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Kultur

Audio Poverty - die neue Armut in der Musikbranche

Das kostenlose Herunterladen von Musik aus dem Netz hat eine Kehrseite: Es kommt wenig Geld bei den Künstlern an. Viele von denen, die in der schönen neuen Netzwelt, Musik zur Verfügung stellen, kämpfen um ihre Existenz.

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2006 war für Ekkehard Ehlers die Welt noch in Ordnung. Er brachte die CD "A Life Without Fear" heraus und wurde in der Presse als Deutschlands musikalische Antwort auf Brian Eno gefeiert. Bei einem ausverkauften Konzert in Schweden wurde er von Fans begrüßt, die T-Shirts mit Motiven des CD-Covers trugen. Wochen später kam für Ehlers der Schock: "Ich habe in ganz Schweden nur zwei CDs verkauft!"

Und auch in Deutschland verkaufte sich das Album nur 1000

Ekkehard Ehlers

Ekkehard Ehlers

Mal.Gleichzeitig zählte Ehlers 25.000 kostenlose Downloads im Internet. Als Musiker sei er von seinen eigenen Fans enteignet worden - von Leuten, die seine Musik gern hören und ihm bei MySpace lobende Kommentare schreiben, sagt er enttäuscht. So fehlte Ehlers nicht nur das Geld, um neue Musik zu produzieren. Er kam in ernste finanzielle Schwierigkeiten. Er hat Zahnlücken, weil er sich keine Behandlung leisten kann. Eine zeitlang konnte er für sich und seine Familie nicht mal was zum Essen kaufen. Nun hält sich Ekkehard Ehlers mit einem Job als Saunameister über Wasser.

Die Long-Tail-Theorie

Der japanische Techno DJ Toru Koda

Noch vor Kurzem war das Internet für Musiker eine Hoffnung. Sie vertrauten der Theorie des "Long Tail", die der Amerikaner Chris Anderson 2004 im "Wired Magazine" verkündet hatte. Sie besagt, dass Nischenprodukte, wie CDs oder Bücher, die nur in kleinen Stückzahlen verkauft werden, im Internet durchaus profitabel gehandelt werden können. Als Beleg dienen die Verkaufszahlen des Online-Musikdienstes Rhapsody, der im Versuchszeitraum mit einer großen Anzahl wenig gefragter Produkte mehr Umsatz erzielte, als mit großen Kassenschlagern. Die Verkaufsgrafik der Long- und Little-Seller ähnelt einem langen Schwanz, daher der Begriff Long Tail.

Foto von Gudrun Gut

Gudrun Gut

Doch bei Kleinanbietern scheint die Theorie nicht zu greifen. 85% aller online angebotenen Musiktitel sind im Jahr 2008 nicht ein einziges Mal verkauft worden. Und auch die klassischen Tonträger CD und LP laufen schlecht. Die Krise, über die große Plattenfirmen schon seit Jahren stöhnen, hat inzwischen auch kleine innovative Labels erreicht. "Früher war es so, dass ein Künstler, den man aufbaut, mit jeder neuen Platte mehr verkauft", sagt Gudrun Gut, die Inhaberin des Berliner Labels Monika Enterprise. Diese Verkäufe sind mittlerweile auf ein Drittel zurückgegangen. Das Label ist für Gudrun Gut ein Verlustgeschäft, das sie zurzeit nur betreiben kann, weil sie als Radiomoderatorin und Musikerin Geld verdient, mit dem sie ihre Firma subventionieren kann.

Musik im Wertewandel

Schuld an der Krise ist nicht allein die Möglichkeit des kostenlosen Musikdownloads aus dem Internet. Achim Bergmann vom Münchner Independent-Label Trikont verweist auf einen tiefgehenden gesellschaftlichen Wertewandel: "Man darf nicht vergessen, dass in den letzten 20 Jahren ein Haufen Schaumpartys gefeiert worden sind mit der Musik." Die Medien und die Kommunikationsindustrie hätten eine Amüsier-Jugendkultur geschaffen, um ihre Produkte besser verkaufen zu können. Dabei sei das ernste Interesse an Musik verloren gegangen, so Bergmann. Musik steht zwar überall zur Verfügung, doch sie werde nur noch von wenigen bewusst gehört. Dem würde Bergmann gern durch Aufklärung entgegen wirken. Er plädiert für eine fundierte Musikberichterstattung in den Medien. Der Trend geht allerdings in eine andere Richtung.

Die Kultur-Flatrate

Was also tun, um Musikern und Musiklabels schnell zu helfen? Mark Chung, der 9 Jahre bei Sony Music in London gearbeitet hat und heute Vorstandsvorsitzender des Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten ist, bringt eine Kulturflatrate ins Gespräch: "In England zum Beispiel wird an Lösungen gearbeitet, die in die Richtung gehen: Wie viel müsste man eigentlich vom Internetserviceprovider bekommen, damit die Produktion von Musik sich wieder rechnet…" Doch natürlich wirft auch so ein Modell Fragen auf, vor allem wer das eingetriebene Geld nach welchen Kriterien verteilen soll. Ekkehard Ehlers würde eine Kulturflatrate trotzdem sehr begrüßen: "Wenn es so etwas in der richtigen Form gibt, kommen für Leute wie mich wieder goldene Zeiten."

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