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Europa

Attentat stört Wahl in Belgien nicht

Der Attentäter, der vier Menschen im Jüdischen Museum erschoss, ist flüchtig. Das bringt die Belgier allerdings nicht aus der Ruhe. Derweil gibt es über die Tatmotive keine neuen Erkenntnisse, nur Spekulationen.

In Belgien scheint am

Super-Wahlsonntag

(25.05.2014) die Sonne. Sommerwetter. Blauer Himmel. Das passe nicht ganz zur Gemütslage einen Tag nach dem Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel, meint der belgische Ministerpräsident Elio di Rupo bei der Stimmabgabe in Bergen: "Das ist ein heller strahlender Tag für die Demokratie, aber ein dunkler Tag für unser Gemüt, mit Blick auf das, was gestern geschah. Wir sind in Belgien auf so etwas nicht vorbereitet. Ich hoffe, dass die Polizei den Täter so schnell wie möglich findet."

In Brüssel ist nur noch ein Stück der kleinen Straße abgesperrt, an der das Jüdische Museum liegt. Auf dem benachbarten Sablon-Platz haben Cafes und Restaurants wie üblich geöffnet. Die Stadt ist voller Menschen - Touristen und Wähler. Denn in Belgien herrscht Wahlpflicht bei der Europawahl sowie den nationalen und regionalen Parlamentswahlen, die an diesem Sonntag gleichzeitig stattfinden. Die Gefahr, die von dem immer noch flüchtigen bewaffneten Täter ausgehen könnte, hält die Menschen nicht davon ab, wie geplant wählen zu gehen.

Jazz-Musik übertönte die Schüsse

Der belgische Premier Elio Di Rupio gibt bei der Wahl seine Stimme ab (Foto: AFP PHOTO / BELGA / BENOIT DOPPAGNE)

Premier Di Rupo gibt seine Stimme ab

Auch unmittelbar nach dem

Anschlag am Samstag

(24.05.2014) war von Betroffenheit der Passanten wenig zu spüren. Das Musikfest in der Stadt ging wie geplant weiter. Am Abend feierten wie immer junge Leute in der gesamt Altstadt. Die Polizei hatte Mühe, große Gruppen von Schaulustigen zu bändigen, die einen Blick auf den Tatort ergattern wollten, der mit weißen Plastikzäunen und Polizeiwagen abgeschirmt wird.

"Wir haben erst ja nicht mitbekommen, was da überhaupt passiert", sagte eine Kneipenwirtin der belgischen Zeitung "Le Soir". "Die Jazz-Musik war so laut, dass niemand die Schüsse hören konnte." In ihrem Kommentar sprach die Chefredakteurin von "Le Soir" zwar davon, dass Belgien geschockt sei, aber die offizielle Trauer hält sich in Grenzen. Auf dem Königspalast, der nur 500 Meter vom Tatort entfernt ist, und auf dem Parlament wehen die Fahnen nicht auf Halbmast. Die Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen in Brüssel und Antwerpen wurden verschärft, teilte die Polizei mit.

Der Bürgermeister von Antwerpen, Bart de Wever, könnte mit seiner Partei NV-A, die Flandern mehr Unabhängigkeit verschaffen will, die Parlamentswahlen gewinnen. Auch er verurteilte das Attentat. "Das ist ein schrecklicher Anschlag. Wir haben hier in Antwerpen auch eine große jüdische Gemeinschaft, die betroffen ist. Wir werden sehen, ob und wie sich die Ereignisse auf die Wahl auswirken."

Motive des flüchtigen Einzeltäters unklar

De Wever, Bürgermeister von Antwerpen, bei der Wahl (Foto: Mark Renders/Getty Images)

De Wever, Bürgermeister von Antwerpen, will Premier werden

Die Staatsanwaltschaft in Brüssel teilte auf einer improvisierten Pressekonferenz am Vormittag mit, dass der Attentäter, der zwei Israelis und einen Franzosen erschoss, weiter auf der Flucht ist. Die ganze Nacht über hatten die Ermittler die Bilder der Überwachungskameras aus dem Jüdischen Museum und andere Aufnahmen von Kameras in der Umgebung ausgewertet. "Daraus ziehen wir den Schluss, dass der Täter alleine gehandelt hat, gut vorbreitet und bewaffnet war. Zurzeit fahnden wir aktiv nach dem Täter. Deshalb rufen wir die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Identifizierung des Täters auf", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft im Justiz-Palast unweit des Tatorts. Am Mittag wurde ein Bild des Tatverdächtigen ins Internet gestellt, der immer noch bewaffnet irgendwo in Belgien oder im benachbarten Ausland sein könnte.

Die Ermittler konnten nicht bestätigen, dass es sich um einen anti-semitischen, rechtsextremistischen oder islamistischen Terror-Anschlag handelt. Die Motive des Täters lägen völlig im Dunkeln. Jüdische Organisationen in Belgien und der Ministerpräsident Israels hatten von einem Terror-Anschlag gesprochen. Benjamin Netanjahu, der israelische Regierungschef ließ per Twitter mitteilen: "Die Morde von Brüssel sind Ergebnis einer andauernden Aufstachelung gegen Israel seitens verschiedener Elemente im Nahen Osten und in Europa selbst."

Netanjahu hofft auf Papst Franziskus als Verbündeten im Kampf gegen Antisemitismus. Franziskus reist am Abend nach Israel. Auch der französische Staatspräsident Francois Hollande sagte, er habe wenig Zweifel, dass die Tat einen anti-semitischen Hintergrund habe.

Ein zweiter Mann, der unmittelbar nach der Bluttat verhaftet wurde, bleibt weiter als "Zeuge" im Gewahrsam, so die Staatsanwaltschaft. Auch das vierte Opfer der Bluttat ist inzwischen seinen Verletzungen erlegen. Der junge Belgier starb am Sonntag in einem Brüsseler Krankenhaus, wie der Präsident der Belgischen Liga gegen Antisemitismus, Joël Rubinfeld, in Brüssel sagte.

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