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Kultur

Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe

Seit mehr als 1000 Jahren ist der heilige Berg Athos im Ägäischen Meer ein verbotener Ort für Frauen. Hier suchen Männer, abgeschnitten vom Rest der Welt, die Nähe Gottes.

Berg Athos aus der Ferne

Der Athos gilt seinen Bewohnern und Verehrern als heiliger Berg

Die hausbreite Landeklappe der Fähre ruht ausgestreckt auf der Anlegestelle des Fischerdorfes Ouranopolis. Hektisches Treiben herrscht am frühen Vormittag im Hafen. Staubige Geländewagen und zerbeulte Lkws rumpeln die unebene Kaimauer entlang. Es wird gehupt. Motoren heulen auf. Die vielen PS verschwinden ebenso im Bauch des Schiffes wie drei graue Esel, die ein alter Mann an der Strickleine führt. Männer mit festem Schuhwerk und mit Rucksäcken beladen verabschieden sich von ihren Frauen und Kindern. Ein kleiner Junge weint. Er klammert sich an seinen Vater. Der Schiffskapitän in blauer Hose und weißem, offenem Hemd mahnt zur Eile: "Ella, ella“, schreit er. Der schwimmende Stahlkoloss muss pünktlich ablegen. Ein Polizist kontrolliert die Papiere. Unsere kleine Reisegruppe legt Pässe und Passierscheine vor. Dann betreten wir das weiße Schiff. Wir klettern Stahltreppen hoch auf das Passagierdeck und lassen uns, wie andere Pilger, auf leuchtend blauen Plastikstühle nieder. Bald darauf hallt die Schiffssirene über das Meer. Mächtige Stahlketten ziehen die Landeklappe hoch. Matrosen holen die faustdicken Taue ein. Der Anker wird gelichtet. Die Fähre stöhnt zuerst auf, gleitet dann still durch die türkisgrüne, klare See. Schlagartig reißen die Gespräche ab. Auf dem Boot macht sich eine freudig, feierliche Stimmung breit. Es geht zum Athos.

Die Blicke der Reisenden richten sich auf jene etwa zwei Dutzend Männer, die in fußlangen dunklen Gewändern ebenfalls auf der Fähre Platz gefunden haben. Sie tragen brustlange Bärte und schwarze Kappen. Viele wirken müde. Ihre Gesichtsfarbe ist blass. Die ungeschnittenen Haare haben sie oberhalb des Nackens eingedreht zu einem festen Knoten. Es sind christlich-orthodoxe Mönche. Etwa 2000 leben auf dem Athos. Die meisten stammen aus Ost- und Südosteuropa, einige aus Amerika, Australien, aus arabischen Ländern oder aus Deutschland. Bevor sie das schwarze Mönchsgewand anlegten, lebten sie - wie sie es formulieren - "in der Welt“. Machten dort Karriere als Manager oder Universitätsprofessoren, arbeiteten als Schneider, Landwirte, Ingenieure, spielten Tennis oder Fußball, sammelten Briefmarken, fuhren in Urlaub, verliebten sich; kurzum, sie folgten dem eigenen Willen. Dann geschieht etwas Geheimnisvolles. Sie kündigen ihren Arbeitsplatz, verschenken ihr Auto, lösen ihr Sparkonto auf. Sie verabschieden sich von ihrer Familie, von den Freunden und bitten um die Aufnahme in eines der 20 Athos-Klöster. Nach einer mehrjährigen Probezeit legen die meisten von ihnen die Gelübde ab: Sie versprechen, ein Leben in Armut und im Gebet zu führen; sie verpflichten sich zur Ehelosigkeit; sie geben ihr Wort, gegenüber dem Abt gehorsam zu sein.

Landschaftspanorama Berg Athos

Sein Spitze liegt mehr als 2000 Meter über dem Meeresspiegel: der Berg Athos

Eine Form des Egoismus?

Wie kommt jemand dazu, sein äußeres Leben so radikal zu ändern? Ist es nicht eine besondere Form des Egoismus, sich in Abgeschiedenheit Gott zuzuwenden? Diese und ähnliche Gedanken kreisen im Kopf während gleichzeitig das Schiff die etwa 40 Kilometer lange Küste der Athos-Halbinsel entlang fährt. Trotz des lauwarmen Fahrtwindes suchen die Passagiere den Schatten.

Die Sonne steht hoch. Unser Schiff zieht vorbei an einer kargen Hügellandschaft. Sie wird überzogen - wie ein riesiger grüner Teppich - von Büschen, wildem Gestrüpp oder kleinen Kiefernbäumen. Die Bergkette mündet in den über 2000 Meter hohen Berg Athos. Majestätisch erhebt er sich über das Meer. An den meisten Tagen schmückt eine Krone aus Wolken die Bergspitze. Heute zeigt sich der Athos in seiner kargen Schönheit. Entlang der Küstenlinie reiht sich – wie an einer Perlenschnur - ein Kloster neben dem anderen. Hinzu kommen kleinere Mönchsgemeinschaften, so genannte Skiten oder Kellions. Einige Eremiten haben sich ganz zurückgezogen. Sie leben allein in einem abgelegenen Tal oder am Berghang, wo kaum jemand hinkommt.

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