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Deutschland

Auch in Boom-Regionen schlägt die Krise durch

Zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008 dachten Mitarbeiter der Zeitarbeitsfirma "Tip", sie seien nicht betroffen. Jetzt kommt die Krise aber auch im strukturstarken Bonn an. Eine Reportage.

Vor der Telekom-Zentrale in Bonn (Foto: AP)

Vor der Telekom-Zentrale in Bonn

Gesine Gloger-Lino ist eine von zwei Geschäftsführerinnen der Zeitarbeitsfirma. Sie sitzt im Sofa, und während sie von der Flaute berichtet, klatsch sie ganz unbewusst in die Hände, immer wenn ihr Satz zu Ende geht. Als ob sie mit dem Klatschen einen Rhythmus vorgeben möchte - einen Rhythmus, der auf ein Ende zugeht, das Ende einer Symphonie zum Beispiel. In ihrem Fall ist es das Ende der "Flaute", wie sie ihre Krise nennt. "Keiner ruft an und braucht am Montag eine Sekretärin", sagt sie und schaut auf ihr Telefon. "Normalerweise würde ständig das Telefon klingeln, und zwar so, dass wir keinen Satz zu Ende sprechen könnten; aber sie sehen ja, jetzt ist nichts los."

Telefone auf dem Schreibtisch (Foto: DPA)

Telefone klingeln seit zwei Monaten kaum noch in der Zeitarbeitsfirma

"Ja, aber ich kann ihnen nicht genau sagen, ob das mit der Wirtschaftskrise zu tun hat." Gloger-Lino stellt nur fest, dass zum einen alle von der Wirtschaftskrise reden und zum anderen die Lage bei ihr eben genau so ist: Flaute. Sie vermutet natürlich viele Dinge - zum Beispiel dass Investoren Kapital zurückhalten, dass abgewartet wird. Aber sie weiß es nicht genau.

"Headhunter arbeiten unprofessionell"

Diese Zeitarbeitsfirma ist keine, wie sie sich viele Bundesbürger vorstellen. So eine, wo Studenten an Möbelpackerfirmen vermittelt werden oder Frauen in der Kartei stehen, die an Küchentheken stehen, putzen oder bei der Gartenbaufirma das Laub wegräumen. Von Gloger-Linos Büro wird die Mitte der Wirtschaft in der Bonner Gegend bestückt. Sie vermitteln Sekretärinnen mit Fremdsprachenkenntnissen, Menschen, denen man Geld anvertrauen muss, oder Büroarbeiter, die sich im deutschen Krankenversicherungs- und Steuersystem auskennen müssen. Oder auch Männer und Frauen, die wissen, wie man ein Telefon- und Kommunikationskabel verlegt.

Gerade jetzt sucht sie jemanden ganz besonderen, einen Tiefbauingenieur, "der ist ganz selten in Deutschland zu finden". Jemand der sich "mit Abwässern und gleichzeitig mit Müll auskennt". Fast hat der Beobachter den Eindruck, er sitzt einer Headhunterin gegenüber. "Nein", wiegelt sie ab, "die arbeiten doch viel zu unprofessionell".

"Ich hatte nie an die Krise geglaubt"

An die Wirtschaftskrise habe sie bislang nicht so richtig glauben können. Bis ihr die letzten zwei Monate die Flaute brachten. Nein, vor einem Jahr, als die Krise in aller Munde war, da habe sie davon das Gegenteil gemerkt. Da wurden Leute gesucht, die in Banken etwas zu prüfen hatten, da wurde mit einem Konjunkturprogramm gegengesteuert. Mit der Krise damals ging es für sie bergauf, weil, "das war ja genau der Markt, den wir abdecken".

Krise ohne Arbeitslose?

Bewerbungsmappe (Foto: BilderBox)

Bewerbungen gehen kaum noch ein

Im Geschäftszimmer steht ein Schrank auf einem Sideboard. Wenn ein großer Mann davor stünde, würde der Schrank von der Hüfte bis zum Kopf gehen. Hier sind von A bis Z Fächer eingelassen, so viel Buchstaben, so viel Fächer. Darin liegen Bewerbungen schön säuberlich in ihren Mappen. Der Schrank quillt nicht über, ein bis zwei Mappen in jedem Fach. Und das ist merkwürdig. Wäre es eine richtige Krise, würden viele Menschen bei Gloger-Lino nach Arbeit suchen, sich bewerben, anrufen, um nach dem Stand der Bewerbungen zu fragen. Der Schrank hätte zu wenig Platz. "Eine Krise bringt immer auch Arbeitslose mit", wundert sie sich.

Gloger-Lino ist ratlos und spekuliert: Vielleicht sei jetzt gerade der Punkt dazwischen - zwischen dem, dass die Betriebe krisenbedingt nichts investieren, aber die Mitarbeiter das noch nicht spüren. Und das wahre Ausmaß der Krise käme dann noch. Vielleicht seien die Menschen auch frustriert und bewerben sich nicht.

Klar, habe sie die letzten Monate mit Berufsgruppen zu tun gehabt, die sie sonst nie gesehen hat. Leute aus dem Bankbereich und Akademiker, gut ausgebildete Menschen, daran habe sie schon seit langem eine Krise festmachen können.

"Früher haben wir ohne Sicherheit eingestellt"

Das System einer Zeitarbeitsfirma beruht im Idealfall auf einem Zwischenaufenthalt. Dazu müssen Menschen wie Gloger-Lino ein gutes Gespür entwickeln für die Firmen, die sie bedienen, und für die Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten. Zum Beispiel für - nennen wir sie - Hilde Mayer, eine Frau, die als Sekretärin arbeiten will. Gloger-Lino muss den regionalen Markt im Hinterkopf haben und einschätzen können, ob diese Sekretärin eine Chance hat. Ist das der Fall - sagen wir mal, eine Carbon-Firma sucht eine Sekretärin -, dann geht alles schnell.

Gloger-Lino macht mit dieser Sekretärin einen Arbeitsvertrag und stellt sie an. Zur Arbeit geht die neue Angestellte aber nicht zur Zeitarbeitsfirma, sondern zu der Carbon-Firma, die die Sekretärin gesucht hat. Gloger-Lino leiht ihre Angestellte aus. Wenn die Vermittlung gut war, wird Hilde Mayer bei der Carbon-Firma neu eingestellt. Wenn die Sekretärin nicht geeignet ist, dann trägt Gloger-Lino das Risiko und muss Hilde Mayer so lange behalten, bis der Vertrag ausgelaufen ist.

Früher habe sie nach ihrem Gefühl einfach so jemanden eingestellt, wenn sie dachte, "die ist einfach top, die bekomme ich unter". Diese Zeiten seien vorbei, das Risiko sei zu groß geworden. Aber derzeit sei eben gar nichts los und deswegen müsse sie auch etwas tun, nicht die Hände in den Schoß legen. Sie ruft nun neue Firmen an und macht sich dort bekannt und versucht, alte Kontakte aufzuwärmen.

Und während sie das alles sagt, klingelt auf einmal das Telefon in ihrem Büro, und darauf klatscht die Geschäftsführerin wieder in die Hände. Als ob sie sagen möchte, es ist Zeit, Schluss zu machen, ich muss jetzt arbeiten.

Autor: Carol Lupu

Redaktion: Kay-Alexander Scholz