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Alltagsdeutsch – Podcast

Auf dem Fischmarkt in Hamburg

Er gehört in Deutschland zu einer festen Institution: Der Fischmarkt in Hamburg. Die Marktschreier, unter ihnen viele Hamburger Originale, preisen ihre Fische an. Gut, wer sich da etwas im Hamburger Dialekt auskennt.

Sprecher:
In der heutigen Folge wollen wir Ihnen einen deutschen Wochenmarkt vorstellen. Einen Markt, so werden Sie sich zu Recht fragen, was ist daran so Besonderes? Den gibt es doch überall. Richtig. Aber, der Markt, auf den wir Sie gleich entführen, ist nicht irgendein Markt, sondern der Hamburger Fischmarkt, der weit über die Grenzen in der ganzen Welt berühmt ist. Warum? Das werden Sie gleich hören. Und lernen dabei gleichzeitig einmal den Hamburger Dialekt kennen.

Sprecherin:

Sonntag. Stockfinstere Nacht. Der Wecker zeigt vier Uhr dreißig morgens und ganz Hamburg liegt noch in tiefem Schlaf. Könnte der meinen, der sich jetzt aus dem Bett bemüht und sich aufmacht in Richtung Hafen. Noch sind die Straßen wie leergefegt, die U-Bahnstationen verlassen. Doch je näher wir an die Elbe kommen, zu den St. Pauli-Landungsbrücken, desto lebendiger wird die Stadt. Von allen Seiten strömen die Menschen in eine ganz bestimmte Richtung. Zum Hamburger Fischmarkt, der hier jeden Sonntag zwischen sechs und zehn Uhr stattfindet. Und während langsam über der Elbe die Sonne aufgeht, beginnen hier zwischen den großen Schiffen aus aller Welt die Marktschreier ihr frühmorgendliches Geschäft.

Sprecherin:

Einen hört man schon von Ferne. Sein Organ ist unübertrefflich. Aal-Jürgen. Unbestrittener Star des Hamburger Fischmarkts. Ein richtiges Hamburger Original, der frische Aale in die kreischende Menge wirft, permanent einen Witz zum Besten gibt und – wie ganz nebenbei – auch seinen Fisch verkauft. Manche Kunden verbringen hier Stunden gestärkt mit frischem Kaffee gegen die morgendliche Kühle und vergessen fast das Weitergehen, denn Jürgen macht aus dem Aalverkauf eine Unterhaltungsshow.

Sprecherin:

Ob nun Aal-Jürgen, Hering-Heinz oder Bananen-Joe ihre Ware anpreisen – auf dem Hamburger Fischmarkt ist es gang und gäbe zu feilschen, zu schreien und sich die Kunden gegenseitig abspenstig zu machen. Gelegentlich auch mit derberen Scherzen. Denn genau das wollen die Besucher hier hören. Sie schieben sich, tütenweise beladen mit ihren Einkäufen durch die Menge. Hier lugt ein Fischschwanz aus dem Papier, dort wandert eine Palme über die Köpfe der Besucher hinweg. Auf dem Hamburger Fischmarkt ist der traditionelle Fischverkauf fast schon zur Nebensache geworden. Hier wird alles Mögliche und Unmögliche angeboten. Obst und Gemüse, Socken und Süßigkeiten, Buddelschiffe und Trainingsanzüge, Blumen und Trödel, schnatternde Gänse und die Original-Sonnenbrille von Michail Gorbatschow.

O-Ton:

"Was haben Sie denn jetzt alles gekauft? Och so, einmal quer durch den Wagen durch. Oh, billig morgens die Blumen kaufen. 'Nen paar Klamotten einsacken, noch so. Kommt gut rüber. / Toll finden wir die Atmosphäre hier. Kommen wir eigentlich überwiegend mit auswärtigem Besuch. So, die Marktschreier, das ist ne Attraktion, diese Bananenschmeißerei, die Aal-Verkäufer, die ihre Sprüche loslassen. Das ist doch witzig. Muss man sich ansehen. / Komme so auf den Markt, sag'n wir mal, zwei- dreimal im Jahr zum Fischmarkt, um meinen Hühnerstall wieder nachzufüllen. Ich hol mir dann frische Hühner, also Hamburg ohne Fischmarkt, dat is nich dat, ne. / Es hat was sehr Hamburgisches, es liegt am Hafen, also bringt die Atmosphäre von der Stadt total rüber, finde ich. Fischmarkt ist die Stadt. Für die Lütten gibt es auch ne Menge zu sehen, hier."

Sprecher:

Der erste Sprecher sagte, er will ein paar Klamotten einsacken. Ein sprechendes Bild. Wahrscheinlich hat er keinen großen Sack bei sich, um die gekauften Klamotten nach Hause zu schleppen. Einsacken ist einfach eines der Alltagsworte für einkaufen, ebenso wie Klamotten ein lockerer Begriff für Kleidungsstücke ist. Man wirkt eben lässiger, wenn man so ganz nebenbei ein paar Klamotten einsackt. Ähnlich verhält es sich mit den Ausdrücken Sprüche loslassen und kommt gut rüber. Das heißt aber nicht. Dass, wer so ein bisschen ins Unreine spricht, nicht auch anders könnte. Das perfekte Hochdeutsch ist eben in erster Linie der Schrift vorbehalten. Und wer so spräche, wie man schreibt, der würde schon sehr verkrampft wirken, und wer will das schon. Deshalb baut jeder in seine Sätze ganz individuelle und oft anschaulichere Begriffe ein. Wenn die Dame sagt, die Verkäufer lassen ihre Sprüche los, dann meint sie mit den Sprüchen die Scherze, die die Verkäufer machen. Und weil sie die bei den tausenden von Kunden am Tag unzählige Male machen, sind es keine einzigartigen Schöpfungen mehr, sondern eben – ein bisschen ironisch. Sie warten schon, um beim Bild zu bleiben, wie die Tauben im Schlag und brauchen nur noch losgelassen zu werden. Das tut der Stimmung auf dem Fischmarkt aber keinen Abbruch. Die kommt nach wie vor gut rüber, meinen die beiden jungen Männer. Ganz klar, die exotische Atmosphäre im Gewirr der Menschen aus allen Ländern der Erde überträgt sich vom einen zu anderen. Sie kommt gut rüber.

Sprecherin:

Neben den Käufern und Bummlern gibt es noch eine dritte Gruppe auf dem Hamburger Fischmarkt: diejenigen, für die es jetzt nicht früh am Morgen, sondern ganz später Abend ist. Die Übriggebliebenen aus den unzähligen umliegenden Hafenkneipen, die ihren Streifzug nun auf dem Fischmarkt ausklingen lassen.

O-Ton:

"Also, wir haben die Nacht durchgemacht, haben im Hafenklang gefeiert, das ist so 'ne Kneipe hier und haben jetzt, sind jetzt hier in der Fischauktionshalle und haben uns schön Bratkartoffeln mit Spiegeleiern gekauft und sitzen jetzt hier und trinken dazu nach dem vielen Bier 'nen Kaffee und schnacken 'nen bisschen, ja treffen Freunde und nachher gehen wir allesamt ins Bett."

Sprecher:

Was wollen die Freunde in der Fischauktionshalle machen? Schnacken? Um den Ursprung dieses Wortes zu erklären, muss man ein bisschen in der Zeit zurückreisen ins 5. Jahrhundert nämlich, als man in Deutschland noch urgermanisch sprach. Aus dieser Sprache hat sich nach und nach unser heutiges Hochdeutsch entwickelt. Das Wort schnacken ist eines von denen, die noch aus dieser Zeit übrig geblieben sind. Niemand weiß mehr genau, woher es kommt, aber bis heute unterhalten sich die Hamburger nicht, sie schnacken miteinander. Und bestimmt haben Sie sich auch schon gefragt, was der Vater meinte, als er sagte, für die Lütten gibt's ne Menge zu sehen. Die Lütten, das sind einfach die Kinder, denn lütt heißt in Hamburg alles, was klein ist.

Sprecherin:

Hamburg und sein Fischmarkt sind seit langem unzertrennlich. Seit 1703 wird hier an der Elbe der Fisch verkauft. Und ebenso wie heute treffen sich seit Jahrzehnten schon die Nachtschwärmer zwischen den Buden, denn auch die sündigste Meile der Welt, Hamburgs berühmt-berüchtigte Reeperbahn mit ihren Nachtclubs ist nicht weit entfernt. Früher allerdings waren es in erster Linie die Seemänner, die hier auf ihren Landgängen Zerstreuung suchten.

O-Ton:

"Ich muss Ihnen ehrlich sagen, es war früher, das sind schon mindestens zwanzig Jahre, da bin ich natürlich sehr oft hier gewesen, ne, und wenn man dann lustig war, die Nacht durchgetanzt, dann ist man morgens hergekommen und, jo, dann hast de natürlich ordentlich einen im Kahn gehabt, nech, und dann sind wir natürlich johlend hier über'n Fischmarkt gegangen, meistens noch 'nen Mädchen am Arm und, jo, so sind wir denn hier und denn wie gesagt, fix einen in die Kiste, und dann ist man natürlich von hier aus noch in die namhaften Kneipen gegangen hier, ne, so wie da an der Ecke bei Eier-Carl und so widder, nech, jo, manchmal bin ich hier so ziemlich bewusstlos wieder vom Platz gegangen, ne, die Kneipen waren noch relativ billig und das ist ja heute nicht mehr der Fall, ne. Und dann muss man sich auch in Acht nehmen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird."

Sprecher:

Klarer Fall. Was ein richtiger Seemann ist, der trinkt auch manchmal einen über den Durst, nämlich zu viel Bier und Schnaps. Und für diesen alkoholisierten Zustand gibt es so viele Begriffe wie Gelegenheiten. Zwei davon nennt unser vergnügter Hamburger: Er hatte einen im Kahn und fix einen in die Kiste. Dass er manchmal ziemlich bewusstlos vom Platz ging, kann man wohl ganz wörtlich nehmen. Er wird kaum bewusst gemerkt haben, dass er johlend, also singend und lärmend, durch die Straßen zog. Dass der Seemann heute in den Kneipen über den Tisch gezogen wird, bedeutet allerdings nicht, dass er halb bewusstlos und volltrunken auf den Tischen herumliegt. Wenn Wirte ihre Gäste über den Tisch ziehen, heißt das so viel wie, dass sie sie betrügen, dass sie ihnen zu viel Geld abnehmen.

Sprecherin:

Aal- Eckhard ist ein richtiger Vollblut-Fischverkäufer. Und wie Aal-Jürgen findet er auch im größten Andrang noch Zeit, jedem Kunden mit dem gewünschten Fisch auch den passenden Witz mit auf den Weg zu geben.

O-Ton:

"So, was war mit dir? Vier Aale. Ja, deswegen brauchst de doch nicht zu schreien, mein Dirn. Ich bin ja bei dir. Eckart, du musst dich beeilen. Wir haben sonst nix mehr. Ja, man muss die Leute ansprechen, sonst kannst de auch 'nen Laden aufmachen, kannste dahinter versauern und warten, bis mal jemand kommt. Wie zuhause, muss ich brav und artig sein und hier kann ich dann mal den Leuten sagen, wo's längs geht, ne. Man muss das natürlich alles im lieben Ton machen."

Sprecher:

Missverständlich ist, dass Eckhard seine Kundin als "mein Dirn" bezeichnet. Dabei ist er weder angenervt und meint es unverschämt, noch kennt er die Dame von der sündigen Reeperbahn. Dirn bedeute früher nichts anderes als junges Mädchen. Erst später gelangte das Wort Dirne zu seinem zweifelhaften Ruf wie die Damen, die heute so bezeichnet werden, die Prostituierten. Wenn der Aal-Eckart den Leuten sagt, wo es längs geht, dann kommandiert er nicht wie ein Feldwebel die richtige Marschrichtung. Er redet einfach – eben nicht verschämt – um den heißen Brei herum, sondern geht offen und direkt mit den Menschen um. Manchmal auch ein bisschen zu direkt, aber nie bösartig, denn das ist ihm wichtig: Im lieben Ton muss man das tun. Dann haben die Kunden ihren Spaß und auch der Fischverkäufer, denn genau wegen diesem unterhaltsamen Kontakt steht er ja auch trotz der frühen Morgenstunde auf dem Fischmarkt und versauert nicht in einem Laden wie Milch, die zulange herumsteht.

Sprecherin:

Mittlerweile ist es zehn Uhr und der Fischmarkt schließt pünktlich seine Pforten. Die Frühaufsteher machen sich auf den Weg ins nächste Frühstückskaffee, die Nachtschwärmer räumen die Fischauktionshalle, um zuhause ins Bett zu fallen. Die Händler packen ihre Stände und Buden zusammen, ihr Arbeitstag ist fast zu Ende und auch der Aal-Eckart, seit zwei Uhr nachts auf den Beinen, kommt jetzt ein wenig zur Ruhe. Das letzte Lachsbrötchen ist verkauft und während er die gläserne Theke des fahrenden Verkaufsanhängers wischt, erinnert sich Aal-Eckhard daran, wie anders alles noch vor Jahren war. Denn auch vor einem so traditionsreichen Ort wie dem Fischmarkt macht der Fortschritt nicht Halt.

O-Ton:

"Was jetzt den Fischmarkt ausmacht, der ist 'nen bisschen steril geworden, is' er. Das Gemütliche, das Urige ist weg. Das liegt an diversen Umbauten und an den Vorschriften, die uns von den Ämtern gemacht werden, ja die Hygiene-Vorschriften. Wir können nicht mehr so vom Tisch verkaufen wie das früher war. Wir müssen jetzt alles unter Kühlung, unter Schutz, unter Glas haben. Einerseits berechtigt, aber das geht dann eben weg. Man muss jetzt 'nen Verkaufsanhänger haben, man kann nicht mehr so im Zelt machen. Das ist alles das, was das Urige irgendwo auf der Strecke bleiben lässt."

Sprecher:

Da haben Sie es zum Abschluss noch einmal gehört. Das sprichwörtliche st der Hamburger. Von den Norddeutschen sagt man, sie stolpern über den spitzen Stein, so wie der Aal- Eckhard über das steril gestolpert ist. Um nicht weiter zu stolpern, hat er die gefährliche Aussprache des s beim Wort bisschen umgangen. Beim Hamburger ist eben alles en bischen anders. Und auch wenn unser Fischverkäufer meint, dass das Urige, also das ursprünglich Gemütliche und Einzigartige des Fischmarktes, ein wenig auf der Strecke geblieben ist, solange die Männer auf dem Fischmarkt wie der Aal-Eckhard noch ihre Sprüche loslassen, auch mit den Lütten schnacken und zu ihrem Fisch "Sie" sagen, wird auch der Fischmarkt garantiert seien Zauber nicht verlieren, ganz im Sinne der sprichwörtlichen norddeutschen Gemütlichkeit, die da sagt:

O-Ton:

"Wat mutt, dat mutt. Dat löppt sik allens trecht. Wat mutt, dat mutt – heißt "Was muss, das muss". Dat löppt sik allens trecht, das heißt, dass läuft sich schon alles zurecht, also das geht alles in Ordnung."


Fragen zum Text

Als Original bezeichnet man jemanden, der …

1. sich von anderen in seiner Art und seinem Aussehen abhebt.

2. ein künstlerisches Werk als Erster erschaffen hat.

3. seine Region vertritt.

Auf dem Hamburger Fischmarkt …

1. wird nur Fisch verkauft.

2. werden unterschiedliche Dinge verkauft.

3. stehen nur Aal-Verkäufer.

Wenn jemand schnackt, dann …

1. unterhält er/sie sich mit anderen.

2. schnarcht er/sie.

3. tratscht er/sie über andere.

Arbeitsauftrag

Planen Sie in der Gruppe eine Reise nach Hamburg und zum Hamburger Fischmarkt. Informieren Sie sich darüber, was für Sie interessant sein könnte. Erstellen Sie einen Plan, was Sie an welchem Tag besichtigen wollen. Tauschen Sie in der Gruppe Ihre Informationen aus.

Autorin: Daniela Wiesler

Redaktion: Beatrice Warken


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