1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Auf dem Petersberg war man zu optimistisch

US-Präsident Obama schlägt einen neuen Kurs in Afghanistan ein. Dennoch droht das Land für die ausländischen Soldaten zu einem "killing field" zu werden, meint Peter Philipp.

Themenbild Kommentar (Grafik: DW)

Philipp Peter (Foto: DW)

Peter Philipp

Anfang Dezember 2001 auf dem Petersberg bei Bonn sahen die Dinge klar und einfach aus: Eine breite Koalition von Afghanen – aus dem Land selbst und aus der Diaspora – hatten beschlossen, dass Afghanistan sich nach dem Sturz der Taliban möglichst rasch zu einer geordneten und friedlichen Demokratie wandeln solle.

Siebeneinhalb Jahre und einen US-Präsidenten später weiß man, dass man damals doch etwas zu optimistisch war. Zwar sind tatsächlich ein neuer Präsident und eine neue Regierung eingesetzt, ist auch eine Verfassung verabschiedet worden und dennoch: Afghanistan hat keinen Frieden erlangt. Im Gegenteil: Seit 20 Jahren lebt es nun im Krieg und ein Ende ist nicht abzusehen.

Übertriebene Vorhersage

Ungewollt benannte US-Präsident Barack Obama die wahrscheinlich wichtigsten Gründe hierfür: Es muss mehr für den Aufbau Afghanistans getan und die Afghanen müssen in die Lage versetzt werden, sich selbst zu helfen. Und zugesagte Hilfe muss auch wirklich geleistet werden. Obama nahm den richtigen "Mix" vor: Aufbauhilfe allein reicht nicht – es muss auch weiter gegen die Feinde einer Normalisierung in Afghanistan vorgegangen werden.

Es mag ja ein wenig übertrieben klingen, wenn Obama Taliban und Al Qaida die Niederlage voraussagt, gleichzeitig verdeutlicht der US-Präsident aber, dass auch in Afghanistan die Politik seines Vorgängers der Vergangenheit angehört. Das müssen auch die Verbündeten begreifen, die – wie die Bundesrepublik – in Afghanistan engagiert sind: Mit dem Bau von Klassenzimmern kann man ein Land wie Afghanistan ebenso wenig "normalisieren", wie mit Militäroperationen gegen Taliban und Qaida.

Besonders schädlich und kontraproduktiv waren und sind dabei die unbedachten Operationen, bei denen zivile "Kollateralschäden" in Kauf genommen werden. Solche Maßnahmen haben die Amerikaner, aber auch ihre NATO-Verbündeten für viele Afghanen längst zu einem neuen Besatzungsregime gemacht. Die Geschichte dieses Landes am Hindukusch zeigt, dass Besatzer dort immer schon einen schweren Stand hatten. Da nützt auch das wenige Positive nicht: Wozu sind Klassenzimmer gut, wenn Zivilisten bombardiert werden? Und ebenso: Wozu sind Wahlen gut, wenn am Ende doch die "alten Kräfte" wieder an der Macht sind und diese mit den wenigen Neuen in einem Wettbewerb der Korruption zu stehen scheinen?

Es braucht mehr als einen loyalen Staatspräsidenten

Es hat lange, vielleicht zu lange gedauert, bis selbst das Weiße Haus einzusehen begann, dass ein ergebener Präsident in Kabul allein nicht ausreicht. Wer Afghanistan mit seiner fast archaischen Gesellschaftsstruktur zu einer lebens- und überlebensfähigen Demokratie machen will, der darf sich dabei nicht auf Klüngel, Vetternwirtschaft und Seilschaften verlassen. Sondern der muss dafür sorgen, dass das neue System wirklich mustergültig und vorbildlich ist.

Das aber ist bisher nicht der Fall. Höchste Zeit, dass etwas geschieht, bevor Afghanistan zum "killing field" für die Hilfsbereiten wird. Mit militärischer Macht alleine ist das Ziel nicht zu erreichen und der Schaden wird ins Unermessliche anwachsen, wenn Amerikaner und NATO eines Tages gezwungen sein sollten, Afghanistan wie einst die Sowjets unverrichteter Dinge zu verlassen.

Autor: Peter Philipp
Redakteur: Martin Schrader

Die Redaktion empfiehlt