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Ostmitteleuropa

"Auch Mehrheitsvölker könnten künftig zu Minderheiten werden"

– Internationale Konferenz in Prag

Prag, 5.12.2002, RADIO PRAG, deutsch

Am Mittwoch (4.12.) und Donnerstag (5.12.) hat in Prag eine internationale Konferenz stattgefunden, die der Problematik nationaler Minderheiten galt. Das Treffen fand unter dem Motto "Die Politik Prags und anderer tschechischer bzw. europäischer Städte in Bezug auf nationale Minderheiten" statt.

Referate in Hülle und Fülle standen auf dem Programm und konnten wieder einmal nur andeuten, wie umfassend die Problematik der nationalen Minderheiten ist. Rund 140 Konferenzteilnehmer aus dem In- und Ausland tauschten sich sowohl allgemein zur Identität nationaler Minderheiten, als auch zu konkreten Problemen aus. Dass es sich dabei aber nicht nur um deren eigene Probleme, sondern auch um die der Gesellschaft des jeweiligen Staates sowie der heutigen Welt überhaupt handelt, darin waren sich alle einig. Vor die Frage nach der nationalen Identität und der Identität der nationalen Minderheiten - so der slowakische Botschafter in Prag, Balek, in seiner Grußbotschaft, werde auch das föderalisierte Europa gestellt, in dem künftig auch Mehrheitsvölker zu Minderheiten werden könnten und deshalb ihre Identität schützen bzw. pflegen müssten. Für die polnische Konsulin in Prag, Hana Olszewska, ist das Bewusstsein über die eigenen Wurzeln eine wichtige Voraussetzung für die Existenz einer jeden nationalen Minderheit. Darüber hinaus kommt ihrer Meinung nach dem Staat eine unersetzliche Rolle zu:

"Es ist selbstverständlich, dass im heutigen Europa, wo an verschiedenen Orten Menschen dauerhaft angesiedelt sind, deren Wurzeln mit denen anderer Völker in Berührung kommen, die Lösung der Problematik der nationalen Minderheiten als eine der wichtigsten Aufgaben des Staates gilt."

Etwas anders als Hanna Olszewska sieht es hingegen Ivan Vesely, Vertreter der Roma-Minderheit, deren Situation in Tschechien wie auch in anderen Ländern als ein wahrlich brennendes Problem gilt. Er sprach von einem Segregationsprozess, der nach seiner Auffassung sowohl in den sog. entwickelten Demokratien, als auch in den postkommunistischen Ländern existiere, in den letztgenannten jedoch in wesentlich höherem Ausmaß. Der Rolle des Staates bei der Lösung der Roma-Frage misst Vesely aber keine primäre Bedeutung bei:

"Trotz der laut deklarierten Integrationsprogramme geschieht das Gegenteil: das Ausgrenzen und das Abdrängen an den Rand der Gesellschaft, letzten Endes dann die offensichtliche Segregation mit allem Drum und Dran einschließlich der Schaffung von Slums und Ghettos."

Die Integrationsprogramme der Regierung und der wenigen Nichtregierungsorganisationen, die unter Mangel an Finanzmitteln leiden, können aber nach Meinung von Ivan Vesely höchstens die Segregationsprozesse bremsen bzw. deren Folgen lindern. Die Lösung sieht er woanders, heute wie in der Vergangenheit:

"Der Diskriminierte muss genug eigenen Willen zeigen und selbst entschlossen sein, seine eigenen Interessen zu verteidigen. Er muss sich des Wertes seiner Identität für sich selbst und damit auch für die Gesellschaft bewusst werden."

Wie dieses Ziel des notwendigen Reifeprozesses der Roma zu erreichen ist, hat Ivan Vesely nicht gesagt. Dass es mit oder ohne staatliche Integrationsprogramme keineswegs leicht ist, liegt aber auf der Hand. (fp)

  • Datum 06.12.2002
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