1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Indien

Auch ein Gott hat mal Durst

Mensch oder Maschine? Das ist bei Anil Hodar auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu sagen. Wenn der Inder auf der Bühne steht, schlüpft er in eine Rolle. Es ist die Rolle seines Lebens. Er spielt Gott.

Video ansehen 01:01

Der menschliche Krishna-Roboter

Stehen. Einfach nur dastehen. Ohne jede Regung. Nicht einmal mit den Augen blinzeln. Und dann, plötzlich, kleine ruckartige Bewegungen, wie aufgezogen. Das ist es, womit Anil Hodar sein Geld verdient. Der 44-Jährige arbeitet im westindischen Bundesstaat Maharashtra als Bühnenkünstler, genauer gesagt als menschliche Statue. Seit 25 Jahren schon. Er verkörpert den Hindu-Gott Krishna, tritt beispielsweise bei Hochzeiten oder öffentlichen Festen auf. "Anfangs verharre ich still in einer bestimmten Pose. Irgendwann fange ich an, mich wie ein Roboter zu bewegen. Dann stehe ich wieder wie eine Statue. Und so wechsle ich immer ab." Drei Stunden dauert so ein Einsatz insgesamt. Harte körperliche Arbeit - auch wenn es vielleicht nicht danach aussieht.

Dabei beobachtet Anil Hodar sein Publikum immer genau. Sieht, wie die Leute manchmal achtlos durch ihn hindurchschauen. Wenn er stumm und steif da steht. Und wie sie dann schlagartig aufmerksam werden, sobald er überraschend die Position verändert und mit Kopf oder Armen wackelt. Wenn er vor vielen Zuschauern steht, ist er zusätzlich motiviert, sagt er. Wenn dagegen mal kaum jemand da ist, dann ist es einsam in seinem Kostüm, langweilig. Dann wird der Job zur Geduldsprobe. Allerdings: Genau davon hat er viel. Geduld ist das Rezept seines Lebens.

Zufallsbegegnung mit Folgen

Das fiel auch den Filmemachern Akash Ajgaonkar und Siddarth Gundawar sofort auf, als sie zufällig auf der Straße auf Anil Hodar stießen.

Akash Ajgaonkar (Foto: privat)

Akash Ajgaonkar war von Anil Hodar sofort fasziniert

Sie waren gerade auf der Suche nach einem Protagonisten für eine fünfminütige Kurzdokumentation, die sie bei einem Video-Blog-Wettbewerb einreichen wollten, zu dem das indische Nachrichtenportal Scroll gemeinsam mit der Deutschen Welle aufgerufen hatte. "Wir haben einen Monat lang wahllos Leute angesprochen, um jemand passendes zu finden. Dabei lernten wir ihn kennen", erzählt Ajgaonkar.

Er wusste sofort: Das ist der Richtige. "Wir fanden ihn sehr vielschichtig und inspirierend." Ein Aspekt stach dem Filmemacher besonders ins Auge: die Beharrlichkeit, die Anil Hodar auszeichnet. Darum sollte es auch in dem Film gehen. "Heutzutage möchte jeder erfolgreich sein oder innerhalb kürzester Zeit reich werden, aber niemand ist bereit, geduldig und beharrlich zu sein. Dabei sind das die Grundvoraussetzungen für Erfolg. Oft ignorieren wir sie aber, und das führt dann zu Misserfolgen und bringt uns dazu, aufzugeben."  

Ein improvisiertes Leben

Für Anil Hodar war Aufgeben nie eine Option. Dabei stand er eigentlich nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Er stammt aus einer Fischerfamilie im Bundesstaat Gujarat. In seiner Jugend half er daheim beim Fischfang und arbeitete ansonsten mal hier, mal da: Er war Assistent bei einem Elektronik-Händler oder nähte Stoff- und Lederteile für einen Sofa-Hersteller zusammen. Einen Schulabschluss oder eine Ausbildung hat er nicht.

Die Idee, als Statue aufzutreten, stammt von einem seiner ehemaligen Chefs. Er probierte es dann halt einfach aus. "Ich habe mir alles zu Hause selbst beigebracht. Dort habe ich geübt, einfach vor die Wand zu starren. Meine Augen haben angefangen, extrem zu tränen. Aber ich bin hartnäckig geblieben." Mittlerweile kann er seine Augen 24 Stunden am Stück offen halten, ohne zu blinzeln.

Anil Hodar schminkt einen Bühnen-Gehilfen (Foto: Akash Ajgaonkar)

Schminken gehört zum Geschäft - auch andere Bühnenkünstler macht Anil Hodar fertig für den Auftritt

Anil Hodar gibt immer 100 Prozent. Etwas anderes gibt es für ihn nicht. "Dieser Glaube an und das Vertrauen in seinen Beruf - das hat mich sehr fasziniert", sagt Akash Ajgaonkar. "Obwohl es offensichtlich ein Job ist, mit dem er nicht viel Geld verdienen kann, gibt er sich ihm völlig hin und ist damit glücklich und zufrieden."  Wenn es gut läuft, dann hat Anil Hodar nach eigenen Angaben am Ende des Monats etwa 10.000 Rupien in der Tasche, das sind umgerechnet gut 130 Euro. Rund 50 Auftritte absolviert er pro Jahr. Die sind allerdings komplett wetter- und saisonabhängig. Es gibt Monate, in denen er überhaupt kein Geld einnimmt.

Alles für die Kinder

Protagonist in einem Dokumentarfilm zu sein, das war für Anil Hodar eine große Ehre, erzählt Ajgaonkar. Er habe sofort eingewilligt, mitzumachen. Allerdings sei er am Anfang sehr schüchtern gewesen, erinnert sich der Filmemacher. Der Mann, der so viele Stunden schweigend auf der Bühne steht, hatte Probleme, in die Kamera zu sprechen. Es  habe ein paar Tage gedauert, bis er lockerer wurde und mehr von sich preisgeben konnte.

Anil Hodar in Krishna-Kostüm (Foto: Akash Ajgaonkar)

Drei bis vier Shows pro Woche absolviert Anil Hodar während der Hochzeitssaison

Anil Hodar berichtet im Film von seinem Vater. "Er sitzt oft im Publikum und erzählt stolz, dass ich sein Sohn bin. Ihn macht es glücklich, was ich tue." Sein eigener Sohn dagegen steht dem Ganzen skeptischer gegenüber. Er glaubt auch nicht, dass sein Vater noch lange als menschliche Krishna-Statue Geld verdienen kann. "Er muss den Job wechseln. Das geht so höchstens noch ein oder zwei Jahre gut. Seine Beine tun ihm jetzt schon weh, er wird nicht weiterarbeiten können." Anil Hodar hält dagegen. "Ich mache noch acht bis zehn Jahre weiter", widerspricht er. Man dürfe einfach die Hoffnung nicht verlieren, dass es klappt.

Die kleinen menschlichen Bedürfnisse eines Bühnengottes

Für seine eigenen Kinder wünscht er sich allerdings einen anderen Beruf. Sie sollen nicht den Weg einschlagen, den er selbst gegangen ist. "Sie brauchen eine richtige Ausbildung und einen guten Job. Ich hatte das nicht. Ich habe es nur Gott zu verdanken, dass ich meinen Lebensunterhalt mit diesen Auftritten bestreiten kann." Seine Kinder sollen dagegen die Möglichkeit haben, das zu tun, was ihrem Vater verwehrt blieb. Sie sollen studieren können und etwas aus ihrem Leben machen. Nicht zuletzt deshalb steht Anil Hodar immer wieder für ein paar Rupien auf der Bühne. Und schlüpft in die Rolle der menschlichen Statue, täuschend echt.

Siddarth Gundawar (Foto: privat)

Siddarth Gundawar drehte gemeinsam mit Akash Ajgaonkar den Dokumentarfilm über den lebenden Buddha

Die Video-Dokumentation von Akash Ajgaonkar und seinem Partner Siddarth Gundawar schaffte es am Ende auf Platz Zwei des Scroll-Wettbewerbs. "Als Anil Hodar erfuhr, dass der Film einen Preis gewonnen hatte, war er total begeistert und hat ihn sich viele Male angesehen", berichtet Ajgaonkar.

Anil Hodar ist stolz, dass das, was er tut, so gut ankommt. Manchmal, so erzählt er, halten Menschen im Publikum ihn sogar tatsächlich für einen elektrisch betriebenen Roboter. "Es kam sogar schon vor, dass jemand überprüft hat, ob ich irgendwo verkabelt bin." Manch einer habe ihn auch schon angefasst, um zu sehen, aus welchem "Material" er sei. Doch bei aller Perfektion: Es gibt einen ganz einfachen Unterschied zwischen ihm und einer Maschine. "Ein Roboter kann ewig weiterlaufen. Ich kann das nicht." Nach einer halben Stunde auf der Bühne braucht er immer eine kurze Pause, bevor es weitergehen könne. Und eine Erfrischung. "Auch ein Gott muss mal was trinken", sagt Anil Hodar und lacht.

Audio und Video zum Thema