde in der Ukraine aber nicht berichtet, so die Journalistin.

Das freie Wort im Internet
Zakhar Butyrskyi sagte, „das Internet ist das Medium des freien Worts in der Ukraine. Das unterschätzt man hier im Westen.“ Die Zahl der Internetzugänge wachse in rasantem Tempo. „Der Journalismus im Internet ist sehr lebendig“, so der DW-Journalist. „Dieser Raum ist der staatlichen Kontrolle noch völlig entzogen.“ Allerdings gebe es so genannte Einladungen zu Gesprächen mit Behördenvertretern. Dies klänge harmlos, könnte aber einen schleichenden Prozess zur Folge haben: erst ein Gespräch mit dem Geheimdienst, dann die Bitte als Augenzeuge auszusagen, dann möglicherweise plötzlich Beschuldigter sein. Daher wolle kein Journalist zu diesen Einladungen gehen.

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Martina Bertram

T +49.228.429-2055 martina.bertram@dw.com