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Dachorganisation

Auch die Weltmeere brauchen eine Regierung

"Was wir zuhause machen, das ist ausschlaggebend für die Zukunft der Ozeane", sagt Sebastian Unger, Leiter des Ocean Governance Forschungsbereichs bei der IASS im Interview.

Global Ideas: Herr Unger, Sie stehen der "Ocean Governance" beim Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) vor. Was ist eine Oceans Governance, sprichwörtlich eine Regierung der Meere?

Sebastian Ungerer: Der Begriff 'Governance' bedeutet für uns in erster Linie, wie wir Entscheidungen für einen nachhaltigen Umgang mit den Meeren treffen. Das umfasst sehr viel mehr als das Regieren und Regulieren. Hier mischen sich harte, rechtliche, internationale Verpflichtungen von Staaten mit zivilgesellschaftlichen Prozessen und Akteuren. Alles zusammen spielt eine ganz wichtige Rolle bei der Entscheidung, wie wir mit den Meeren umgehen sollen.

Wie teilt sich das Meer auf, also wem gehört wie viel und welche Regelungen greifen?

Portrait von Sebastian Unger (privat)

Sebastian Unger ist der Vorsitzende des Ocean Governance Department beim IASS

Die Ozeane haben auch so eine Art Grundgesetz, das Internationale Seerechts-Übereinkommen. Damit werden die Meere in unterschiedliche Zonen eingeteilt. Am Anfang steht die 12 Seemeilen-Zone, das sind die Gewässer, die quasi noch zu den Staaten gehören. Die Regierungen haben hier eine ähnliche Hoheitsgewalt wie an Land. Und wenn wir weiter raus gehen, nimmt die Souveränität der Länder immer weiter ab. In der sogenannten Wirtschaftszone geht es um die Nutzung der natürlichen Ressourcen des Meeres. Hier ist die Schifffahrt schon durch eine UN-Organisation geregelt, die Internationale Seeschifffahrts-Organisation. Auch die Fischerei wird jenseits der Hoheitsgewässer durch internationale Abkommen geregelt. Das ist ein stark zersplittertes System. Gemeinsame Vereinbarungen zu finden ist schwierig.

 

Was bedeutet das für die Ozeane - kann ab einem bestimmten Abstand zur Küste jeder machen, was er will, weil es keiner kontrollieren kann?

Je weiter man von der Küste weg kommt, desto weniger konkrete Regelungen gibt es.

Trotzdem muss es ein Management auch in diesen Gebieten geben, wo die "Freiheit der Hohen See" gilt. Denken wir nur mal an die Fischerei - wir gehen im Moment davon aus, dass fast 90 Prozent der weltweiten Fischbestände entweder überfischt sind, oder bis an den Rand der Nachhaltigkeit ausgenutzt werden. Hier gibt es Einschränkungen.

Eine Ladung Fisch auf einem Fischereiboot (Getty Images/AFP/M. Mochet)

Deutschland muss als einer der größten Fischmärkte der Welt beim Thema Nachhaltigkeit vorangehen


Wie sehen die aus?

Mit dem "Internationalen Seerechts-Übereinkommen" einher geht die Verpflichtung zum Schutz der Meere. Wir müssen, und das ist auch festgeschrieben, ein Gleichgewicht finden. Staaten haben das Recht, diese Meeresgebiete zu nutzen, aber gleichzeitig haben sie die Pflicht, sie zu schützen. Noch reichen unsere Instrumente nicht aus, um das durchzusetzen. Das liegt zum einen daran, dass die Instrumente, die wir schon haben - also zur Fischerei, oder zum Tiefseebergbau - nicht miteinander kommunizieren. Zum anderen gibt es aber auch große rechtliche Lücken. Für die Hohe See, also das Gebiet jenseits der Hoheitsgebiete von Nationalstaaten liegt, haben wir kein Instrument, um die Artenvielfalt zu schützen. Und die Hohe See bedeckt etwa die Hälfte der Erdoberfläche.

Ein Mann sammelt Plastikabfälle an einem Strand (picture-alliance/dpa/C. Thompson)

Um die Verschmutzung der Ozeane zu stoppen, ist mehr nötig als sammeln

So eine gewaltige Fläche zu verwalten, wie packt man das an?

Zur Zeit laufen zwei wichtige Prozesse, die beide 2012 gestartet sind, bei der großen Rio+20 Konferenz. Die Staaten haben sich damals dazu durchgerungen, ein rechtlich bindendes Instrument für den Schutz der Artenvielfalt auf der Hohen See zu schaffen. Nun läuft ein Verhandlungsprozess, der Elemente für ein neues Übereinkommen zum Schutz der Hohen See identifiziert und ein Paket an Themen schnürt, die in eine offizielle Verhandlungskonferenz münden soll. Abschluss einer solchen Konferenz wäre dann ein solches Abkommen zum Schutz der Hohen See.

Und der andere Prozess, das ist die "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung". Das ist ein wichtiger Prozess, nicht nur für die Meere, sondern für die nachhaltige Entwicklung insgesamt. Da geht es dann um die Bekämpfung von Armut, um Ernährungssicherheit und auch um die Frage, wie die Meere nachhaltig genutzt werden können. Die Meere werden also als zentraler Bestandteil von Nachhaltigkeit verstanden und das ist wichtig, um Themen wie Meeresvermüllung angehen zu können, oder Wege zu finden, die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Meere zu bekämpfen.

Wie kann man überwachen und kontrollieren, dass sich tatsächlich alle Staaten, die sich verpflichtet haben, auch daran halten?

Hier gibt es glücklicherweise Fortschritte, damit Verpflichtungen nicht bloße Absichtserklärungen bleiben. Wenn wir an die Fischerei denken, haben Staaten beispielsweise durch die Hafenstaatkontrolle gute Möglichkeiten zu kontrollieren, wo der Fisch herkommt. Sie können nachvollziehen, aus welchen Gebieten die Fische kommen und von welchen Booten sie gekommen sind. Deutschland hat als einer der größten Fischerei-Märkte der Welt eine große Verantwortung, Maßnahmen für nachhaltige Fischerei weltweit zu unterstützen und durchzusetzen. Auch der Kunde hat eine große Verantwortung dabei mit der Entscheidung, welchen Fisch er kauft und wie der Fisch auf Hoher See gefangen wird. Darüber hinaus gibt es natürlich moderne Technik, Satellitenüberwachung oder Kommunikationssysteme, über die Schiffe kontrolliert werden können. Inwieweit kriminelle Handlungen aber tatsächlich strafrechtlich verfolgt werden, ist wieder eine ganze andere Frage.

Braucht man Vorreiter, um andere Länder mitzuziehen und so Nachhaltigkeit und Bewusstsein zu schaffen?

Ich denke, das ist ganz wichtig. Und es gibt viele Länder, die mit gutem Beispiel vorangehen. Darunter sind auch viele Entwicklungsländer. Nehmen Sie die kleinen Inselstaaten. Für die steht das Thema Meeresschutz ganz oben auf der politischen Agenda, weil es für sie überlebenswichtig ist. Dort werden ganz innovative Ansätze entwickelt, auch im Bezug auf nachhaltige Klimaschutz-Finanzierung.

Diese Ansätze werden auch Thema auf der UN Oceans Conferenceim Juni sein. Das ist die erste große UN-Konferenz, die sich ausschließlich mit Meeresschutz beschäftigt. Staaten und andere Akteure sind aufgerufen zu helfen, mit freiwilligen Verpflichtungen die Nachhaltigkeitsziele für die Meere zu erreichen.

Ein überschwemmtes Gebiet auf den Marshall Inseln (Getty Images/AFP/H. Hosia)

Tiefliegende Länder, wie die Marshall Inseln - hier nach einer Überflutung - sind besonders stark vom Klimaschutz abhängig und drängen deshalb auf einen Erfolg

Können Sie dazu Beispiele nennen?

Die Meere, Fische und Meeresverschmutzung halten sich nicht an Landesgrenzen und Zonen. Staaten müssen deshalb in Meeresregionen zusammenarbeiten und gemeinsam aktiv werden. Das Projekt Fish-I for Africa ist ein Beispiel. Hier arbeiten unterschiedliche Küstenwachen und Strafverfolgungsbehörden zusammen, um die illegale Fischerei zu bekämpfen. Solche regionalen Ansätze sind sehr erfolgversprechend und sollten weiter unterstützt werden.

Reden wir noch über die Meeresverschmutzung - wo muss man ansetzen, um da erfolgreich gegenzusteuern?

Wir müssen realistisch sagen: Wenn wir das Meeresmüll-Problem in den Griff bekommen wollen, reicht es nicht, Müll von den Stränden zu sammeln. Wir müssen vorher ansetzen und den Müll gar nicht erst entstehen lassen. Und der Meeresmüll stammt zum großen Teil vom Land. Er ist 1:1 an das Wirtschaftswachstum gekoppelt. Je mehr die Wirtschaft wächst, desto mehr Müll gibt es. Das muss entkoppelt werden. Das gilt für Länder wie China, Indien oder Brasilien, aber auch für Deutschland. Wir müssen eine Kreislaufwirtschaft und Recycling auch in den Wirtschaftswachstumszentren etablieren. Um dasNachhaltigkeitsziel 14zu erreichen, müssen wir auch beim nachhaltigen Konsum und der nachhaltigen Produktion Fortschritte erreichen. Die sind ganz zentral für den Schutz der Meere. Was wir zuhause machen, was wir in großen Ballungszentren an Land machen, das ist ausschlaggebend für die Zukunft der Ozeane.

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