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Wirtschaft

Auf dem Weg zum Öko-Energieland

Deutschland deckt inzwischen 17 Prozent seines Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien. 100 Prozent Ökostrom halten viele für möglich, andere warnen davor.

Off Shore Windpark Baltic I von der EnBW. Foto: EnBW/Mathias Ibeler

Der Offshore Windpark Baltic I in der Ostsee soll im März 2011 ans Netz. 50.000 Haushalte sollen so mit Strom versorgt werden

Längst sind die früher als Ökospinnerei belächelten Erneuerbaren Energien in Deutschland kein Nischenphänomen mehr. Photovoltaik, Windkraft, Wasserkraft und Bioenergie haben ihren Anteil am Energiemix Deutschlands in nur zehn Jahren deutlich erhöht. Allein die Windenergiekapazität ist mit rund 27 Gigawatt inzwischen höher als die Leistung der Kraftwerke vieler anderer Energieträger, wie beispielsweise Braunkohle, Erdgas oder Kernenergie.

Der Schock von Japan gibt der Ökoenergie Schub

Luftaufnahme Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) im Landkreis Karlsruhe Foto: Torsten Silz/dapd

Die Erneuerbare-Energien-Branche will schon 2020 den Atomstrom vollständig ersetzen.

Der Schock der Atomkatastrophe von Japan werde diese Erfolgsgeschichte noch beschleunigen, ist sich Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen, sicher. "Weltweit und auch in Deutschland wird die Erneuerbare-Energien-Branche einen richtig starken Aufschwung bekommen." Optimistischen Schätzungen des Bundesverbandes der Erneuerbaren Energien (BEE) zufolge könnten die regenerativen Energien schon 2020 rund 30 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland abdecken, die deutsche Bundesregierung rechnet mit rund 20 Prozent.

Weitgehend einig sind sich dagegen alle, dass beim Ausbau der Erneuerbaren vor allem der Windkraft die Rolle des Zugpferdes zukommt. Holger Gassner von RWE Innogy setzt fast ausschließlich auf die Kraft des Windes, denn die rechne sich schon heute. "Wir investieren in Technologien, bei denen wir für den eingesetzten Euro auch möglichst viele Kilowattstunden Strom erzeugen können", sagt der Leiter Märkte und Politik der Erneuerbaren Energien Sparte des RWE-Konzerns. "Und das trifft dann eher auf Wind und andere Technologien zu als auf die Photovoltaik." Das Unternehmen investiert jährlich rund eine Milliarde Euro - derzeit vor allem in neue Windparks. So wurde der eigene Windanlagen-Kraftwerkspark in nur drei Jahren mehr als verdoppelt.

Flash-Galerie Windkraft in Deutschland NEU

Wie aus Wind Strom wird - ein kurzer Blick hinter die Kulissen

Windkraft als Motor für die Branche

Auch der Wirtschaftsverband Windkraftwerke rührt nach dem Reaktorunglück von Fukushima kräftig die Werbetrommel, preist die noch unausgeschöpften Kapazitäten für neue Standorte zu Land und zu See an. Durch eine technische Überholung alter Windkraftanlagen (das sogenannte Repowering) und die Erschließung neuer Standorte könnte die heute in Deutschland installierte Windkraftleistung von rund 27 Gigawatt beinahe vervierfacht werden, prognostiziert Wolfgang von Geldern, Vorsitzender des Verbandes. Rosige Aussichten, doch noch befindet sich die Branche in einem kurzfristig über sie hereingebrochenen Schock. Denn gerade in den zurückliegenden beiden Jahren stürzten die Ausbauraten bei Photovoltaik, Windkraft und Biomasse nach jahrelangem Boom in den Keller - um teilweise bis zu 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Während die Bundesregierung dafür vor allem die Folgen der Weltfinanzkrise verantwortlich macht, führt der Grüne Hans-Josef Fell das auf falsche politische Weichenstellungen der schwarz-gelben Bundesregierung zurück. Investoren seien durch die Verlängerung der Restlaufzeiten der Atomkraftwerke verschreckt worden, der für grünen Strom notwendige Aus- und Umbau der Stromnetze sei verschleppt worden und noch immer gebe es zu viele bürokratische Hindernisse. "Es geht ja bald schneller einen neuen Atomreaktor irgendwo in der Welt zu genehmigen, als einen neuen Windpark in Deutschland, das dauert oft Jahre bis sie da durchkommen", sagt der energiepolitische Sprecher der Grünen Hans-Josef Fell.

Mehr Ökoenergie, höherer Strompreis?

380 Kilovolt-Höchstspannungsleitung Foto: 50 Hertz Transmission

Ein massicher Stromnetzausbau steht bevor

Um den Strom aus Atomenergie schon vor 2020 vollständig durch Ökoenergie zu ersetzen, stellte der Bundesverband Erneuerbare Energien nun einen 10-Punkte-Plan zur Beschleunigung des Ausbaus regenerativer Energien vor. Zentraler Punkt: die Beseitigung von Planungshemmnissen wie beispielsweise noch immer gültige, aber veraltete Höhenbegrenzungen für Windkraftanlagen. 100 Prozent Ökoenergie sei möglich, das Verbandscredo. Es bleibe bei der Zusage, bis 2020 rund 150 Milliarden Euro in neue Erzeugungskapazitäten zu investieren, sagte Verbandspräsident Dietmar Schütz.

Auch Klaus Breil, energiepolitischer Sprecher der Liberalen, will nach der Atomkatastrophe von Fukushima den Ausbau Erneuerbarer forcieren. Doch er warnt vor zu einer zu abrupten Abkehr vom günstigen Atomstrom. Durch den noch relativ teuren grünen Strom könnte Deutschland als Standort für energieintensive Branchen wie die Chemie-, Stahl-, oder Zementbranche schlicht zu teuer werden, Arbeitsplätze seien in Gefahr: "Wenn wir die Kostenentwicklung nicht im Griff behalten, dann kann es eben zu einer schnellen, schleichenden Deindustrialisierung Deutschlands kommen", befürchtet Breil. Vertreter der Erneuerbaren-Energien-Branche widersprechen Breil vehement, argumentieren, dass gerade die Brennstoffkosten-freien Erneuerbaren den Strompreis gesenkt hätten. Diese Kostenreduzierung sei bis heute nie von den vier großen Energieversorgern in Deutschland an den Endkunden weitergegeben worden.

Eine Branche mit 500.000 Jobs ist möglich

Strompreis gesenkt oder gesteigert – beide Lager anerkennen, dass die Erneuerbare-Energien-Branche innerhalb von wenigen Jahren zu einem echten Wirtschaftsfaktor für Deutschland aufgestiegen ist. Inzwischen arbeiten nach Verbandsangaben rund 370.000 Menschen mit Erneuerbaren. Zum Vergleich: 2004 waren es gerade einmal 160.000 Beschäftigte. Schon in wenigen Jahren rechnet die Branche selbst mit einer halben Million Arbeitnehmer, vorausgesetzt die dieses Jahr anstehende Überarbeitung des gesetzlichen Rahmens (Erneuerbare-Energien-Gesetz) stützt diesen Kurs. Erneuerbare sind also nicht nur gut fürs Klima, sondern mehr und mehr auch unverzichtbar fürs Geschäft der Industrienation Deutschland.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Henrik Böhme

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