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Nahost

Attentäter zetteln "Krieg der Gläubigen" an

Die internationale Presse verurteilt den Anschlag auf koptische Christen im ägyptischen Alexandria. Bei dem Selbstmordattentat nach einer Messe in der Silvesternacht starben mindestens 21 Menschen.

Themenbild Presseschau (Bild: DW)

Die konservative britische Zeitung The Times kommentiert den Selbstmordanschlag vor einer koptischen Kirche in Alexandria so:

Die Bomben von Alexandria lassen befürchten, dass die Terrororganisation Al-Kaida bei dieser entsetzlichen Tat ihre Hand direkt im Spiel hat. Bis jetzt hat es Al-Kaida nicht geschafft, sich im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt festzusetzen, weil dort die Muslimbruderschaft und andere islamische Oppositionsgruppen unterdrückt wurden. Es ist außerdem zu befürchten, dass die christliche Minderheit zum Sündenbock einer frustrierten Mehrheit der Muslime wird, die sich durch die kürzlichen Parlamentswahlen um ihre Stimme betrogen fühlt. Der Wahlbetrug, der der regierenden Partei eine unglaubwürdige Vierfünftel-Mehrheit gebracht hat, hat nur die Unzufriedenheit mit dem alternden Präsidenten Mubarak und seinem ehrgeizigen Sohn verstärkt.

Von einer "gezielten Destabilisierung" spricht die in der Schweiz erscheinende Neue Zürcher Zeitung:

Die Wut über den autoritären, als unfähig und korrupt empfundenen Staat geht weit über das Lager der Islamisten hinaus. Manche Christen wittern in Mubaraks System eine gezielte Marginalisierung aller Kopten. Selbst wenn Mubarak in seinem 80-Millionen-Staat die Sicherheit für die rund 8 Millionen Christen verstärken sollte, ist mit künftigen Anschlägen zu rechnen. Das Kalkül der Attentäter von Alexandria zielt darauf, im Vorfeld der im September stattfindenden Präsidentschaftswahl jene Instabilität zu erzeugen, die für ein Ende der Ära Mubarak Voraussetzung ist. Dazu einen Krieg der Gläubigen anzuzetteln, ist nicht ihr Ziel, sondern Mittel zum Zweck.

Auch das in Düsseldorf erscheinende Handelsblatt äußert sich zu dem Attentat in Ägypten:

Osama Bin Ladens Terrorgruppe Al-Kaida hat ihre tödliche Strategie wieder einmal geändert: Nun werden gezielt Christen im Nahen Osten attackiert, wird ein neuer Glaubenskrieg provoziert. Dies ist eine Herausforderung auch für uns: Berlin, Brüssel und Washington müssen eine Strategie zum Schutz der Christen dort entwickeln und endlich viel mehr tun für Stabilität im Nahen Osten. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, ob sich in der Region ein gemäßigter Islam durchsetzt oder islamistischer Terror.

Die konservative Pariser Zeitung Le Figaro interpretiert den Angriff der Terroristen als Zeichen von Machtlosigkeit und Feigheit:

Die Terroristen von Al-Kaida haben es nicht geschafft, den ungläubigen Feind aus ihren Gebieten zu vertreiben, also zielen sie jetzt gegen diejenigen, die sie als Verbündete des verteufelten Westens betrachten. Mit diesem Angriff beweisen die Terroristen einmal mehr ihre Feigheit und ihre absurden Zielvorstellungen. 100 französische Parlamentarier haben sich in einem Appell für die Christen in der arabischen Welt eingesetzt. Diese Initiative ist zu begrüßen. Man bewundert auch den Mut der Kopten in Ägypten, die diese Gewalt nicht als schicksalsgegeben hinnehmen wollen. Es ist Aufgabe der Regierungen im Nahen Osten, ihre Minderheiten zu schützen. Doch es ist die Frage, ob ein politischer Wille dafür vorhanden ist.

Den Beginn eines "neuen blutigen Weges" befürchtet der Mailänder Corriere della Sera. Er schreibt:

Mit dem Massaker von Alexandria haben die ägyptischen Salafiten die Vorschläge der irakischen Al-Kaida befolgt, Christen umzubringen. Das nächste Szenario, das von den Nato-Geheimdiensten befürchtet wird, ist nun, dass die irakischen Islamisten es geschafft haben könnten, Einzelgänger in Europa anzuheuern - mit dem Auftrag, Anschläge zu organisieren, wenn möglich zu den Hauptfesttagen. In diesem Zusammenhang könnte der Selbstmordattentäter von Stockholm von vor Weihnachten der Beginn eines neuen blutigen Weges gewesen sein.

Auch die ägyptische Presse setzt sich mit dem Anschlag auf die koptischen Christen im eigenen Land auseinander. Die als regierungsnah geltende Tageszeitung Al-Ahram meint:

In Ägypten versuchen extremistische und terroristische Gruppierungen, die in einem religiösen Gewand daherkommen, Unruhe zu stiften und Zwietracht und Verwirrung zu erzeugen. Doch Verwirrung hat den gesamten Nahen Osten erfasst. Der Region stehen viele mögliche Kriege bevor. Das Palästinenserproblem ist immer noch nicht gelöst. Die Liste der Probleme, die der Iran verursacht, ist auch lang – auch wir hatten unsere Erfahrung mit Hisbollah – und andere Gruppierungen wie Al-Kaida terrorisieren uns immer noch. All diese ungelösten Probleme erfordern unsere Vorsicht und Wachsamkeit. Denn jeder, der konfessionelle Zwietracht sät, unterstützt die Terroristen in ihrem Plan, die Stabilität unseres Landes zu gefährden. Dem müssen wir begegnen, um die Stärke und die Einheit der Ägypter zu bewahren.

Die regierungskritische ägyptische Zeitung Almasri Alyaum dagegen sieht die politische Führung Ägyptens in der Verantwortung:

Das Attentat war nicht die Tat eines einzigen jungen Mannes, oder auch von drei, vier jungen Männern. Die Tat hat eine verbrecherische Bande begangen, angeführt von Politikern, die sich lediglich um ihre Interessen, ihre Posten und die Zukunft ihrer eigenen Kinder sorgen. Dadurch haben sie der Religion die Möglichkeit gegeben, sich in die Politik einzumischen. Der Kirche haben sie erlaubt, zu einem Staat für Christen zu werden. Den Islamisten haben sie erlaubt, ihren Extremismus und ihre Ignoranz im Lande zu verbreiten. Aus Angst um ihre Posten haben diese Politiker die Politik getötet, deshalb suchten die Menschen Zuflucht in der Religion. Sie haben erreicht, dass die Menschen ihr eigenes Land hassen und stattdessen ihre Parolen mal im Namen des Kreuzes, mal im Namen des Koran rufen.

Zusammengestellt von: Katrin Ogunsade/Nader Alsarras (dpa)

Redaktion: Thomas Latschan