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Europa

"Auch die Behörden haben Schuld an den Bränden"

Täglich brechen in Russland Hunderte neue Waldbrände aus. Wie es soweit kommen konnte und welche Folgen die Brände für die Natur haben, erklärt Aurel Heidelberg, Waldexperte der Naturschutzorganisation WWF.

Aurel Heidelberg, Waldexperte des WWF (Foto: Andreas Eistert/ WWF)

Aurel Heidelberg: Die Wälder wurden jahrelang falsch bewirtschaftet

DW-WORLD.DE: Herr Heidelberg, der russische Präsident Dimitri Medwedew, sagt, dass die beispiellose Hitzewelle, die das Land derzeit heimsucht, die Hauptursache für diese Brände sei. Was halten Sie von dieser Begründung?

Aurel Heidelberg: Es ist sicherlich richtig, dass der Klimawandel ein ganz großer Faktor beim Auslösen der Waldbrände ist. Diese Wetterextreme, speziell sehr trockene, heiße Sommer haben einen sehr großen Einfluss auf das Risiko von Waldbränden - generell weltweit. Aber letztendlich wäre es zu einfach, dem Klimawandel allein die Schuld zu geben. Das Problem ist viel mannigfaltiger - vor allen Dingen in dem Gebiet um Moskau und im Südwesten Russlands. Zum Einen brennt da ein sehr großer Teil von ehemaligen Feuchtgebieten. In diesen Gebieten ist jahrzehntelang massiv Torf abgebaut worden. Diese ehemaligen Sumpfwälder liegen jetzt brach und sind trocken. Und dieses trockene Torf ist sehr leicht entzündlich. Daraus entstehen Schwelbrände, die man nicht so ohne Weiteres löschen kann. Insofern ist das neben der Hitze und dem Klimawandel auch noch ein Grund, warum gerade diese Regionen jetzt brennen. Zum Anderen hat die Waldwirtschaft, die jahrzehntelang dort in dieser Region praktiziert worden ist, dazu geführt, dass diese Wälder sehr instabil geworden sind - ein hohes Risiko für Waldbrände.

Sie sagen, die Brände sind schwer zu löschen. Aber auch insgesamt wirken die russische Feuerwehr und die Behörden recht machtlos angesichts der Brände. Warum bekommen die Behörden die Brände nicht in den Griff?

Russlands Präsident Dimitri Medwedew (links) und der Katastrophenschutzminister Sergei Schoigu (Foto: AP)

Medwedew (links) hält den Klimawandel für die Ursache der Brände

Problematisch sind die Umstrukturierungen in der Forstverwaltung. Es ist unklar, wer jetzt beispielsweise zuständig ist für die Waldbrandbekämpfung und -prävention in Russland. Da sind zum Einen die nationalen Waldbrandsbekämpfungsbrigaden, von denen viele wegen Sparmaßnahmen aufgelöst worden sind. Auch nationale Waldbrandprävention und -bekämpfung findet eigentlich wenig statt. Durch eine neue Forstgesetzgebung sind die Verantwortlichkeiten an die regionalen Behörden übertragen worden und viele der regionalen Behörden sind schlichtweg überfordert mit der Bekämpfung der Waldbrände, beziehungsweise mit der Waldbrandprävention. Es ist oft ein Problem der Koordinierung. Die Regionen müssen sich dann koordinieren und das ist in vielen Fällen einfach nicht mehr gegeben.

Welche Rolle spielen denn bei der Situation jetzt fahrlässige oder auch absichtliche Brandstiftung?

Brennendes Feld in Russland (Foto: AP)

Trockene Felder lassen nicht nur die Ernte ausfallen, sondern sind auch eine Brandgefahr

Sicher ist Brandstiftung oft auch ein Auslöser für Waldbrände. Das ist häufig einfach Fahrlässigkeit. Wir wissen, dass bis zu 74 Prozent der Waldbrände durch Menschen - fahrlässig oder bewusst - verursacht werden. Aber die eigentliche Ursache liegt halt doch wesentlich tiefer und zwar in der Bewirtschaftung der Wälder, beispielsweise im Raubbau. Und die Mischung all dieser Faktoren, führt dann eben wirklich dazu, dass es zu solchen massiven Waldbränden kommt.

Russland besitzt die größte Waldfläche weltweit, wie sieht denn da überhaupt ein Konzept aus, um diesen Wald zu bewirtschaften?

Oft werden Konzessionen vergeben an private Unternehmen, die dann eigentlich mehr oder weniger frei walten können. Es werden große Gebiete kahl geschlagen, die dann entwaldet zurückgelassen werden. Auch das ist wieder problematisch. Diese Wälder können sich nicht ohne Weiteres allein wieder rehabilitieren und verjüngen. Oft kommt es zu einer Versteppung und zu einer Vergrasung auf diesen Flächen, die dann auch wieder gerade im Hinblick auf extreme Trockenheit für Brände anfällig sind.

Gibt es Ansätze, eventuell Kampagnen oder Ähnliches in Russland, die darauf abzielen aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

Feuerwehrmann löscht einen Brand in einem russischen Wald (Foto: AP)

Ungleicher Kampf: russischer Feuerwehrmann gegen die Waldbrände

Die gibt es sicherlich. Es ist gerade eine große Aufgabe des World Wide Fund for Nature (WWF) in Russland, präventiv zu arbeiten. Die Leute müssen sensibilisiert werden. Es ist extrem wichtig, sich gerade in der Waldbrandzeit vorsichtig im Ökosystem Wald zu verhalten. Ein positives Beispiel gibt es im fernen russischen Osten, wo der WWF Deutschland als Partner mit WWF Russland ein großes Projekt umsetzt. In der Amur-Region soll eine große Waldfläche geschützt und nachhaltig bewirtschaftet werden. Es geht nicht nur um reinen Schutz, es geht auch um die Bewirtschaftung dieser Wälder.

Wer profitiert denn konkret vor Ort davon?

Das ist vor allem die lokale und indigene Bevölkerung, die es in diesem Gebiet noch gibt. Wir haben speziell Wert darauf gelegt, dass Einheimische langfristig von diesen Maßnahmen profitieren.

Lassen sich denn solche Maßnahmen auch in anderen Landesteilen Russlands umsetzen?

Sicherlich, denn viele der Gegebenheiten sind sehr ähnlich. Die Amur-Region soll ein Modellprojekt sein, was dann hoffentlich Schule macht und sich in vielen anderen Bereichen Russlands fortsetzen wird.

Interview: Mirjam Gehrke
Redaktion: Nicole Scherschun

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